https://www.faz.net/-gsf-7rosl

Digitale Revolution : Eine Ökonomie der Verachtung

  • -Aktualisiert am

Der Flughafen von Atlanta mit seinen täglich 225 000 Reisenden, die sich an niemanden mehr wenden können, führt exemplarisch vor, welche Welt sich einige CEOs, Ökonomen und Börsenanalysten für unsere Zukunft erträumen. In einer solchen Welt sind wir Flüchtlinge in unserem eigenen Land, abgeschnitten von den Aktivitäten, die die Qualität und Sinnhaftigkeit unseres Lebens ausmachen. Etwas Vergleichbares zeichnet sich im Bildungssektor ab, wo Online-Unterricht als Chance gesehen wird, die Kosten zu senken. Lehrer werden einfach eingespart. Mit vernetzten Technologien können wir zwar sehr viel mehr Menschen in jedem Winkel der Welt wesentlich kostengünstiger ausbilden, aber wir sollten nicht glauben, dass dies mit immer weniger Lehrern zu erreichen ist.

Grenzen unseres Verstandes

Einer jüngst erschienenen Studie von Gallup-Purdue ist zu entnehmen, welche Faktoren für ein gelungenes Studium und beruflichen Erfolg offenbar besonders wichtig sind: Lehrer, die Begeisterung für den Unterrichtsstoff wecken; Lehrer, die sich für die Studenten interessieren; und Lehrer, die die Studenten ermuntern, ihren Träumen zu folgen. Das alles kann automatisierter Unterricht nicht leisten. Es wird viele neue Formen von Unterricht geben, aber immer wird man dafür Menschen brauchen - Lehrer, Förderer, Koordinatoren, Visionäre, Unterstützer, Ermutiger, Gleichgesinnte. Es wird keine Roboterwelt von Gewinnern und Verlierern sein, wie die Modelle uns das einreden wollen, sondern eine differenzierte menschliche Welt mit vielen Gewinnern.

Und es gibt noch eine weitere Lüge: Intelligente Maschinen verlangen nicht weniger, sondern mehr menschliche Kompetenz. Ob es um computerisierte Finanzprodukte oder militärische Drohnen geht - hochkomplexe Systeme brauchen Menschen mit kritischer Intelligenz und strategischem Überblick. Dies ist eine der ernüchternden Lehren der Finanzkrise. Im Abschlussbericht der amerikanischen Untersuchungskommission zu den Ursachen der Finanz- und Wirtschaftskrise wird das brüchige Fundament des Subprime-Markts beschrieben: „Der gesamte Markt beruhte auf komplizierten Computermodellen, die sich als völlig realitätsfern erwiesen. Als die Blase platzte, platzte auch die ganze Komplexitätsblase: Die Wertpapiere, die praktisch niemand verstand, waren die ersten Dominosteine, die fielen.“

Die Wall Street arbeitete mit „Quants“, jenen Mathematikern, die komplexe Finanzprodukte und Algorithmen für den automatisierten Handel entwickelten. Selbst Manager verstanden ihre eigenen Produkte nicht mehr, und das galt auch für die Aufsichtsbehörden, die „die Kontrolle der operationellen Risiken zunehmend den Banken überließen“.

Wir könnten alle profitieren

Aufgrund dieses vielfachen menschlichen Versagens stürzte die Welt in einen Albtraum, von dem wir uns noch nicht völlig erholt haben. Als der Umhang des Zauberers weggerissen wurde, sahen wir nur leere Blicke und Fragezeichen. Wall Street hatte seinen Algorithmen vertraut, die das menschliche System in eine verstörende Passivität und Abhängigkeit brachten. Vermögenswerte wurden vernichtet, die Menschen bezahlten mit Chaos und Leid.

Weitere Themen

„Unser Spielraum schrumpft“

ARD-Chef Ulrich Wilhelm : „Unser Spielraum schrumpft“

Die Finanzkommission Kef schlägt vor, dass der Rundfunkbeitrag auf 18,36 Euro steigt. Der ARD-Vorsitzende Ulrich Wilhelm will darüber verhandeln. Im Interview sagt er, warum. Er bemängelt eine „Umverteilung von der ARD zum ZDF und zum Deutschlandradio“.

Topmeldungen

Christine Lagarde auf der Pressekonferenz in Frankfurt

EZB-Präsidentin Lagarde : Zinsentscheid mit einem Lächeln

Die neue Präsidentin der Europäischen Zentralbank, Christine Lagarde, stellt sich erstmals nach einer Ratssitzung der Presse. Den Zinssatz lässt sie unverändert, doch ihr Stil unterscheidet sich deutlich von dem ihres Vorgängers Draghi.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.