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Digitale Überwachung : Wir ahnungslosen Versuchskaninchen

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Levchin mag sich von noblen Motiven leiten lassen; aber die Frage, ob die Gesundheit ein „Informationsproblem“ darstellt, sollte nicht leichtgenommen werden. Silicon Valley hat diese Frage für sich bereits beantwortet, und zwar positiv: Man gebe ihnen ein Problem, und ein paar Apps später hat man dort auf magische Weise eine „Informationslösung“ gefunden. In dieser Weise umformuliert, führt das Problem zur Abrufung der Überwachungsdividende und ihrer unbestreitbaren Vorzüge. Aber sollten wir nicht auch fragen, was geschieht, wenn Gesundheit, Bildung oder Armut zu Problemen umformuliert werden, die sich angeblich durch Information lösen lassen?

Unpolitische Vorzüge der Überwachung?

Noch beunruhigender ist der Umstand, dass die Probleme, zu deren Lösung die Überwachungsdividende beizutragen vermag (Klimawandel, Übergewicht, Armut), zunehmend in die Sprache der nationalen Sicherheit übersetzt werden, und wenn dieser rhetorische Schritt einmal getan ist, akzeptiert die verängstigte Öffentlichkeit selbst drastischste Maßnahmen. Die Verbindung mit der nationalen Sicherheit ist keine Übertreibung. Immer mehr Studien behaupten, einen Zusammenhang zwischen dem Klimawandel und der Wahrscheinlichkeit von Bürgerkriegen, dem Grad der Armut und der Radikalisierung der Jugend beweisen zu können. Der militärisch-industrielle Komplex versteht es, seine Tentakeln in scheinbar nichtmilitärische Bereiche auszustrecken.

Die Anhänger der Überwachungsdividende wissen das. Und so stellt Pentland eine Verbindung zwischen Apps, öffentlicher Gesundheit und Fragen der nationalen Sicherheit her: „Eine App auf einem Mobiltelefon könnte nach ungewöhnlichen Verhaltensänderungen Ausschau halten und herausfinden, ob sich da eine Krankheit entwickelt“, schreibt er in „Social Physics“. Und „die Fähigkeit, Krankheiten wie die Grippe auf individueller Ebene aufzuspüren, dürfte einen effektiven Schutz vor Pandemien ermöglichen, da wir Schritte unternehmen könnten, die Infizierten zu erreichen, bevor sie die Krankheit weiterverbreiten“. Da das Sicherheitsparadigma immer noch die politischen Debatten auf beiden Seiten des Atlantiks beherrscht, dürften solche Argumente bei allen Drei-Buchstaben-Diensten Unterstützung finden.

Es führt also nicht weit, wenn man die Vorteile der Überwachungsdividende in Frage stellt. Soziale Physik, randomisierte kontrollierte Studien und Motivationstechniken wie das „nudging“ sind durchaus nicht ohne Nutzen. Anhänger der Überwachungsdividende stellen deren Vorzüge als offenkundig und unpolitisch dar. Man sagt uns, durch die Informationalisierung ließen Probleme sich besser erkennen und leichter handhaben. Wollten wir genau das nicht immer schon - vor allem, wenn man auch noch die daraus erwachsenden Datenschutzprobleme lösen könnte?

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