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Jaron Lanier im Gespräch : Warum wollt ihr unseren Quatsch?

  • -Aktualisiert am

Wir haben noch nicht wirklich eine Ära der sozialen Netzwerke. Bisher sind sie eher ein Schema, um Investoren zu fangen, ohne Profit abzuwerfen. Wir erleben die Frühphase, fast jeder ist noch glücklich. Aber das wird sich ändern. Wir könnten eine neue soziale Katastrophe erleben. Wer hatte jemals so viele Informationen über die Individuen? Die Konzerne haben schon jetzt die Fähigkeit, jeden zu beeinflussen, etwa ob und wen die Menschen wählen. In den Händen der Falschen könnten sie ein machtvolles Werkzeug werden, etwas, wovon Diktatoren früher nur geträumt haben. Und es gibt keinerlei Kontrolle. Wir haben eben nur das Glück, dass es gerade ganz nette Leute sind, die die Netzwerke steuern.

Viele hatten davon geträumt, dass das Netz die Welt demokratischer macht, den Ohnmächtigen eine Stimme gibt. Heute sehen wir, wie sich die Gesellschaft in Schwärmen organisiert, die immer weniger miteinander kommunizieren.

Wir sehen eine Zunahme politischer Kommunikation, aber eine Abnahme politischer Teilhabe. Der Grund, warum ich darauf nicht schon früher in unserem Gespräch eingegangen bin, ist schlicht, dass ich nicht sicher bin, ob das auf die Netzwerke zurückzuführen ist.

Werden die Netzwerke nicht schon längst als Propagandainstrumente genutzt, von Russland etwa, um den Westen in der Ukraine-Krise zu beeinflussen?

Das sehen wir auch in China. Es gibt zwei Antworten, je nachdem, auf welcher Seite Sie stehen. Das Silicon Valley antwortet: Der Regierungsapparat ist das Problem, Tech-Firmen sind die Antwort. Google und Facebook gegen Putin. Oder so etwas. Die bessere Antwort ist: Diese Konzerne haben machtvolle Instrumente der sozialen Kontrolle entwickelt. Staatsapparate können damit Menschen gewinnen, die auf traditionelle Propaganda nicht hereingefallen wären. Es ist billiger, einfacher und schneller als früher. China und Russland geben uns eine Ahnung davon, was passieren würde, wenn Google und Facebook in die falschen Hände fallen würden.

In den Neunzigern haben wir alle gedacht, das Netz könne man nicht kontrollieren. Nun sehen wir, wie es von einigen Mächten zur perfekten Kontrolle genutzt wird.

Das ist nicht ganz richtig. In den frühen Neunzigern waren viele von uns besorgt, dass digitale Netzwerke Instrumente der sozialen Kontrolle werden könnten. Wir hatten das schon verstanden. Wir kannten Skinners Experimente. Uns war klar, dass, wenn alle über digitale Netzwerken interagieren, man damit Verhalten manipulieren könnte. So subtil, dass es für die Nutzer kaum spürbar wäre: Dem ganzen Projekt wohnte von Anfang an eine enorme Versuchung zum Machtmissbrauch inne.

Warum haben Sie nichts getan, damals?

Wir haben uns die Köpfe heißgeredet. Und ich möchte nichts Negatives über Tim Berners-Lee sagen, weil es damals eine Experimentier-Phase war, weil ein ganzer Haufen anständiger Leute experimentiert hat. Aber wir alle wussten, dass die spezielle Struktur das WWW verwundbarer für Missbrauch machte als einige frühere Ansätze, etwa der von Ted Nelson in den Sechzigern und seiner Idee eines Netzes aus Zwei-Wege-Links.

Das müssen Sie erklären.

Das Problem ist, dass das WWW nur One-Way-Links kennt. So wissen die Nutzer nicht, wo Dinge herkommen, Informationen verlieren ihren Kontext. Es verhindert, dass Menschen die Verfügungsgewalt über ihre Informationen behalten, weil es keinen Weg von den Informationen zurück zu ihren Urhebern gibt. Diesen Rückkanal gäbe es, wenn wir Zwei-Wege-Links hätten, also der Link zum Ursprung an jeder Information haften würde.

Viele sahen das als zu kompliziert an. Das Internet hat sich anders entwickelt.

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