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IBM-Supercomputer : Müssen wir Angst vor Watson haben?

  • -Aktualisiert am

Mensch gegen Maschine: Die Quizshow „Jeopardy!“ hat Watson berühmt gemacht. Bild: picture alliance / ASSOCIATED PR

Er weiß nicht nur enorm viel, sondern lernt auch hinzu. Schon wird Watson für die Krebstherapie eingeplant. Wenn die Maschine mehr Kenntnisse hat, als wir je haben können, ist ein neues Stadium erreicht: Besuch beim Supercomputer von IBM.

          8 Min.

          Müssen wir Angst vor Watson haben? „Ich bestimmt nicht“, sagt Dr. Eric W. Brown, einer der Forscher, die am Supercomputer Watson von Anfang an mitgebastelt haben, und lächelt mir aufmunternd zu. Wir sitzen im Thomas J. Watson Research Center der Firma IBM, einem gigantischen gläsernen Ei, das der Architekt Eero Saarinen Ende der fünfziger, Anfang der sechziger Jahre in eine dichtbewaldete Hügellandschaft gelegt hat, eine gute Autostunde nördlich von New York. Watson, der zum Avatar hochgezüchtete Computer, der vor dreieinhalb Jahren die Welt entzückte und aufschreckte, als er im Fernsehquiz „Jeopardy“ seine menschlichen Mitkandidaten übertrumpfte, ist also weder nach Dr. Watson benannt, dem Helfer von Sherlock Holmes, noch nach Thomas A. Watson, den sich Alexander Graham Bell für seinen ersten Telefonanruf ausgesucht hatte. Dieser Watson trägt den Namen des Firmengründers, durchaus bedeutungsschwanger, denn IBM hat noch viel mit ihm vor.

          Zwei Stockwerke tiefer hatte ich ihn kennengelernt. Hinter dicken Glaswänden steht er dort in einem fensterlosen Raum, kein blinkender Showstar mehr, sondern eine kleine, übersichtliche Gruppe von grauen Blechschränken, in denen knapp hundert Server verstaut sind. Etikettiert sind sie als POWER 7. Darum herum Scharen gleichartiger Rechnerbehälter, die allerdings namenlos bleiben, auch wenn sie hörbar nicht weniger aktiv sind. Wie in solchen Serverfarmen üblich, rauschen und schnauben und fauchen sie mit der Klimaanlage um die Wette, als wollten sie die Eleganz ihrer digitalen Architektur Lügen strafen.

          Bald mehr als Quizfragen beantworten

          Vorher schon war ich gewarnt, durch eine E-Mail aus der Kommunikationsabteilung von IBM. „Wir sprechen von Watson nicht als einem Ihm oder einer Sie wie von einer Person“, hieß es da. „Menschen spielen in der Tat eine wichtige Rolle bei der Arbeit mit Watson, aber Watson selbst ist das, was wir ein kognitives Computersystem nennen.“ Inzwischen ist die Hardware dafür in drei Pizzaschachteln unterzubringen. Mehr Platz bedarf es heute nicht, um Watson oder, genauer gesagt, einen seiner Nachfahren, radikal geschrumpft durch technologische Zauberei, unterzubringen. Als kognitives Computersystem kann er sogar unsichtbar und doch anwesend sein. Das zentrale Labor, wo der Aufruf „Think“ und „Piense“ und „Tenk“ und „Dink“ und „Denke“ in Großbuchstaben von der Wand hallt, besteht aus Reihen langgestreckter, mit schwarzen Monitoren übersäter Bürotische. Und wo ist Watson? Er hat sich in die Cloud verzogen.

          Wer als Kunde von IBM Watsons Dienste in Anspruch nehmen will, braucht sich darum nicht einmal die drei Pizzaschachteln ins Büro zu stellen. Das ständig weiterentwickelte Computersystem ist, die richtige Verbindung vorausgesetzt, von überall zu erreichen. Was drunten im Erdgeschoss die Beschriftung POWER 7 aufweist, trägt mittlerweile die Aura des historischen Artefakts. Brown wird mir zwar gleich erklären, dass die alten Server nach wie vor im „produktiven Gebrauch“ sind und für Experimente eingesetzt werden. Aber dem Forscherteam der über die Welt verstreuten und vernetzten IBM Watson Group steht in New York, Tokio oder Haifa nun eine exponentiell wachsende Computerkraft zur Verfügung, um dem rund zehn Jahre alten Vorhaben immer kühnere und gewaltigere Dimensionen zu erschließen. Während Deep Blue es einst zum Verblüffen nicht bloß der Schachwelt gelang, Garry Kasparow schachmatt zu setzen, sollte Watson, der Nachfolger von Deep Blue, bald mehr können, als Quizfragen korrekt zu beantworten. Über „Jeopardy“, sagt Brown, habe freilich ein netter Weg geführt, die Technologie voranzutreiben und Zugang zu „im Text verschlossenen Wissen“ zu finden.

          Gesundheitswesen, Finanzwirtschaft, Einzelhandel

          Bei der kognitiven Computerarbeit, wie sie jetzt den Forschungskern der Watson Group ausmacht, geht es Brown um die „natürliche“ Interaktion zwischen Computer und Mensch. Das heißt, die Maschine muss hören und sehen, gesprochene Sprache verstehen und Bilder erkennen können. Technologie, so Brown, soll sich dem Menschen anpassen, nicht umgekehrt. Welche Ergebnisse zu erzielen sind, wenn „Grenzen der menschlichen Erkenntnis“ durch Computerkraft erweitert werden, deutet sich in der wahrhaft bahnbrechenden Zusammenarbeit der Watson Group mit dem New York Genome Center (NYGC) an, einem biomedizinischen Forschungsinstitut, zu dessen Kooperationspartnern unter anderen das Memorial Sloan-Kettering Cancer Center, das Albert Einstein College of Medicine und die Columbia University gehören. Gemeinsames Ziel ist es, den Datenstrom der Genomforschung so zu kanalisieren, dass er klinische Lösungen preisgibt.

          Kurz vor meinem Treffen mit Brown hatte das NYGC zu einer Pressekonferenz geladen, in der nicht ganz ohne Berechtigung von einem „historischen Ereignis“ gesprochen wurde. „Wir brauchen Watson, um die Medizin zu verwandeln“, sagte Robert Darnell, der Institutspräsident, der mit präzisen Vorstellungen für den Einsatz des Computers aufwartete. Bei der Behandlung des Glioblastoms, eines bösartigen Hirntumors, soll Watson Tausende von Mutationen im Bruchteil einer Sekunde analysieren, darüber weit hinaus aber auch die Daten der genomischen Sequenzierung mit dem kompletten gespeicherten Wissen der einschlägigen medizinischen Literatur und Erfahrung verarbeiten und daraus individuell zugeschnittene Therapievorschläge formulieren. John E. Kelly III, Leiter der Forschungsabteilung von IBM, ließ keinen Zweifel daran, dass Watsons ungeheure Wirkung bei der Krebsbekämpfung sich „sehr, sehr bald“ einstellen werde, weil der Computer die Sprache der Medizin und Gesundheitsfürsorge gelernt habe.

          Lernen heißt aber bei diesem kognitiven System mehr als speichern und analysieren. Nicht länger bedarf es menschlicher Mithilfe, um aus seinem Wissensvorrat und unaufhörlichen Wissensnachschub ebenso unaufhörlich neue, eigene Schlüsse zu ziehen. Der Computer lernt selbst. Und denkt selbst. Droht dem Arzt da nicht bald das Los der bei „Jeopardy“ geschlagenen Quizkandidaten? Welcher Onkologe könnte es in Zukunft noch mit einem besser-, ja allwissenden Dr. Watson aufnehmen? Bei dem die Sprechstunde zur Sprechsekunde wird. Kellys Prognose ist unverblümt: „Die Frage ist nicht, ob, sondern wann eine Maschine Mensch wird.“ Zugleich vergessen die Forscher von IBM nie, zu betonen, ihre Wundermaschine sei nur ein Werkzeug, ein Hilfsmittel, das uns, den technisch hilfsbedürftigen Menschen, ungeahnte Dimensionen des Fortschritts erschließe. Nicht bloß im Gesundheitswesen. Von der Finanzwirtschaft bis zum Einzelhandel, den Watson als „personal shopper“ individualisieren, optimieren und maximieren will, sind die Einsatzmöglichkeiten schlichtweg unbegrenzt.

          Watson versteht den Heuhaufen

          Aus Texas ruft mich John Gordon an, der in der Watson Group dafür zuständig ist, Strategien für die Anwendung der kognitiven Computerarbeit zu entwerfen. Watson, das Lernsystem, das den menschlichen Wissensapparat bloß unterstützen und verbessern sollte, hat ausgedient. Künftig wird von ihm verlangt, seine Weisheit mit den Menschen nicht anders als menschlich zu teilen. „Wir wollen, dass sich das System anders mit den Leuten in Verbindung setzt.“ Anders? Gordon spricht von der „Wissenswirtschaft“, die Watson für jeden erschließt, indem er wie ein Mensch spricht, denkt und Beziehungen aufbaut. Der Geschäftsmann braucht keinen Statistiker und Analytiker mehr, um seine Bilanzen zu verstehen. Er fragt Watson nur: „Wie geht es meinem Geschäft im Vergleich zum letzten Jahr?“ Antwort prompt, verständlich und, es sei ausdrücklich wiederholt, menschlich.

          In seiner neuesten Inkarnation will Watson als „The Debater“ alle nur denkbaren Debatten gewinnen. Sein erster öffentlicher Test kreiste um die Frage, ob der Verkauf von Videospielen an Minderjährige verboten werden sollte. Bevor er eine Antwort gab, verkündete er innerhalb von Sekunden: „Ungefähr vier Millionen Wikipedia-Artikel gescannt, davon die zehn relevantesten behalten. Alle 3000 Sätze in den zehn Top-Artikeln gescannt. Sätze, die Behauptungen der Debattierer enthalten, entdeckt. Umrisse der Behauptungen der Debattierer identifiziert. Die Pro- und Contra-Polarität der Behauptungen der Debattierer abgewogen. Eine Rede mit den Voraussagen der Top-Behauptungen ausgearbeitet. Lieferbereit.“ Richtig menschlich klingt das noch nicht. Trotzdem war das Publikum ziemlich sprachlos, und Kelly jubelte: „So ist das, wenn Mensch und Maschine zusammen überlegen.“

          IBM-Chefin Virginia Rometty im Januar bei einer IBM Watson-Veranstaltung in Manhattan.
          IBM-Chefin Virginia Rometty im Januar bei einer IBM Watson-Veranstaltung in Manhattan. : Bild: REUTERS

          Damit Watson sich auf der persönlichen Ebene noch rascher und überraschender entfalten kann, hat IBM das Watson Ecosystem eingerichtet. Über die Cloud öffnet er sich Unternehmern und Entwicklern, die ihre Ideen mit seiner Megatechnik in Software und Apps verwandeln. So, sagt Gordon, werden die Leute auf die kognitive Computerarbeit eingestimmt. Für ihn ist es die nächste Ära der Datenverarbeitung, der Technogipfel, der über die kommenden Jahrzehnte zu erklimmen ist. Dabei ist dem altgedienten Technologiekonzern IBM sicher nicht vorzuwerfen, im Zuge allgemeiner Menschheitsbeglückung auf kommerziellen Lohn zu hoffen.

          Die beträchtliche Investition soll sich auszahlen. Bis Ende des Jahres wird die Watson Group in die Silicon Alley von Manhattan umquartiert, wo IBM erst einmal eine Milliarde Dollar aufs Spiel setzt, um dort den zweieinhalbtausend Programmierern und Ingenieuren einen anständigen Forschungsstart zu ermöglichen. IBM-Chefin Virginia Rometty lieferte dazu die vollmundige Garantie: „Watson kann nicht nur die Nadel im Heuhaufen finden. Er versteht den Heuhaufen.“

          Umso schwieriger zu begreifen ist die Sache mit dem Werkzeug, als das uns Watson hauptsächlich empfohlen wird. Derart bescheiden dürfte sich ein Protagonist der digitalen Revolution wohl doch nicht an den Rand des global vernetzten Geschehens verdrücken. Der Fortschritt, der sich bei Watson nicht auf Terabyte beschränkt, ist unleugbar und atemberaubend, ob im medizinischen, kaufmännischen oder wissenschaftlichen Bereich. Über die Risiken eines solch sensationsträchtigen Fortschritts aber ist an seinem Geburtsort nicht gar zu viel zu erfahren.

          Die schöne neue Digitalwelt

          Das virtuose Spiel mit Hardware-Plattform und Software-Architektur nimmt in der Beschreibung seiner Erfinder eine handwerkliche Solidität an, an der Skepsis und Besorgnis abprallen. Wer oder was ist Watson? Ein mit Algorithmen gefüttertes Monster, über das der Mensch eher früher als später die Kontrolle verlieren muss? Ein Informationskoloss, der mehr über uns weiß, als wir selbst je wissen werden, und sich nicht scheut, daraus Gewinn zu schlagen? Ein gütiger Tyrann, der uns zu verwöhnen vorgibt, während er unsere Entmündigung in Gang setzt? Eine Wissenswolke, aus der uns Algorithmenblitze treffen? Ein Menetekel biblischen Ausmaßes? Ein Vorbote unserer glänzenden, wenn nicht trüben Zukunft? Oder wirklich nur ein Werkzeug?

          Ein Werkzeug, lediglich ein Werkzeug, so wiederholen es gebetsmühlenartig die Leute von IBM. In Browns Worten: „Unser Ziel war es bisher, ein Werkzeug herzustellen, das der Mensch benutzt, um Hilfe für seine Arbeit zu bekommen.“ Keine Frage, die Rolle des Menschen müsse sich verändern, aber das letzte Wort werde immer er haben und behalten. Der Arzt soll Watson wie einen Spezialisten zu Rate ziehen. Der Geschäftsmann ihn wie eine sagenhaft gut ausgebildete Hilfskraft zu seinem Vorteil einsetzen. Der Käufer von ihm wie von einem bestens informierten Freund durch die Angebotsfülle gelotst werden. Das ist die schöne neue Digitalwelt, die Watson und seine Schöpfer uns ausmalen. Und angesichts einer Euphorie, wie sie etwa von Onkologen und Genetikern ihrem phantastisch bewanderten Assistenten entgegengebracht wird, fällt es einem tatsächlich schwer, Fortschrittszweifel auch nur anzudeuten.

          Partnerschaft zwischen Mensch und Maschine

          Bei IBM wird schon überhaupt nicht gezweifelt. Auch Brown und Gordon sind Wissenschaftler, die vor großen Theorien und Konzepten auf Distanz gehen und sich vor allem anderen in die Machbarkeit ihrer Projekte vertiefen. Zum Umsturzpotential eines Watson, zu seiner Auswirkung auf unsere Selbstbestimmung, zu seinem Talent für die totalitäre Überwachung haben sie nichts beizutragen. „Wir ermuntern diese Art des Gesprächs“, versichert Brown, „aber ich konzentriere mich darauf, die Technologie zu schaffen, die die Lücke füllt, damit der Mensch etwas Interessantes bewirken kann.“

          Angst vor Watson, nein, das hat hier niemand. Seine vielleicht staunenswerteste Fähigkeit, nämlich eigenständig aus seiner Informationsverarbeitung zu lernen, völlig ohne jedes weitere menschliche Zutun, wird stolz angepriesen, von Bedenken gänzlich ungetrübt. Aber gerät Watson so nicht zwangsläufig ins gefährliche Fahrwasser von HAL, dem eigensinnigen Computer aus Arthur C. Clarkes und Stanley Kubricks „2001: Odyssee im Weltraum“?

          John Gordon nimmt den Hinweis auf HAL gar nicht wahr und holt stattdessen nochmals die Standardformel hervor: „Das gesamte Training für Watson besteht darin, ein leistungsfähiger Assistent zu sein und jeden von uns in die Lage zu versetzen, mehr zu tun, als wir allein tun können.“ Partnerschaft lautet für ihn das Stichwort zum Verhältnis von Mensch und Maschine. Eric W. Brown sagt immerhin: „Es kann so etwas wie Spaß machen, über HAL nachzudenken.“ Dann aber gibt er zu, sich doch lieber vom folgsamen Computer aus „Star Trek“ unterhalten zu lassen.

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