https://www.faz.net/-gsf-7s476

Digitale Überwachung : Wir ahnungslosen Versuchskaninchen

  • -Aktualisiert am

Eine der von vielen Verhaltensökonomen geteilten Annahmen lautet, dass wir nicht immer in unserem besten Interesse handeln, und zwar aus Gründen, die sich identifizieren, kategorisieren und korrigieren lassen. In ihrem jüngsten Buch, „Scarcity“, behaupten die Ökonomen Eldar Shafir und Sendhil Mullainathan, Arme würden von der durch ihre ständigen Geldsorgen ausgelösten Angst derart überwältigt, dass sie Entscheidungen treffen, die nicht in ihrem eigenen Interesse sind. Armut, so die These, sei eine Folge kognitiver Knappheit, und diese Knappheit sei „kein persönliches Charaktermerkmal, sondern das Ergebnis von Umweltbedingungen, die sich vielfach verändern lassen“ - eine Sicht, die eine „radikal neue Konzeptualisierung der Armut“ ermögliche.

Mit anderen Worten: Arme Leute treffen schlechte finanzielle Entscheidungen, weil andere Sorgen ihnen „kognitive Bandbreite“ rauben, ganz wie Skype oder Spotify ihnen Internetkonnektivität rauben können. Nach dieser Auffassung werden Arme am Ende mehr sparen, wenn sie nur im rechten Augenblick die richtigen Textnachrichten erhalten. Zur Bekämpfung der Armut müssen wir danach „unsere Umwelt knappheitssicher machen“, so dass schlechte und irrationale Entscheidungen durch ein System ständiger Überwachung vermieden oder minimiert werden (Mullainathan und Shafir vergleichen es mit einem Rauchmelder).

Probleme, die durch Informationen lösbar sind

Armut wird so zu einem Informationsprogramm, das man mit jenen Informationstools bekämpfen kann, die für die Überwachungsdividende verantwortlich sind. Man denke etwa an eine Smartphone-App namens BillGuard. Sie teilt Ihnen nicht nur mit, wann Sie Ihre beabsichtigte monatliche Ausgabengrenze überschreiten, sondern durchsucht auch, auf der Grundlage Ihres Einkaufsverhaltens, das Netz nach Rabattangeboten, mit deren Hilfe Sie Ihre Ausgaben verringern können. Oder man denke an den iBag, eine reale, mit Sensoren und Internetverbindung ausgestattete Tasche, die sich automatisch verschließt, wenn sie glaubt, Sie stünden kurz davor, zu viel Geld auszugeben. Erst ständige Überwachung ermöglicht solche Innovationen. Solche Apps mögen manche Menschen aus der Armut herausführen. Und möglicherweise machen sie ihre Entwickler reich. Aber welche Kosten verursacht diese „Informationalisierung“ der Armut? Und ist das der Weg, auf dem wir die Armut bekämpfen wollen?

„Wir“ verweist hier auf die fast vergessene Entität einer Gemeinschaft der Bürger, nicht auf clevere Venture-Kapitalisten oder alles zerstörende Unternehmer. Auch auf anderen Gebieten lassen sich solche Bemühungen um eine „Informationalisierung“ beobachten. Dabei nimmt man einem Problem seine materiellen und politischen Dimensionen und stellt es als bloße Frage fehlender oder verspäteter Information dar. Max Levchin, Mitbegründer von PayPal, hofft, maschinelles Lernen und Datamining zur Lösung von Gesundheitsproblemen einsetzen zu können. „Die Gesundheit ist ein großes Informationsproblem, das auf Datenanalyse und tragbare Sensoren wartet“, sagte er bei der Vorstellung von Glow, einer App, die Frauen bei der Empfängnis helfen soll. Zu diesem Zweck verfolgt Glow die sexuelle Aktivität der Frau (einschließlich der Positionen) und ihren Zyklus und gibt diverse Hinweise („Das Fruchtbarkeitsfenster beginnt“ oder „Juhu, der Eisprung ist erfolgt“).

Weitere Themen

Macht sie verantwortlich!

Hetze im Internet : Macht sie verantwortlich!

Die Bundesregierung will, dass Plattformen Hass und Hetze im Netz künftig selbst anzeigen. Das wird Staatsanwälte überlasten und greift zu kurz: Wir müssen an die Konzerne selbst heran. Ein Gastbeitrag.

Kinostart von Polanskis neuem Film wird gestört Video-Seite öffnen

Proteste und Aufruhr : Kinostart von Polanskis neuem Film wird gestört

Frauen-Aktivisten rufen beim Pariser Kinostart von Roman Polanskis neuem Film „J’accuse“ über die Dreyfus-Affäre zum Boykott auf. Vergangene Woche beschuldigte das französische Ex-Model Valentine Monnier den Oscar-Preisträger, sie 1975 vergewaltigt zu haben.

Topmeldungen

Die Diplomaten George Kent (links) und William Taylor (rechts) im großen Ausschusssaal im Longworth-Building des Repräsentantenhauses in Washington

Ukraine-Affäre : Taylor belastet Trump

Mit der öffentlichen Anhörung von Kent und Taylor hat eine neue Phase der Impeachment-Ermittlungen gegen Präsident Trump begonnen. Botschafter Taylor fügt seiner früheren Aussage eine Ergänzung hinzu, die aufhorchen lässt.

Abwahl Brandners : Hetzen als System

Der Rechtsausschuss hat seinen Vorsitzenden Stephan Brandner abgewählt. Seit Jahren beschimpft der AfD-Politiker alle politischen Gegner – und zeigt dabei eine Vorliebe für sexuell aufgeladene Pöbeleien.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.