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Digitale Revolution : Eine Ökonomie der Verachtung

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Die CIA hatte Mulholland in den fünfziger Jahren für ein streng geheimes Projekt angeworben, bei dem eine einschüssige Kleinkaliberwaffe entwickelt wurde, die in einer Zahnpastatube versteckt war, eine Zigarettenschachtel, aus der Zyankalikügelchen abgefeuert werden konnten, eine Injektionsspritze, die in einem Kugelschreiber versteckt war, eine mit Enthaarungsmittel getränkte Zigarre, die bei Fidel Castro zum Ausfall der Barthaare führen sollte, explodierende Muscheln oder, mein persönlicher Favorit, ein „Flucht-und-Ausbruchs-Zäpfchen“, ein Multifunktionsgerät mit Drahtschere, Brechstange, Sägeblatt, Bohrer und Reibahle. Autsch!

Mehr Maschinen, mehr Arbeitslose

Eric Schmidts gekonnt inszeniertes Kamingespräch, das vermutlich Assoziationen an Roosevelts wöchentliche Radioansprachen wecken sollte, macht deutlich, dass er das Zauberhandwerk meisterhaft beherrscht. Was verbirgt sich hinter seinem Magierumhang? Zunächst einmal die Sprache, die unsere Aufmerksamkeit auf den Computer lenkt, um von den versteckten Geschäftsmodellen und unternehmerischen Entscheidungen hinsichtlich des Einsatzes dieser Computer abzulenken. Das zweite Täuschungsmanöver ist die Aufforderung, wir sollten herausfinden, „worin die Menschen wirklich gut sind“. Unausgesprochen heißt das, dass die Menschen viel zu chaotisch, dumm, eigensinnig und unplanbar sind, als dass sie eine wesentliche Rolle in der Zukunft spielen könnten. Unsere Talente existieren für Eric Schmidt offenbar nicht. Und schließlich fordert er die Eliten auf, herauszufinden, womit man die Massen beschäftigen, unterhalten und vor allem ablenken kann von dem Geheimnis seines Zaubertricks. Seine Stellungnahmen sorgen für eine Verunsicherung, die von Empörung ablenken soll. Statt den Trick zu durchschauen, überlegen wir, wie wir uns und unsere Kinder vor dieser unausweichlichen Welle von Vertreibung und Exil schützen können.

Zaubertricks funktionieren nur, wenn der Blick des Zuschauers manipuliert wird. Was aber wird aus all diesen schönen Thesen, wenn wir ein wenig zurücktreten und die Zyankalikügelchen und die vergifteten Kugelschreiber sehen, die uns doch verborgen sein sollten? Welche Geheimnisse stecken in dem digitalen Zylinder? Richtet man den Blick auf das große Ganze, stellt sich sofort die Frage: Wer profitiert von den vermeintlich unausweichlichen digitalen Kräften, die unsere Arbeitsplätze bedrohen?

Die Unternehmensgewinne bewegen sich auf einem Rekordniveau, während die Lohnquote sinkt und die ungleiche Verteilung der Einkommen zunimmt. Aber seit Henry Ford, der den Lohn seiner Arbeiter auf fünf Dollar anhob, gehen Wirtschaftsmodelle davon aus, dass Unternehmer eine starke Nachfrage präferieren, selbst wenn das bedeutet, dass sie höhere Löhne zahlen müssen. Aus dieser Perspektive ist die Technologie der Bösewicht. Niedrige Löhne, so die Überlegung, können unmöglich das Ergebnis unternehmerischer Entscheidung sein. Der Wirtschaftswissenschaftler Paul Krugman fragt jedoch, ob Unternehmen vielleicht gar nichts gegen eine moderate Konjunkturkrise einzuwenden haben. Er sagt, jeder einzelne Unternehmer versuche, durch Lohnsenkungen oder Entlassungen möglichst hohe Gewinne zu erzielen. In der Summe führen diese individuellen Entscheidungen zu mehr Arbeitslosigkeit, wenn Unternehmen lieber in abschreibungsfähige Maschinen investieren, statt Arbeitskräfte einzustellen.

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