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Digitale Überwachung : Wir ahnungslosen Versuchskaninchen

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So müssen sie immer dann Unwissenheit oder Naivität vortäuschen, wenn sie mit einem Problem konfrontiert werden, das sich nicht so einfach auf individuelle Entscheidungen zurückführen lässt. Müssen wir wirklich eine randomisierte kontrollierte Studie durchführen, um zu erfahren, was Lobbyisten oder Banker Tag für Tag tun? Die Welt mag fürchterlich komplex sein, aber sie ist auch peinlich einfach: Unternehmen wollen immer noch Geld verdienen, Regierungen wollen immer noch bürokratische Imperien aufbauen, Geheimdienste wollen immer noch die Macht ergreifen.

Mit der „Theorie“ mag es zu Ende sein, aber warum sollten wir auf das Offenkundige verzichten? Die individualistische Sicht, mit der die Instrumente und Methoden der Überwachungsdividende an soziale Probleme herangehen, fegt einfach zu viele Fragen beiseite. In einer der wohl schärfsten Kritiken an der Verhaltensökonomie auf dem Gebiet der Entwicklungspolitik zeigt der Ökonom Sanjay G. Reddy, wie sehr dieses Streben nach empirisch begründeten Lösungen die Debatten über viele wichtige Fragen entleert: „Die einst innerhalb des Fachgebiets gestellten größeren Fragen zu den Auswirkungen alternativer ökonomischer Institutionen und Politikansätze (etwa solche zur Vermögensverteilungs-, Handels-, Landwirtschafts-, Industrie- und Fiskalpolitik sowie zur Rolle sozialer Schutzmechanismen) sind in den Hintergrund gedrängt worden zugunsten von Fragen wie der, ob man mit Insektenvertilgungsmitteln getränkte Fliegennetze kostenlos verteilen sollte oder ob zwei Lehrer in der Klasse besser sind als einer.“

Die Überwachungsdividende reduziert die Politik auf das bloße Drehen von Knöpfen - als wäre die Gesellschaft ein Radio, das man nur richtig einstellen muss. Schlimmer noch: Wenn die informationsbasierte Lösung unmittelbar zur Verfügung steht (was der Fall wäre, sobald alles digitalisiert und miteinander vernetzt ist), muss jeder, der eine nicht allein auf Information basierende Lösung wünscht, erst einmal beweisen, warum dieser weniger effiziente Weg besser ist als das Einstreichen der Überwachungsdividende.

Doch eine aus intelligenten Geräten bestehende Politik ist nicht unbedingt auch eine intelligente Politik. Kürzlich berichtete das „Wall Street Journal“ über eine intelligente Toilette, die sich „mit dem Smartphone des Benutzers verbinden und über im Becken eingebaute Lautsprecher dessen Lieblingsmusik abspielen kann“. Es ist einfach, in randomisierten kontrollierten Studien festzustellen, ob solche Musik die Benutzer glücklicher macht und sie, gemäß der Analyse ihres, nun ja, Outputs, an eine gesundere Ernährung heranführt. Dass solch ein Gadget wirklich als Instrument heutiger Politik gelten kann, ist allerdings ein trauriger Beweis für unsere schrumpfende politische Phantasie.

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