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Digitale Revolution : Eine Ökonomie der Verachtung

  • -Aktualisiert am

Ersetzen die Humanoiden bald den Menschen in vielen Arbeitsbereichen? Bild: REUTERS

Wird die menschliche Arbeitskraft in der digitalen Zukunft wirklich überflüssig? Nicht Technologien vernichten Arbeitsplätze, sondern Menschen mit Geschäftsinteressen. Plädoyer für eine selbstbestimmte Ökonomie.

          Nach der Legende soll Newton gesehen haben, wie der Apfel vom Baum fiel. Tatsächlich hat er etwas ganz anderes gesehen: eine unsichtbare Kraft, die den Apfel anzog. Wäre er ein Ingenieur von Silicon Valley oder ein Ökonom gewesen, hätte ihn das fallende Objekt vermutlich fasziniert: „Schau mal, der Apfel dort, cool!“ Er hätte ein Traktat über die aerodynamischen Eigenschaften fester Körper geschrieben, einen Algorithmus entwickelt, der die Bewegung simuliert, oder die günstigste Flugbahn berechnet. Stattdessen formulierte er, allen Vorwürfen mittelalterlichen Aberglaubens zum Trotz, das allgemeine Gravitationsgesetz. Er hatte eine unsichtbare Kraft entdeckt, die über Abermillionen Kilometer auf jeden Körper einwirkt, ohne sichtbare Mechanismen oder Übertragungswege.

          zur englischen Version: The human factor

          Wer die digitale Welt verstehen will, sollte es wie Newton machen - zumal es hier um Ökonomie und unsere Zukunft geht. Unsichtbare Kräfte wirken auch auf digitale Technologien ein und bestimmen, wie sie in unsere Volkswirtschaften und in unsere Jobs „fallen“. Wir müssen diese Kräfte analysieren und benennen, wenn wir ihnen nicht ausgeliefert sein wollen.

          Fatalismus und Hilflosigkeit haben sich in die Debatte eingeschlichen. Ökonomen, IT-Experten und Unternehmer schwärmen von den neuen digitalen Möglichkeiten. Die Maschinen, sagen sie, können fast alle Arbeiten erledigen - was zu massenhafter Arbeitslosigkeit und noch mehr sozialer Ungleichheit führen wird. Die objektiven Gesetze eines rationalen Marktes, sagen sie, machen es notwendig, dass Menschen durch immer billigere digitale Arbeitskräfte in Form von Robotern und Algorithmen verdrängt werden. Selbst Spitzenverdiener machen sich Sorgen. Diesem Narrativ zufolge treten Menschen gegen Maschinen an - in einem tödlichen Wettlauf. Wie Bill Gates kürzlich sagte: „In zwanzig Jahren wird der Bedarf an qualifizierten Arbeitskräften erheblich gesunken sein.“ Manche Leute fragen sich verunsichert, welche Rolle der Mensch in dieser automatisierten Zukunft überhaupt noch spielen wird.

          Die Verlierer der neuen Ökonomie

          Es gibt jedoch ein Problem: Dieses Narrativ ist ein Zaubertrick. Die Art und Weise, wie digitale Technologien eingesetzt werden, ist nicht zwingend notwendig. Wie ein guter Zauberer lenkt dieses Narrativ unsere Aufmerksamkeit dergestalt auf den digitalen Apfel, dass die realen Kräfte, die die Flugbahn des Apfels bestimmen, unsichtbar bleiben. Wer sind diese verborgenen Kräfte? Es sind bornierte Geschäftsmodelle und ökonomische Thesen, die Kostensenkungen propagieren, vor allem im unteren Lohnbereich. In vielen Situationen sind diese Rezepte nicht mehr als Aberglaube, der von den Mächtigen verbreitet wird, weil sie ein Interesse an der Aufrechterhaltung des Status quo haben. Es gibt nicht die eine Weise, in der Märkte und Technologien funktionieren. Es spricht sogar einiges für die Annahme, dass diese Zukunftsvision, vergleichbar dem prähistorischen Vogel mit Zähnen, eine evolutionsgeschichtliche Sackgasse ist. Statt in der Apokalypse zu enden, könnten digitale Technologien eine neue, humanere Wendung in der Geschichte des Kapitalismus einläuten.

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