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Fake News : Algorithmen sind kein Gegenmittel

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Wenn Google so tut, als könne man das Problem mit einem algorithmischen Kniff lösen, klingt das, als handele es sich bei Fakes um ein technisches Problem, um einen „Bug“ in der Öffentlichkeit. Doch letztlich handelt es sich um ein systemisches Problem. Algorithmen sind nicht die Lösung, sondern die Ursache des Problems. Erst durch die Automatisierung der Nachrichtenlese und damit verbundenen Erosion der Gatekeeper-Funktion sind die Schleusen geöffnet worden, durch die nun Unmengen an Falschnachrichten an die Oberfläche gespült werden. Google kann das Problem der Fake-News nicht „lösen“, da er selbst die Parameter für wahr und falsch verschoben hat.

Wenn Algorithmen bestimmen, was relevant und sagbar ist

Der amerikanische Philosoph Michael Patrick Lynch beschreibt in seinem Buch „The Internet of Us: Knowing More and Understanding Less in the Age of Big Data“, wie wir Fakten durch eine Google-Suche kaum noch entdecken, sondern nur noch down- und uploaden. Es ist ein rein mechanischer und kein reflexiver Prozess mehr. Was uns Google als Faktum präsentiert, ist womöglich keines, doch wir haben die Suchmaschine bereits dermaßen internalisiert, dass wir Wissen und Googeln gleichsetzen und ihr die Rolle eines Schiedsrichters zuschreiben. Google suggeriert eine Evidenz, die es gar nicht hat. „Google-Knowing“ nennt Lynch dieses Halbwissen, bei dem wir Informationen nicht mehr auf ihre Herkunft überprüfen, sondern Suchmaschinentreffer für bare Münze nehmen. Der Konzern hat dem postfaktischen Zeitgeist überhaupt erst den Boden bereitet.

Googles Algorithmen bestimmen autoritativ, was relevant und sagbar ist. Das ist im Grunde völlig antiaufklärerisch, weil das Wissen über das Wissen gar nicht transparent gemacht wird und dem Nutzer schon gar kein kritisches Hinterfragen mehr zugebilligt, geschweige denn zugetraut wird. Das Wissen über uns wird nicht etwa demokratisiert, sondern landet als Datenaggregat in den Serverfarmen der Tech-Giganten. Wenn Eric Schmidt sagt, es gebe nur gute und schlechte Informationen, die man maschinell aussortieren könne, verkennt das nicht nur die Komplexität der Wissensgesellschaft, sondern entmündigt auch die Nutzer. Daten besitzen keine Eigenevidenz. Sie sind, um mit Claude Lévi-Strauss zu sprechen, das Rohe, das erst gekocht werden muss. Fakten sind auch in der realen Welt eine soziale Konstruktion, doch bei Google werden sie von einem opaken Algorithmus konstruiert. Schmidt, schrieb Harry Halpin 2014 in der „Los Angeles Review of Books“, glaube weniger an die Macht der Wahrheit als an die Macht der Maschinen. Googles Version der Wahrheit sei eine „moderne Story des Rankings“. Google dagegen steht für einen Big-Data-Ansatz der Wahrheit. Man muss nur so viele Daten sammeln, bis sich ein Wahrheitskern herausschält. Dass dies ein Trugschluss ist, belegen nicht zuletzt die Falschnachrichten.

Die Rufe nach schärferen Gesetzen gegen Fake News und Verschwörungstheorien dagegen klingen wie das Echo auf die Ankündigung der chinesischen Führung, härter gegen diese Falschmeldungen vorzugehen. Der beliebte Kurznachrichtendienst WeChat, der von 700 Millionen Chinesen genutzt wird, hat in diesem Jahr bereits zwei 1,2 Millionen Links als „Gerüchte“ deaktiviert und 200.000 Artikel gelöscht. Die autoritative Verbannung von Fake-News leistet nicht nur einer schärferen Internetkontrolle Vorschub, sondern schränkt auch den diskursiven Raum ein, indem das, was als Wahrheit gilt, überhaupt verhandelt wird. Lügen müssen entlarvt, nicht verborgen werden. Nur so kann Öffentlichkeit aufklärerisch sein. Wer Fake-News verbannt, ohne zu begründen, was falsch ist und warum, ist nicht der Wahrheit verpflichtet, sondern macht sich zum Erfüllungsgehilfen eines autoritären Regimes.

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