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Digitale Überwachung : Wir ahnungslosen Versuchskaninchen

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Von der Feldforschung zur Erklärung

Ein kürzlich in „Foreign Affairs“ erschienener Artikel zeigt weitere Vorteile der Überwachungsdividende auf. Da die Armen „ständig unter dem Druck stehen, ihr Geld für unmittelbare Bedürfnisse auszugeben“, loben die Autoren, die für die Bill & Melinda Gates Foundation arbeiten, die Möglichkeit, Bedürftige über deren Mobiltelefone zu regelmäßigem Sparen anzuhalten. In Entwicklungsländern gibt es viele weitere wichtige Entscheidungen zu treffen: über Impfungen, Bildung, Ernteausfallversicherungen. Diese Entscheidungen werden nicht immer unter den besten Bedingungen getroffen. Wäre es da nicht sinnvoll, die Mobiltelefone zur Entscheidungshilfe des armen Mannes zu machen und mit ihrer Hilfe das Tun der Nutzer beständig zu überwachen? Auch hier die Überwachungsdividende: Dank der ständigen Verfolgung ist es möglich, dass ansonsten anfällige Menschen widerstandsfähiger werden und mehr Mittel zur Lösung ihrer Probleme an die Hand bekommen. Wenn die Smartphones eines Tages noch besser werden, können wir diesen Menschen sogar das Verschlüsseln beibringen.

Solche Vorstellungen wirken aus zwei Gründen überzeugend: Erstens hat die Hartnäckigkeit sozialer Probleme, vom Klimawandel über die Armut bis hin zum Übergewicht, zu einem nahezu vollständigen Konsens geführt, dass drastischere Maßnahmen nötig seien. So werden heute paternalistische Methoden, die früher tabu waren, offen diskutiert. Zumindest in Amerika bringen Wissenschaftler ständig Bücher mit Titeln wie „Against Autonomy“ oder „Epistemic Paternalism: A Defense“ heraus, in denen die Notwendigkeit betont wird, in den Entscheidungsprozess des Einzelnen einzugreifen - entweder im Interesse der Gemeinschaft oder zum Wohl des Einzelnen.

Ein weiterer Faktor ist die ständige Berufung auf die Verhaltensökonomie, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, in ihren Augen naive Annahmen der neoklassischen Ökonomie hinsichtlich der menschlichen Rationalität zu korrigieren. Verhaltensökonomen möchten erklären, wie die Menschen sich in der wirklichen Welt und nicht im Rahmen eines ausgefallenen Modells verhalten. Zu diesem Zweck betreiben sie - und vor allem Wissenschaftler, die sich mit der globalen Armut befassen - Feldforschung. Nachdem sie die Armen sorgfältig beobachtet haben, prüfen sie in randomisierten kontrollierten Studien, ob ihre Vermutungen zutreffen.Aus diesen Vermutungen ergeben sich nicht immer Theorien oder grundlegende kausale Erklärungen. Wenn die Forscher etwa erkennen, dass in ländlichen Gebieten Schulen mit nur einem Lehrer bessere Bildungserfolge erzielen als solche mit zwei Lehrern, halten sie diese Entdeckung auch ohne eine Theorie für „umsetzbar“. Hier findet sich eine gewisse Ähnlichkeit zu der pragmatischen, ergebnisorientierten Einstellung von Technologieunternehmen.

Textnachricht gegen Armut

Facebook braucht nicht zu wissen, warum glückliche Geschichten die Nutzer zu mehr Clicks veranlassen, um dieses Wissen einzusetzen. Das „Ende der Theorie“, das Chris Anderson 2008 in „Wired“ voraussagte, stellte sich in diesem Bereich schon früher ein. Wenn man so viel beobachten, untersuchen und testen kann, sind theoretische und philosophische Debatten nur störend.

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