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Digitale Revolution : Eine Ökonomie der Verachtung

  • -Aktualisiert am

Ersetzen die Humanoiden bald den Menschen in vielen Arbeitsbereichen? Bild: REUTERS

Wird die menschliche Arbeitskraft in der digitalen Zukunft wirklich überflüssig? Nicht Technologien vernichten Arbeitsplätze, sondern Menschen mit Geschäftsinteressen. Plädoyer für eine selbstbestimmte Ökonomie.

          11 Min.

          Nach der Legende soll Newton gesehen haben, wie der Apfel vom Baum fiel. Tatsächlich hat er etwas ganz anderes gesehen: eine unsichtbare Kraft, die den Apfel anzog. Wäre er ein Ingenieur von Silicon Valley oder ein Ökonom gewesen, hätte ihn das fallende Objekt vermutlich fasziniert: „Schau mal, der Apfel dort, cool!“ Er hätte ein Traktat über die aerodynamischen Eigenschaften fester Körper geschrieben, einen Algorithmus entwickelt, der die Bewegung simuliert, oder die günstigste Flugbahn berechnet. Stattdessen formulierte er, allen Vorwürfen mittelalterlichen Aberglaubens zum Trotz, das allgemeine Gravitationsgesetz. Er hatte eine unsichtbare Kraft entdeckt, die über Abermillionen Kilometer auf jeden Körper einwirkt, ohne sichtbare Mechanismen oder Übertragungswege.

          zur englischen Version: The human factor

          Wer die digitale Welt verstehen will, sollte es wie Newton machen - zumal es hier um Ökonomie und unsere Zukunft geht. Unsichtbare Kräfte wirken auch auf digitale Technologien ein und bestimmen, wie sie in unsere Volkswirtschaften und in unsere Jobs „fallen“. Wir müssen diese Kräfte analysieren und benennen, wenn wir ihnen nicht ausgeliefert sein wollen.

          Fatalismus und Hilflosigkeit haben sich in die Debatte eingeschlichen. Ökonomen, IT-Experten und Unternehmer schwärmen von den neuen digitalen Möglichkeiten. Die Maschinen, sagen sie, können fast alle Arbeiten erledigen - was zu massenhafter Arbeitslosigkeit und noch mehr sozialer Ungleichheit führen wird. Die objektiven Gesetze eines rationalen Marktes, sagen sie, machen es notwendig, dass Menschen durch immer billigere digitale Arbeitskräfte in Form von Robotern und Algorithmen verdrängt werden. Selbst Spitzenverdiener machen sich Sorgen. Diesem Narrativ zufolge treten Menschen gegen Maschinen an - in einem tödlichen Wettlauf. Wie Bill Gates kürzlich sagte: „In zwanzig Jahren wird der Bedarf an qualifizierten Arbeitskräften erheblich gesunken sein.“ Manche Leute fragen sich verunsichert, welche Rolle der Mensch in dieser automatisierten Zukunft überhaupt noch spielen wird.

          Die Verlierer der neuen Ökonomie

          Es gibt jedoch ein Problem: Dieses Narrativ ist ein Zaubertrick. Die Art und Weise, wie digitale Technologien eingesetzt werden, ist nicht zwingend notwendig. Wie ein guter Zauberer lenkt dieses Narrativ unsere Aufmerksamkeit dergestalt auf den digitalen Apfel, dass die realen Kräfte, die die Flugbahn des Apfels bestimmen, unsichtbar bleiben. Wer sind diese verborgenen Kräfte? Es sind bornierte Geschäftsmodelle und ökonomische Thesen, die Kostensenkungen propagieren, vor allem im unteren Lohnbereich. In vielen Situationen sind diese Rezepte nicht mehr als Aberglaube, der von den Mächtigen verbreitet wird, weil sie ein Interesse an der Aufrechterhaltung des Status quo haben. Es gibt nicht die eine Weise, in der Märkte und Technologien funktionieren. Es spricht sogar einiges für die Annahme, dass diese Zukunftsvision, vergleichbar dem prähistorischen Vogel mit Zähnen, eine evolutionsgeschichtliche Sackgasse ist. Statt in der Apokalypse zu enden, könnten digitale Technologien eine neue, humanere Wendung in der Geschichte des Kapitalismus einläuten.

          Betrachten wir zunächst die Rhetorik von Zwangsläufigkeit und digitalem Determinismus, um zu erkennen, welche Kräfte sich dahinter verbergen. Die Macht der Irreführung offenbart sich schon in den Überschriften und Kernaussagen vieler Artikel, die auf meinem Schreibtisch liegen. Beispielsweise haben Wirtschaftswissenschaftler der Universität Chicago anhand von Daten aus fünfzehn Jahren und sechsundfünfzig Ländern festgestellt, dass die Lohnquote (mit Ausnahme von neun Ländern) überall gesunken ist. Die Ergebnisse ihrer Studie, schreiben die Autoren, bekräftigten die Annahme, dass der technologische Wandel, der mit der Computer- und Informationstechnologie einhergeht, ein wichtiger Faktor bei den langfristigen Veränderungen der Lohnquote sei.

          Miteinander oder gegeneinander: Übernehmen Maschinen unsere Arbeit?

          In einer Studie von zwei Wissenschaftlern der Universität Oxford heißt es, dass Computer bei einer Reihe von kognitiven Aufgaben den Menschen ersetzen werden. Die Überschrift eines Artikels in der „MIT Technology Review“ lautet: „Wie Arbeitsplätze durch Technologie vernichtet werden“. Zwei MIT-Professoren prognostizieren in „The Second Machine“ eine neue Ökonomie von Gewinnern und Verlierern: „Durch den technologischen Fortschritt werden einige Leute, vielleicht sogar viele Leute abgehängt. Gewinner werden zunehmend von digitalen Technologien profitieren, andere werden verdrängt und folglich schlechter bezahlt.“

          Das Multifunktionszäpfchen

          In einem vielbeachteten Artikel des „Economist“ heißt es, eine neue Ära der Automatisierung, gestützt auf immer leistungsstärkere Computer, werde zu massenhafter Arbeitslosigkeit führen. „Die Kombination von Big Data und intelligenten Maschinen wird ganze Berufszweige komplett erobern, anderswo werden Unternehmen mit weniger Beschäftigten immer mehr produzieren.“ Ein anderes Beispiel lieferte Google-Chef Eric Schmidt, als er auf dem Weltwirtschaftsforum fünfzig Prominente zum Kamingespräch bat. Seine Botschaft war, dass die technologiebedingte Jobvernichtung erst am Anfang stehe, die Ungleichheit sich noch verschärfen werde und die Lösung darin bestehe, dass wir alle Unternehmer werden müssen, wenn wir in dieser neuen Ära überleben wollen. Zwischen Computern und Menschen finde ein Wettlauf statt, und der Mensch müsse ihn gewinnen: „In diesem Kampf ist es sehr wichtig, dass wir herausfinden, worin der Mensch besonders gut ist.“

          Man könnte fast vermuten, Schmidt habe die CIA-Handbücher von John Mulholland gelesen, jenem Mann, der zu seiner Zeit als Starmagier galt. Obschon nicht so berühmt wie Houdini, wurde er von seinen Kollegen für die große Präzision und Überzeugungskraft seiner Darbietungen bewundert, vor allem für das Geschick, mit dem er sein Publikum täuschte. „Für einen Trickbetrüger“, schrieb Mulholland, „ist es wichtig, dass er nicht als solcher bekannt ist oder auch nur verdächtigt wird. Er muss so normal auftreten und so natürlich agieren, dass nichts an ihm Verdacht erregt. Der Trick findet im Kopf statt. Es ist eine inszenierte Lüge. Der Trickbetrüger soll nicht das Auge, sondern die Phantasie täuschen.“

          Die CIA hatte Mulholland in den fünfziger Jahren für ein streng geheimes Projekt angeworben, bei dem eine einschüssige Kleinkaliberwaffe entwickelt wurde, die in einer Zahnpastatube versteckt war, eine Zigarettenschachtel, aus der Zyankalikügelchen abgefeuert werden konnten, eine Injektionsspritze, die in einem Kugelschreiber versteckt war, eine mit Enthaarungsmittel getränkte Zigarre, die bei Fidel Castro zum Ausfall der Barthaare führen sollte, explodierende Muscheln oder, mein persönlicher Favorit, ein „Flucht-und-Ausbruchs-Zäpfchen“, ein Multifunktionsgerät mit Drahtschere, Brechstange, Sägeblatt, Bohrer und Reibahle. Autsch!

          Mehr Maschinen, mehr Arbeitslose

          Eric Schmidts gekonnt inszeniertes Kamingespräch, das vermutlich Assoziationen an Roosevelts wöchentliche Radioansprachen wecken sollte, macht deutlich, dass er das Zauberhandwerk meisterhaft beherrscht. Was verbirgt sich hinter seinem Magierumhang? Zunächst einmal die Sprache, die unsere Aufmerksamkeit auf den Computer lenkt, um von den versteckten Geschäftsmodellen und unternehmerischen Entscheidungen hinsichtlich des Einsatzes dieser Computer abzulenken. Das zweite Täuschungsmanöver ist die Aufforderung, wir sollten herausfinden, „worin die Menschen wirklich gut sind“. Unausgesprochen heißt das, dass die Menschen viel zu chaotisch, dumm, eigensinnig und unplanbar sind, als dass sie eine wesentliche Rolle in der Zukunft spielen könnten. Unsere Talente existieren für Eric Schmidt offenbar nicht. Und schließlich fordert er die Eliten auf, herauszufinden, womit man die Massen beschäftigen, unterhalten und vor allem ablenken kann von dem Geheimnis seines Zaubertricks. Seine Stellungnahmen sorgen für eine Verunsicherung, die von Empörung ablenken soll. Statt den Trick zu durchschauen, überlegen wir, wie wir uns und unsere Kinder vor dieser unausweichlichen Welle von Vertreibung und Exil schützen können.

          Zaubertricks funktionieren nur, wenn der Blick des Zuschauers manipuliert wird. Was aber wird aus all diesen schönen Thesen, wenn wir ein wenig zurücktreten und die Zyankalikügelchen und die vergifteten Kugelschreiber sehen, die uns doch verborgen sein sollten? Welche Geheimnisse stecken in dem digitalen Zylinder? Richtet man den Blick auf das große Ganze, stellt sich sofort die Frage: Wer profitiert von den vermeintlich unausweichlichen digitalen Kräften, die unsere Arbeitsplätze bedrohen?

          Die Unternehmensgewinne bewegen sich auf einem Rekordniveau, während die Lohnquote sinkt und die ungleiche Verteilung der Einkommen zunimmt. Aber seit Henry Ford, der den Lohn seiner Arbeiter auf fünf Dollar anhob, gehen Wirtschaftsmodelle davon aus, dass Unternehmer eine starke Nachfrage präferieren, selbst wenn das bedeutet, dass sie höhere Löhne zahlen müssen. Aus dieser Perspektive ist die Technologie der Bösewicht. Niedrige Löhne, so die Überlegung, können unmöglich das Ergebnis unternehmerischer Entscheidung sein. Der Wirtschaftswissenschaftler Paul Krugman fragt jedoch, ob Unternehmen vielleicht gar nichts gegen eine moderate Konjunkturkrise einzuwenden haben. Er sagt, jeder einzelne Unternehmer versuche, durch Lohnsenkungen oder Entlassungen möglichst hohe Gewinne zu erzielen. In der Summe führen diese individuellen Entscheidungen zu mehr Arbeitslosigkeit, wenn Unternehmen lieber in abschreibungsfähige Maschinen investieren, statt Arbeitskräfte einzustellen.

          Karikierte Unternehmer

          Krugmans These leuchtet ein, wenn man weiß, dass es nach den Gesetzen des modernen finanzkapitalistischen Geschäftsmodells sinnvoll für Unternehmen ist, die Kosten zu senken, besonders bei den Löhnen. Dies ist eine der unsichtbaren Kräfte. Man denke auch an die geheime Absprache zwischen dem verstorbenen Apple-Chef Steve Jobs und Eric Schmidt, die 2010 bei Kartellermittlungen des amerikanischen Justizministeriums herauskam. Um die Gehälter künstlich niedrig zu halten, war vereinbart worden, Mitarbeiter nicht abzuwerben und Gehaltsinformationen auszutauschen. Dieser illegale Deal, laut Bloomberg „unkalkulierbare Hybris“, bezog sich am Ende auch auf Adobe, Pixar, Intel und Intuit und führte zu Gehaltseinsparungen von mehr als neun Milliarden Dollar.

          Wenn der Mensch überflüssig wird: Unternehmen investieren lieber in Technologie als in Personal.

          Und hier ist noch eine andere explodierende Muschel: Die Vergütungen von Vorstandsvorsitzenden sind oft an den Aktienkurs ihres Unternehmens gekoppelt, und Analysten empfehlen vor allem solche Unternehmen, die Kosten senken. Das Institute of Policy Studies weist denn auch darauf hin, dass 2009 die Einkommen amerikanischer CEOs, in deren Unternehmen „die Lohnkosten besonders stark gesenkt wurden“, 42 Prozent über dem durchschnittlichen Einkommen von CEOs im S&P-500-Index lagen, das in dem Jahr ohnehin schon astronomisch hoch war.

          NBC News berichtete darüber und merkte an: „Man darf nicht vergessen, dass der Vorstandsvorsitzende eines börsennotierten Unternehmens gegenüber den Eigentümern, also den Aktionären, verpflichtet ist, den Unternehmenswert zu steigern.“ Heute mag das übliche Praxis sein, in der Geschichte des Kapitalismus ist das neu. Für den Wirtschaftshistoriker Alfred Chandler hat sich dieser neue Finanzkapitalismus von dem alten Verständnis von wirtschaftlichem Erfolg weit entfernt. Aus seiner Sicht ist die angebliche Unvermeidlichkeit massenhafter Arbeitsplatzvernichtung das Ergebnis einer neuen Entwicklung, die sich deutlich von der früheren Praxis unterscheidet. Geschäftsmodelle, die auf Kostensenkung und kurzfristige Erfolge setzen, seien eine hohle Karikatur dessen, was Unternehmen früher erfolgreich gemacht habe.

          Flüchtlinge im eigenen Land

          Das alles legt nahe, dass Arbeitsplätze nicht durch Technologie vernichtet werden, sondern durch Menschen und Geschäftsmodelle. Gier spielt eine Rolle. Automatisierung muss nicht zwangsläufig heißen, dass die Menschen mit ihren Problemlösungsfähigkeiten nicht mehr gebraucht werden. Automatisierung muss auch nicht zwangsläufig die Gewinner belohnen und die angeblichen Verlierer überflüssig machen. Man muss sich nur anschauen, welche Folgen das Geschäftsmodell der Fluggesellschaften hat.

          Diese führen anschaulich vor, was passiert, wenn Arbeit im Interesse von Kostensenkungen automatisiert wird und geschlossene Regelkreise entstehen. Ob beim Ticketkauf, bei der Ankunft oder beim Abflug - Reisende haben es nicht mehr mit Angestellten von Fluggesellschaften zu tun, sondern mit einem gigantischen Computersystem und seinen unpersönlichen Schnittstellen. Reisende sind mit einem anonymen Apparat konfrontiert, in dem jeder menschliche Kontakt eliminiert wurde, abgesehen von ein paar Leuten, deren Aufgabe die Aufrechterhaltung der sozialen Ordnung ist. Die Kostensenkungen werden auf die Reisenden abgewälzt. Man kauft sein Ticket online, informiert sich online, muss erhebliche Zusatzgebühren bezahlen für alles, was von der Norm abweicht, und hat permanent Stress, weil es bei Problemen, Störungen oder Fragen keinen Ansprechpartner mehr gibt.

          Der Flughafen von Atlanta mit seinen täglich 225 000 Reisenden, die sich an niemanden mehr wenden können, führt exemplarisch vor, welche Welt sich einige CEOs, Ökonomen und Börsenanalysten für unsere Zukunft erträumen. In einer solchen Welt sind wir Flüchtlinge in unserem eigenen Land, abgeschnitten von den Aktivitäten, die die Qualität und Sinnhaftigkeit unseres Lebens ausmachen. Etwas Vergleichbares zeichnet sich im Bildungssektor ab, wo Online-Unterricht als Chance gesehen wird, die Kosten zu senken. Lehrer werden einfach eingespart. Mit vernetzten Technologien können wir zwar sehr viel mehr Menschen in jedem Winkel der Welt wesentlich kostengünstiger ausbilden, aber wir sollten nicht glauben, dass dies mit immer weniger Lehrern zu erreichen ist.

          Grenzen unseres Verstandes

          Einer jüngst erschienenen Studie von Gallup-Purdue ist zu entnehmen, welche Faktoren für ein gelungenes Studium und beruflichen Erfolg offenbar besonders wichtig sind: Lehrer, die Begeisterung für den Unterrichtsstoff wecken; Lehrer, die sich für die Studenten interessieren; und Lehrer, die die Studenten ermuntern, ihren Träumen zu folgen. Das alles kann automatisierter Unterricht nicht leisten. Es wird viele neue Formen von Unterricht geben, aber immer wird man dafür Menschen brauchen - Lehrer, Förderer, Koordinatoren, Visionäre, Unterstützer, Ermutiger, Gleichgesinnte. Es wird keine Roboterwelt von Gewinnern und Verlierern sein, wie die Modelle uns das einreden wollen, sondern eine differenzierte menschliche Welt mit vielen Gewinnern.

          Und es gibt noch eine weitere Lüge: Intelligente Maschinen verlangen nicht weniger, sondern mehr menschliche Kompetenz. Ob es um computerisierte Finanzprodukte oder militärische Drohnen geht - hochkomplexe Systeme brauchen Menschen mit kritischer Intelligenz und strategischem Überblick. Dies ist eine der ernüchternden Lehren der Finanzkrise. Im Abschlussbericht der amerikanischen Untersuchungskommission zu den Ursachen der Finanz- und Wirtschaftskrise wird das brüchige Fundament des Subprime-Markts beschrieben: „Der gesamte Markt beruhte auf komplizierten Computermodellen, die sich als völlig realitätsfern erwiesen. Als die Blase platzte, platzte auch die ganze Komplexitätsblase: Die Wertpapiere, die praktisch niemand verstand, waren die ersten Dominosteine, die fielen.“

          Die Wall Street arbeitete mit „Quants“, jenen Mathematikern, die komplexe Finanzprodukte und Algorithmen für den automatisierten Handel entwickelten. Selbst Manager verstanden ihre eigenen Produkte nicht mehr, und das galt auch für die Aufsichtsbehörden, die „die Kontrolle der operationellen Risiken zunehmend den Banken überließen“.

          Wir könnten alle profitieren

          Aufgrund dieses vielfachen menschlichen Versagens stürzte die Welt in einen Albtraum, von dem wir uns noch nicht völlig erholt haben. Als der Umhang des Zauberers weggerissen wurde, sahen wir nur leere Blicke und Fragezeichen. Wall Street hatte seinen Algorithmen vertraut, die das menschliche System in eine verstörende Passivität und Abhängigkeit brachten. Vermögenswerte wurden vernichtet, die Menschen bezahlten mit Chaos und Leid.

          Was bleibt am Ende hinter dem Umhang des Zauberers? Ein machtvoller Gedanke: dieselben Technologien, mit denen sie uns ins Exil schicken wollen, können uns in die Lage versetzen, die alten Geschäftsmodelle über Bord zu werfen. „Alles Erworbene bedroht die Maschine, solange sie sich erdreistet, im Geist, statt im Gehorchen, zu sein“, schrieb Rilke. Die vielbeschworene Roboterinvasion gründet auf einer Ökonomie der Verachtung, die zu Exklusion und Stagnation führt. Wir können an ihrer Stelle eine neue Ökonomie der Menschlichkeit entwickeln, auf die verschiedene Kraftfelder einwirken. Sie wird neue Jobs hervorbringen, neue Beziehungen schaffen und für neue Formen von Teilhabe sorgen. Hinter dem Umhang des Zauberers löst sich die falsche Dichotomie von Gewinnern und Verlierern auf. Wir können es uns nicht leisten, umfassende Bildung auf eine Elite zu beschränken. Wir alle können von Technologie profitieren.

          Worin ist der Mensch gut?

          Neuere Studien über „neuronale Plastizität“ zeigen, dass wir alle sehr viel mehr verstehen, empfinden und leisten können, als je von uns verlangt oder erwartet wurde. Aber noch immer machen wir uns zu Gefangenen unserer Arbeitsplätze, Schulen und Krankenhäuser, deren Organisationsprinzipien sich in Jahrhunderten kaum verändert haben. Ich glaube, dass unser aller Potential nur oberflächlich genutzt wird. Mit Hilfe der IT-Technologien können wir eine Wende in der Wirtschaftsgeschichte anstoßen, indem wir in allen Bereichen - Klima, Bildung, Gesundheit - die dringlichsten Probleme angehen. Dazu braucht man Menschen, die auf neue Weise kooperieren.

          Es gibt, abgesehen von Gewohnheit, keinen Grund zu der Annahme, dass Marktwirtschaft nur in einer ganz bestimmten Weise funktioniert. Das Gegenteil ist der Fall. Ein brüchiger Kapitalismus übt seine Gravitationskraft auf die digitale Welt aus. Aber die Erfolge des alten Kapitalismus beruhten auf seiner Plastizität, seiner Fähigkeit, sich immer neu anzupassen an die sich wandelnden Bedürfnisse der Menschen. Die Gesetze der heutigen Marktwirtschaft oder der von ihr inthronisierten Politik sind nicht unabänderlich oder zwangsläufig. Es wäre unrealistisch, zu glauben, wir könnten und dürften die heutigen Verhältnisse nicht in Frage stellen.

          Wir müssen nicht herausfinden, „worin der Mensch richtig gut ist“. Wir wissen es schon. Wir gestalten die Welt, und wir gestalten sie besser, wenn wir die Chance haben, zu lernen und uns einzubringen. Wir lieben, und wir können besser lieben, wenn wir wissen, dass wir ebenfalls geliebt und geschätzt werden. In Rilkes Sonett heißt es weiter: „Aber noch ist uns das Dasein verzaubert; an hundert Stellen ist es noch Ursprung.“ Könnte das nicht unsere digitale Welt sein? „Ich singe den Leib, den elektrischen“, schrieb Walt Whitman, „die Heerscharen, die ich liebe, umgürten mich, und ich umgürte sie.“ Auch das könnte unsere digitale Welt sein.

          Aus dem Englischen von Matthias Fienbork.

          Der Text erscheint in der deutschen Fassung leicht gekürzt. Die englische Fassung finden Sie auf unserer Sonderseite The Digital Debate.

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