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Google-Debatte : Mehr Mut, Europa!

  • -Aktualisiert am

John Kornblum Bild: picture alliance / dpa

Die Europäische Union hat Angst vor Google? Dagegen helfen keine Anwälte, wohl aber Ehrgeiz, Selbstbewusstsein und Innovationen.

          4 Min.

          Die Europäer, besonders die Deutschen, fühlen sich in jüngster Zeit zunehmend von zwei Russen bedroht, und es ist nicht ganz klar, vor wem sie am meisten Angst haben. Der eine, Wladimir Putin, hat durch seine Annexion der Ukraine die europäische Ordnung auf den Kopf gestellt. Der andere, Sergey Brin, Miterfinder von Google, geht noch einen Schritt weiter. Einige deutsche Verleger glauben, Googles unerbittlicher Aufstieg bedrohe das Fundament der europäischen Zivilisation.

          Wie zu hören ist, wollen vierhundert europäische Unternehmen eine gemeinsame Kartellklage bei der Europäischen Kommission einreichen. Vor kurzem wurde Google vom Europäischen Gerichtshof dazu verurteilt, auf Antrag persönliche Daten von Nutzern zu löschen. Und kein anderer als Mathias Döpfner, der Vorstandsvorsitzende der Springer AG, eines der führenden europäischen Medienunternehmen, erklärte unlängst in dieser Zeitung: „Wir haben Angst vor Google“

          Ich persönlich habe keine Veranlassung, Google zu verteidigen. Ich bin dem Unternehmen nicht verbunden, finde sein aggressives Vorgehen oft frustrierend. Seine Gründer sind mittlerweile so mächtig geworden, dass sie sich immer wieder ihr Firmenmotto „Tu nichts Böses“ in Erinnerung rufen sollten.

          Axel Springer von Detroit

          Das europäische Vorgehen gegen Google ist meines Erachtens aber falsch und letzten Endes gefährlich, vor allem für Europa. Die Pannen bei Microsoft in den letzten Jahren dürften jedermann klargemacht haben, dass ein guter Ruf in der IT-Branche schnell dahin sein kann. In ein paar Jahren hat sich die Bedrohung durch Google womöglich von selbst erledigt.

          Doch bis dahin könnte die aggressive Rhetorik Europas wirtschaftliche Zukunft untergraben. Kartellbeschwerden verraten beklagenswerte Selbstzweifel, die die breite Öffentlichkeit womöglich anstecken. Eine Wirtschaftsunion mit über vierzig Prozent Jugendarbeitslosigkeit in einigen Ländern kann es sich nicht leisten, derart negative Botschaften an die eigene Bevölkerung auszusenden.

          Die aktuelle Google-Debatte erinnert mich an die Zeit, als meine Heimatstadt Detroit das Silicon Valley des frühen zwanzigsten Jahrhunderts war. Unser großer Held Henry Ford hatte die Welt motorisiert, indem er ein billiges Automobil auf den Markt brachte, das man in jeder Farbe erwerben konnte, „solange sie Schwarz ist“, wie Ford sich ausdrückte. Denken wir ihn uns als die Axel Springer AG von Detroit. Das „Model T“ war die „Bild“-Zeitung der damaligen Epoche.

          Verlorenes Selbstbewusstsein

          Bald tauchte jedoch ein Konkurrent auf: General Motors, das Google jener Zeit. Und GM dachte sich damals, so wie Google heute, dass die Kunden seine Produkte in vielen bunten Farben haben wollten. 1928 überholte man Ford nach Verkaufszahlen, und in den fünfziger Jahren entfielen bereits sechzig Prozent des amerikanischen Marktes auf GM.

          Angesichts der wachsenden Macht von General Motors wurde die amerikanische Regierung nervös. Obwohl Ford, wie Axel Springer, wegen monopolistischen Geschäftsgebarens in die Kritik geraten war, sah die Regierung in GM die wahre Bedrohung. Bis in die Mitte der sechziger Jahre wurde eine ganze Reihe von erfolglosen Prozessen geführt. Die Dominanz von GM wurde schließlich auf dem Markt gebrochen, aber nicht von Ford, sondern durch innovative deutsche und japanische Importe.

          Diese Geschichte hält eine wichtige Lektion bereit. Juristische Angriffe gegen einen starken Konkurrenten sind fast immer erfolglos. Die aktuelle Kritik wird den unerbittlichen Fortschritt der globalen Digitalisierung ganz bestimmt nicht aufhalten. Europa könnte allerdings der Ford des digitalen Zeitalters werden. Ford beklagte sich nach dem Zweiten Weltkrieg so sehr über die Dominanz von General Motors, dass man am Ende den eigenen Argumenten glaubte. Man führte jahrelange Kämpfe und verlor dabei sein Selbstbewusstsein.

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