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Jaron Lanier im Gespräch : Warum wollt ihr unseren Quatsch?

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Der oberste Grundsatz einer nutzerorientierten Plattform im Silicon Valley ist, dem Nutzer zu schmeicheln, so viel es irgend geht. Schmeichelei ist ein uraltes Spiel. Und wir im Silicon Valley haben es darin zur Meisterschaft gebracht. Wir verschaffen dem Nutzer die Illusion, dass er viel beliebter ist, als er in Wirklichkeit dasteht. Das nimmt zuweilen erpresserische Züge an. Die Menschen bekommen es mit der Angst, ihre Beliebtheit zu verlieren, wenn sie sich nicht den Regeln unterwerfen, die in den Netzwerken gelten. Also wird es ein Kontrollsystem. Eine klassische kybernetische Kontrolle. Wie eine Skinner-Box.

Die berühmte Box aus der Verhaltensforschung, in der Tieren durch mechanische Belohnung einfachste Verhaltensweisen antrainiert werden ...

Und in der heute Nutzer dressiert werden, sich den Regeln von Facebook und anderen Netzwerken zu unterwerfen, so dass sie in ständiger Furcht leben, die empfundenen Vorzüge des Netzwerkes zu verlieren, wenn sie sich nicht konform verhalten. Was man ihnen erklären muss: Unser Urteil über die Netzwerke, ob sie gut oder schlecht sind, Kreativität fördern oder abhängig machen, sind abstrakte Urteile. Es wäre viel besser, empirisch vorzugehen. Wenn du dich selbst kennenlernen willst, solltest du Facebook verlassen, für eine ausreichende Zeit. Nicht aus dem Glauben heraus, dass es falsch oder böse ist. Sondern einfach als ein Experiment. Um herauszufinden, was Facebook wirklich ist. Und wer du wirklich bist.

Aber kaum jemand tut das.

Niemand kann etwas über sich herausfinden, ohne Risiken einzugehen. Und das wollen die wenigsten. Ich denke, dass ein Teil des Facebook-Phänomens nicht etwa aus einer Silicon-Valley-Strategie resultiert oder aus der Kraft digitaler Netzwerk-Effekte. Sondern es ist eine soziale Konsequenz aus einem veränderten Elternverständnis. Ich bin da als Vater selbst ein Teil des Problems, das muss ich zugeben. Wir sind so überzeugt davon, dass wir Kindheit optimieren müssen. Sie bekommen alle möglichen Unterrichtsstunden, ihr Leben ist durchorganisiert, sie haben dieses riesige Angebot von Bereicherungen, das wir für sie auslegen. Wenn Kinder so aufwachsen, dann suchen sie das auch später. Die neuen kybernetischen Systeme bieten ihnen eine Fortsetzung ihrer organisierten Kindheit. Es ist heute verdammt schwierig, einem Kind zu sagen: Geh raus, spiel auf dem Feld. Du kriegst keinen Klavierunterricht.

Warum tun Sie es nicht?

Ich könnte diese Entscheidung für meine Tochter nicht fällen, und Millionen anderer Eltern können das auch nicht. Aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass es möglicherweise besser für sie wäre. Für die Menschen ist Kindheit extrem wichtig. Wir werden ja völlig hilflos geboren und sind über Jahre auf die Fürsorge der Eltern angewiesen. Ganz anders als bei vielen anderen Kreaturen. Nur bei uns gibt es diese generationsübergreifende Weitergabe von Informationen, woraus sich Kultur und Zivilisation speisen. Und da die Regeln der Zivilisation immer komplexer werden, nimmt auch diese Abhängigkeit im Lauf der Menschheitsgeschichte zu. So langsam werden wir zu ewigen Kindern. Was eigentlich nicht schlimm ist, würde es nicht dazu führen, dass die Unausgewogenheit der Machtverhältnisse zunimmt. Eine sehr kleine Zahl von Menschen herrscht über Information und wird obendrein dadurch superreich. Aber die meisten eben nicht.

Erleben wir gerade das Entstehen einer Facebook-Gesellschaft?

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