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Google-Debatte : Unsere Waffen im digitalen Freiheitskampf

  • -Aktualisiert am

Den Köder, mit dem man uns fängt, haben wir selbst in die Falle gelegt Bild: picture alliance / Bildagentur-online/Tips-Images

Das neofeudalistische Google-Monopol konnte nur mit Hilfe der traditionellen Verlage errichtet werden. Die Anerkennung dieser Mittäterschaft ist der Schlüssel zum Tyrannensturz. Die Mittel zur Befreiung liegen bereit, wir müssen sie nutzen.

          Mathias Döpfner hat eine Angstbeichte abgelegt. Im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung schrieb der Vorstandschef der Axel Springer AG: „Wir haben Angst vor Google. Ich muss das einmal so klar und ehrlich sagen, denn das traut sich kaum einer meiner Kollegen.“ Der Mann sprach, wenn nicht im Auftrag, so doch im Namen der anonymen Ängstlichen, von denen es mehr gibt, als man gemein annimmt. Das Suchbegriffspaar „Google & Angst“ ergibt zwanzig Millionen Treffer allein in deutscher Sprache; das Zehnfache der Paarung „Putin & Angst“.

          (English Version: „Our weapons in the digital battle for freedom“ by Gabor Steingart)

          Soll der Angstvirus sich nicht ins Epidemische ausbreiten, sind therapeutische Sofortmaßnahmen erforderlich. Deshalb rufen wir hier den französischen Humanisten Étienne de La Boëtie zur Hilfe, dessen Traktat „Von der freiwilligen Knechtschaft“ seine Mut fördernde Wirkung historisch bewiesen hat. Das vor knapp fünfhundert Jahren, in tiefster Feudalzeit, erschienene Werk rief die Männer der Aufklärung zum Losschlagen auf. Boëtie hatte nichts Geringeres vorgelegt als ein Manifest gegen das Verzagtsein im Angesicht großer Mächte: „Der Mensch, welcher euch bändigt und überwältigt, hat nur zwei Augen, hat nur zwei Hände, hat nur einen Leib und hat nichts anderes an sich als der geringste Mann aus der ungezählten Masse eurer Städte; alles, was er vor euch allen voraus hat, ist der Vorteil, den ihr ihm gönnet, damit er euch verderbe.“

          Wir gaben Google unsere Herzen und Hirne

          Jeder Willkürherrscher, so das Argument, könne nur deshalb Herrscher sein, weil eine verängstigte Gesellschaft ihm folge - der Despot als die Summe aller Verzagten: „Woher nimmt er so viele Augen, euch zu bewachen, wenn ihr sie ihm nicht leiht? Wieso hat er so viele Hände, euch zu schlagen, wenn er sie nicht von euch bekommt?“ Boëties Schlussfolgerung: „Die Völker lassen sich selbst hunzen und schurigeln; das Volk schneidet sich selbst die Gurgel ab.“

          Gabor Steingart

          Womit wir wieder bei Google, Döpfner und den deutschen Verlagshäusern wären. Denn die Macht von Google, die keiner mehr bestreiten sollte, ist eine Macht, die von den traditionellen Verlagen ausgeht, auch wenn sie nicht dorthin zurückkehrt. Von den vielen Millionen deutschen Dokumenten, die das Google-Archiv auf seinen Servern bereithält, stammt kein einziger Text von einem Google-Mitarbeiter, sondern alles, was da an Artikeln begeistert, polarisiert, langweilt oder einfach nur informiert, ist von den Autoren deutscher Verlage in deutscher Sprache erstellt worden und - Vorsicht: jetzt kommt die Täterbiographie des späteren Opfers zum Vorschein - den Google-Suchmaschinen freiwillig überreicht worden.

          Die Inhalte werden sogar für Google optimiert, auf dass sie sich geschmeidig in die Algorithmenparade einfügen. Wir haben Google nicht nur unsere Augen und Hände, sondern auch unsere Autorenhirne und Leserherzen zur Verfügung gestellt; so dass dem Vorgang der Google-Ermächtigung zunächst alles Zwanghafte fehlt.

          Ja, Google hat im Königreich des Digitalen ein neofeudales Machtmonopol errichtet; aber nein, nicht anonyme Helfer, sondern wir selbst halfen, es gegen uns zu errichten. Wir sind dümmer als die Mäuse, denn wir haben den Speck, mit dem man uns fängt, selbst in die Falle gelegt. Jedwede Angstbeichte muss daher als Selbstbezichtigung gelesen werden.

          Vertreter im digitalen Zeitalter

          Natürlich lässt Google die Zutaten, die wir so geflissentlich anliefern, nicht unbearbeitet. Aus Informationspartikeln erwachsen Datenraster, welche wiederum zu Netzen versponnen werden mit dem Ziel, aus Lesern Käufer zu machen, die Welt der Lektüre in den Orbit des Konsums zu transformieren, das Idealistische in das Materialistische zu verwandeln. Wer liest, wird gelesen, wer kauft, wird selbst zum Produkt, so hat Frank Schirrmacher den Kern von Googles Geschäftsidee freigelegt. Fast dreizehn Milliarden Dollar verdiente das Unternehmen im vergangenen Jahr, vor allem durch das Verfügbarmachen von Lesestoff und Leserdaten gegenüber der Werbewirtschaft.

          Wobei auf Seiten der Werbewirtschaft, spiegelverkehrt zu Döpfners Ängsten, eine Euphorie herrscht, die ebenfalls nur sehr lose mit der Wirklichkeit verbunden ist. Dem mündigen Internetbürger entgeht nicht, welche Anzeige ihm da von Seite zu Seite nachstiefelt; er ist dabei, Allergien zu entwickeln. Der Leser will, darf und wird sich nicht zur willenlosen Kauf- und Konsummaschine reduzieren lassen. Der Freiheitsdrang mag degeneriert sein, verschwunden ist er nicht. Stalking bildet auch im wahren Leben nicht das Vorspiel zur Eheschließung.

          Die datengesteuerte Werbung im Internet erinnert mittlerweile auf fatale Weise an die Drückerkolonnen der frühen Nachkriegsjahre, als man Kosmetika, Plastikschüsseln, Zeitschriften und Lebensversicherungen an der Haustür vertrieb, ach was - verhökerte, verkloppte, aufschwatzte, nur dass die Avatare der damaligen Drücker heute englisch mit uns reden. Ihre Haustür ist unser Computerbildschirm, auf dem die Abgesandten aus der Welt der künstlich erzeugten Bedürfnisse mit Push-Mails, Overlayern und Pop-up-Windows unentwegt auf- und abmarschieren.

          Mittäterschaft der Medienhäuser

          Selbst das Ignorieren der Anzeigenformate trägt noch zum Aufwachsen jener Datenprofile bei, die sich an der Entschlüsselung der menschlichen Begierden und Sehnsüchte versuchen. Google stellt jährlich einen Forschungsetat von rund acht Milliarden Dollar bereit - eine Summe, die dem Sechsfachen der addierten Jahresgewinne von Springer, Burda, Bertelsmann und Holtzbrinck entspricht -, um aus diesem Datenuniversum heraus neue Produkte zu entwickeln: die Datenbrille, das selbstfahrende Auto, den Haushaltsroboter, die Drohne.

          Das Projekt Google Brain, bei dem versucht wird, das menschliche Gehirn nachzuahmen und, wenn möglich, zu übertreffen, zeugt nicht, wie vielfach behauptet, vom Größenwahn der Google-Mitarbeiter, sondern von ihrer realistischen Selbstsicht. Wenn es derzeit eine Firma gibt, die sich mit Aussicht auf Erfolg in diese Gotteszone begeben kann, dann ist es Google.

          Politik und Medienhäuser haben diese Ungeheuerlichkeit in der Morgenröte des frühen Internet möglich gemacht, nicht ahnend, dass es sich um eine Ungeheuerlichkeit handeln könnte. In der Bewusstwerdung unserer Mittäterschaft aber liegt, in dialektischer Verkehrung der bisherigen Geschichte, das Zentralmoment unserer Befreiung. Denn Problem und Lösung, das ist die Erkenntnis, auf die es hier ankommt, wohnen unter einem Dach, dem unsrigen, weshalb wir auf dem Höhepunkt der Google-Macht unverhofft die Waffen der Entthronung in Händen halten. Die neue, aufgeklärte Sicht auf Googles Macht ist dafür die wichtigste Voraussetzung.

          Selbstzerstörerische Gratiskultur

          Google weiß das. Im Börsenprospekt des Unternehmens, also dem vom Staat verlangten Dokument zur Risikoeinschätzung, gibt die Firma Auskunft über die eigenen Ängste. Das klingt dann so: „Wir sind konfrontiert mit Risiken, die sich aus dem internationalen Datenschutz ergeben. Es ist möglich, dass diese Gesetze in einer Art interpretiert und angewandt werden, die nicht mit unserer Praxis im Umgang mit Daten übereinstimmt. Wenn dem so ist, müssten wir unsere Praxis verändern, was wiederum einen materiellen Effekt für unser Geschäft bedeutet.“

          Googles Angst vor dem „materiellen Effekt“ ist unsere Hoffnung. Im Grunde liefert das Unternehmen damit selbst eine Handlungsanleitung für die europäische Politik, die allzu freizügigen Datenschutzgesetze und die daraus erwachsene Google-Praxis, vom kostenlosen Absaugen der Daten bis zum Manipulieren von Suchergebnissen, zu beenden. Unsere Souveränitätsverluste, das ist die fröhliche Botschaft des Börsenprospekts, sind umkehrbar.

          Die Gegenwehr beginnt am besten damit, dass wir aufhören, die Texte unserer Journalisten kostenfrei an Google auszuliefern. Dieser Jahrhundertfehler der Verleger muss korrigiert werden. Wobei nicht die Texte selbst aus der Suchmaschine verschwinden sollten, denn wir wollen ja weiter gefunden und gelesen werden; lediglich ihrem Gratischarakter muss ein Ende gesetzt werden. Das würde dann so aussehen: Die Suchmaschine liefert weiterhin den Hinweis auf den Artikel, der Vorspann bietet wie gehabt die Produktbeschreibung, aber der eigentliche Inhalt wird das, was er immer war: kostenpflichtig. Gutes Geld für gute Arbeit.

          Wir sollten uns nicht länger einreden lassen, dass Sprache und Information im Internetzeitalter Wert und Preis verloren hätten. Die benachbarten Gewerbe, die Filmemacher, Buchautoren und Musiker, belehren uns täglich eines anderen. Steven Spielberg, Joanne K. Rowling und Mick Jagger würden niemals auf die Idee kommen, ihre Arbeiten kostenfrei ins Netz zu stellen, weil sie um das Selbstzerstörerische des Vorgangs wissen. Ein einziger Sommer der Gratis-Filmkultur würde den Hollywood-Studios erst einen Zuschauerrekord und anschließend die Pleite bescheren.

          Aufhören mit den Opfergaben

          Auch Google folgt keineswegs dem Altruismus, den man uns nahelegt. An die eigenen Aktionäre werden nicht Pageviews und Unique Visitors ausgeschüttet - das ist nur die Glasmurmelwährung für unser verwirrtes Gewerbe -, sondern Dollar und Euro. In Mountain View predigt man Wasser und hat den Keller voller Wein.

          Bei den eigenen Produkten tritt Google die Nutzungsrechte an niemanden ab, schon gar nicht an die Netzgemeinde. Warum auch? Das Verbum „to share“ taucht in den Nutzungsbedingungen für die Browser-Software Google Chrome nicht auf. Vielmehr wird allen Kunden folgende Erklärung abverlangt: „Sie erklären, dass Sie die Services zu keinem Zweck reproduzieren, duplizieren, kopieren, verkaufen, weiterverkaufen oder mit ihnen handeln werden, es sei denn, Ihnen wurde in einer separaten Vereinbarung mit Google eine ausdrückliche Erlaubnis hierfür erteilt.“

          Wir sollten mit gleichem Selbstbewusstsein zur Tat schreiten. Alle Autoren haben ein Recht auf eine ähnlich präzise Erklärung: Denn sie erstellen eine Ware, in diesem Fall Journalismus genannt, die nicht gegen ihren Willen und ohne ihre finanzielle Beteiligung reproduziert, dupliziert, kopiert, verkauft und gehandelt werden sollte. Bio-Journalismus, wie Miriam Meckel das nennt, ist gedankliche Manufakturarbeit und sollte, wissend um das Unikathafte seines Wesens, sich dem Wegschenken verweigern. Zumal diese Opfergabe Google nur weiter in den Olymp hebt.

          Étienne de La Boëtie sagt: „Je mehr man den Tyrannen gibt, je mehr man ihnen verdient, umso stärker und kecker werden sie; und wenn man ihnen nicht mehr gibt, wenn man ihnen nicht mehr gehorcht, stehen sie ohne Kampf und ohne Schlag nackt und entblößt da und sind nichts mehr, wie eine Wurzel, die keine Feuchtigkeit und keine Nahrung mehr findet, ein dürres und totes Stück Holz wird.“

          Eine Google-kritische Koalition

          Es geht hier nicht nur um uns Journalisten. Auch den Lesern ist die neue Zeit nicht gut bekommen. Ihre Datensätze wurden zur Goldmine, in der Google ungeniert Data Mining betreibt. Je weiter das Unternehmen die Exploration der Kundendaten vorantreibt, je deutlicher die Siebmaschinen im Gewesenen das Künftige entdecken, desto wertvoller werden die Datensätze.

          Doch dieser Raubbau ist im deutschen Grundgesetz nicht vorgesehen. In den Paragraphen 14 und 15 des Grundgesetzes wird das Eigentum sogar als unverrückbarer Grundpfeiler einer freiheitlichen Ordnung gekennzeichnet, wobei eine zeitgemäße Interpretation sicher nötig wäre. Der Eigentumsbegriff des Grundgesetzes nennt „Grund, Boden, Naturschätze und Produktionsmittel“ als jene schützenswerten Güter, die nur im Interesse des Allgemeinwohls und auch dann nur durch Entschädigung enteignet werden dürfen.

          Die Männer der Verfassungskonferenz von Herrenchiemsee konnten, Jahrzehnte vor Erfindung des Internetprotokolls, nicht ahnen, dass die Bodenschätze der Moderne in den Datensätzen des Menschen verborgen sind. Google hat das schneller als andere erkannt und für sich genutzt. Aber das begründet keinen Datendiebstahl.

          Viele Medienhäuser klagen heute über die Datenkrake Google, allerdings nicht in emanzipatorischer Absicht, sondern mit dem Vorsatz, selbst in den Besitz der Kundendaten zu gelangen. Dabei bleibt die Ausbeutung der Datenminen auch dann eine Ausbeutung, wenn Döpfner und andere die Schaufel führen. Die Kundendaten gehören dem Kunden, Persönlichkeitsschutz und Eigentumsbegriff des Grundgesetzes gebieten die Rückübertragung der Souveränität. In einer großen Koalition von Autoren und Lesern, von Verlagen und ihren Kunden läge die Stärke der Google-kritischen Bewegung.

          Zeit zum Ausbruch aus dem Neofeudalismus

          Die Politik hat, und das gehört zu den erfreulichen Befunden dieser Debatte, ihren Dämmerschlaf beendet. Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel führt gegen die „neue Monopolmacht“ von Google die vielleicht schärfste Waffe ins Feld: die Ordnungspolitik. Denn im Land Ludwig Erhards ist eine solche Machtkonzentration, wie sie Google mit seinem Marktanteil von neunzig Prozent unter den Suchmaschinen verkörpert, nicht vorgesehen, und wenn doch, dann nur als Korrekturtatbestand.

          Der gemütliche Erhard konnte in diesen Dingen streng sein: „Nicht die freie Marktwirtschaft des liberalen Freibeutertums einer vergangenen Ära, auch nicht das freie Spiel der Kräfte und dergleichen Phrasen, mit denen man hausieren geht, sondern die sozial verpflichtete Marktwirtschaft, die das einzelne Individuum wieder zur Geltung kommen lässt, die den Wert der Persönlichkeit obenan stellt, das ist die Marktwirtschaft moderner Prägung.“

          Gabriel greift diesen Traditionsbestand der Sozialen Marktwirtschaft auf, wenn er in seinem Debattenbeitrag für die Frankfurter Allgemeine Zeitung die von Erhard geschmiedeten Waffen - Kartellverfahren und Entflechtungsdrohung - in die Hand nimmt. Sie wiegen schwer. Sie sind scharf. Die Historie hat sie gehärtet.

          Die Zeit zum Losschlagen ist gekommen. Die Politik vibriert, der Europäische Gerichtshof ist willig, die Verlage haben die Phase ihrer Verwirrung überwunden. Durch die Jahrhunderte hindurch hören wir, wie der damals erst fünfundzwanzigjährige Étienne de La Boëtie uns auffordert, erst die eigene Angst und dann den nur scheinbar übermächtigen Gegner zu besiegen: „Seid entschlossen, keine Knechte mehr zu sein, und ihr seid frei.“

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