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Digitale Überwachung : Wir ahnungslosen Versuchskaninchen

  • -Aktualisiert am

Wenn die Lösung aller Probleme auf dem Markt liegt

Aber die Tools und Methoden der Überwachungsdividende sind alles andere als offenkundig und unpolitisch. In Wirklichkeit sehen und erkennen sie nur, was sie sehen und erkennen wollen. Und was sie oft nicht sehen und nicht erkennen wollen, sind ihre eigenen politischen Voraussetzungen. Wir leben im Zeitalter einer tiefgreifenden epistemischen Asymmetrie. Der Hypersichtbarkeit des einzelnen Bürgers, dessen Tun durch allerlei smarte Geräte verfolgt werden kann, entspricht die wachsende Hyperunsichtbarkeit aller übrigen Akteure. Regierungen stufen immer mehr Dokumente als geheim ein und übertragen staatliche Aufgaben auf private Unternehmen, die sich nicht um das Recht auf freie Information zu kümmern brauchen. Unternehmen säen Verwirrung hinsichtlich der tatsächlichen Auswirkungen ihrer Aktivitäten und sorgen durch die Finanzierung pseudowissenschaftlicher Forschung ganz bewusst für Desinformation. An der Wall Street bringt man Finanzinstrumente heraus, die so undurchsichtig sind, dass niemand sie mehr versteht.

Die Open-Data-Bewegung mag sich einigen dieser Herausforderungen stellen; aber ihr größter Erfolg bis heute war es, den Staat dazu zu bewegen, Daten mit vorwiegend ökonomischem und sozialem Nutzen herauszugeben. Die heiklen politischen Daten werden dagegen weiterhin zurückgehalten. Für Banken wie Goldman Sachs, HSBC und ihresgleichen gibt es keine „soziale Physik“. Über die Verbindungen zu ihren Tochtergesellschaften und Briefkastenfirmen in Steueroasen wissen wir nichts. Niemand führt randomisierte kontrollierte Studien zur Klärung der Frage durch, was geschähe, wenn es weniger Lobbyisten gäbe. Wer könnte das amerikanische Militär dazu bewegen, weniger Geld für Drohnen auszugeben und die eingesparten Mittel den Armen zu schenken?

Die Instrumente der Überwachungsdividende setzen nur auf einer Ebene an: auf der des einzelnen Bürgers. Sie machen den Bürger vollkommen transparent und manipulierbar und erzeugen den Anschein einer „Problemlösung“, während sie dem Staat und den Unternehmen die Freiheit zur Fortführung ihrer eigenen Projekte geben. Foucault paraphrasierend, könnte man sagen, wir alle sind in hohem Maße nachverfolgbar und manipulierbar. Unsere schlechten Angewohnheiten können in Echtzeit aufgespürt, analysiert und korrigiert werden, wodurch sich viele der Probleme lösen lassen, von denen die sozialen Dienste gegenwärtig überwältigt werden. So verwandelt sich schon der Begriff der „Politik“ als eines Gemeinschaftsunternehmens in ein individualistisches, gänzlich konsumorientiertes Schauspiel, in dem man Lösungen - die wir heute Apps nennen - nicht mehr im öffentlichen Raum, sondern auf dem Markt sucht.

Schrumpfende politische Phantasie

Diese Individualisierung der Politik ist nicht sonderlich überraschend, denn die Methoden, die uns die Überwachungsdividende einbringen, verzichten bewusst auf jede systematische Erforschung jener Faktoren und Ursachen sozialen Wandels, die über den Einzelnen hinausgehen. Ihre Anhänger haben kausale Erklärungen gegen praktische Umsetzbarkeit eingetauscht und damit die Theorie aufgegeben.

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