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Digitale Überwachung : Wir ahnungslosen Versuchskaninchen

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Systeme, die auf sozialer Physik basieren, funktionieren deshalb, weil sie uns kennen - nicht nur unsere alltäglichen Bewegungen und Kommunikationsmuster, sondern auch unsere Freunde und den Charakter unserer Beziehungen. Die soziale Physik hat verblüffende Konsequenzen. Bei einem ausreichenden Maß an Datenerhebung kann man die Nachbarn ausfindig machen, die uns davon überzeugen, unseren Energieverbrauch zu senken, oder die Freunde, die uns sagen, wir sollten kein Junkfood essen, oder die Kollegen, die uns ermahnen, bei der Arbeit nicht nachzulassen. Es geht nur darum, zur rechten Zeit die richtigen Leute zu finden und sie zu veranlassen, uns die richtigen Nachrichten zu schicken.

Die Feinkörnigkeit und Verfolgbarkeit unserer digital vermittelten sozialen Beziehungen eröffnen die Möglichkeit, sie in ein weiteres Instrument der von Michel Foucault so genannten Gouvernementalität zu verwandeln. Statt an das Wohlergehen der Gemeinschaft oder das Eigeninteresse des Konsumenten zu appellieren, kann man individuelles Verhalten steuern, indem man Freundschaft als Governance-Instrument benutzt. Pentland schlägt ein paar institutionelle Lösungen für den Schutz der Privatsphäre vor, aber um diese Probleme soll es hier nicht gehen. Uns interessiert im Augenblick allein, dass die Überwachungsdividende real ist: Die ständige Beobachtung einzelner Personen kann Probleme lösen.

Facebook - ein lebendes Laboratorium?

Das Wahlaufruf-Experiment bei Facebook war eine randomisierte, kontrollierte Studie, eine beliebte Form wissenschaftlicher Experimente, die ursprünglich in der Medizin aufkam, wo die Probanden nach dem Zufallsprinzip in mehrere Gruppen aufgeteilt werden. Solche Studien erfreuen sich wachsender Beliebtheit bei Sozialwissenschaftlern und bei Diensten wie Facebook, die mit vielen Millionen Nutzern und ihren guten Möglichkeiten, genau zu steuern, was einzelne Nutzer zu sehen bekommen, ideale Versuchsfelder voller ahnungsloser Versuchskaninchen darstellen (wobei die Versuchskaninchen wir selbst sind).

Der Zorn über eine neuere Studie, bei der Facebook glücklichen Nutzern positive und unglücklichen Nutzern negative Posts zeigte, erscheint recht naiv. Schon einige Monate vor dem Skandal hatte ein Datenwissenschaftler von Facebook erklärt: „Wir führen täglich mehr als tausend Experimente durch. Während viele dieser Versuche zur Optimierung spezieller Ergebnisse dienen, sollen andere die Grundlagen für langfristige Designentscheidungen liefern.“ Übersetzt heißt das: Sie sollten sich besser Sorgen wegen der vielen tausend täglichen Experimente machen, von denen man uns nichts sagt.

Da eine empirisch gestützte, ergebnisorientierte Politik heute hoch im Kurs steht, bietet Facebook ihr die ideale Infrastruktur für die Klärung der Frage, welche Interventionen funktionieren und welche nicht. Auch hier wieder die Überwachungsdividende: Je stärker Facebook unser Verhalten verfolgt, desto effektiver wird die Politik, die wirklich die Welt verändert - und das in Echtzeit statt erst zwei Jahre später. Pentland möchte sogar „die Sozialwissenschaften durch die Schaffung lebender Laboratorien wiederbeleben, in denen Ideen für datengetriebene Gesellschaften getestet und bewiesen werden“.

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