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Die neuen Roboter : Wir schaffen uns ab

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Nicht ob er humanoid aussieht, wie dieser Roboter, ist entscheidend, sondern welche menschlichen Tätigkeiten er übernehmen kann. Bild: dpa

Die nächsten Wellen der Automatisierung werden den Arbeitsmarkt umwälzen und die Ungleichheit vertiefen. Mehr Bildung und Hoffnung auf neue Jobs allein reichen da nicht. Hat die Arbeit noch eine Zukunft?

          6 Min.

          Wie viele Menschen werden in Zukunft noch Arbeit haben? Wer wird seinen Job verlieren? Welche Fähigkeiten sollen Kinder lernen, was studieren, um für die Zukunft gerüstet zu sein? Mit jeder Meldung über neue Durchbrüche bei selbstfahrenden Autos, Fabriken mit weitgehend automatischer Produktion und Robotern, die Gourmet-Burger nach Kundenwunsch zubereiten, werden diese Fragen drängender. Neben Flüchtlingsbewegungen, Rezessionssorgen, Klimawandel und allgemein düsteren Aussichten standen diese Fragen nun auf der Agenda der Politiker und Vorstandsvorsitzenden, die unlängst im schweizerischen Davos das World Economic Forum besuchten.

          Die Veranstaltung steht nicht völlig zu Unrecht im Rufe, eine Art Jahresvollversammlung der wirklich Mächtigen zu sein. Die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Veränderungen durch Automatisierung und Digitalisierung waren unter dem Schlagwort „Industrie 4.0“ das Leitthema des diesjährigen Treffens.

          Dazu hatte die Konferenz eine Umfrage unter Firmenchefs in Auftrag gegeben, die Erwartungen über die Auswirkungen der nächsten Technologiewellen auf den Arbeitsmarkt untersuchen sollte. Betrachtet wurde die Zeit bis 2025, also die unmittelbare Zukunft. Die Einschätzungen der Befragten lesen sich ernüchternd. Mit mehr als fünf Millionen neuen Arbeitslosen sei demnächst zu rechnen – in einer kleinen Auswahl von Ländern auf der ganzen Welt. Diese Zahl ist der wenig belastbare Schätzwert einer Umfrage, der vor allem eines ausdrückt: eine große Verunsicherung.

          Eine naive Fortschreibung der Vergangenheit

          In Davos wiederholte sich ein Ritual, das sich derzeit auf allen Veranstaltungen zum Thema „Zukunft der Arbeit“ beobachten lässt. Gebetsmühlenartig wird die Überzeugung betont, dass es schon nicht allzu schlimm werden wird, da gleichzeitig wie von Zauberhand neue Arbeitsplätze in bisher unbekannten Berufen entstehen werden.

          Herangezogen wird für diesen Zweckoptimismus gern die Vergangenheit. Schließlich, so die orthodoxen Ökonomen, seien doch auch alle wieder in Lohn und Brot gekommen, die etwa durch die Mechanisierung der Landwirtschaft arbeitslos wurden oder durch die erste Welle der Roboterisierung keinen Platz am Fließband mehr fanden.

          Der Fehler einer solch naiven Fortschreibung der Vergangenheit in die Zukunft liegt in der Verkennung der grundsätzlich anderen Qualität und Dynamik der anstehenden Technologiewellen. Früher ging es primär um die Ablösung körperlicher Arbeit, die zu einem guten Teil durch geistige Arbeit ersetzt wurde, insbesondere Dienstleistungen und Büro- und Verwaltungstätigkeiten. Nun geht es aber darum, überall dort, wo nur ein kleiner Teil der Gesamtleistung des Gehirns gebraucht wird, den Menschen überflüssig zu machen.

          Menschen werden nicht programmiert, sie müssen lernen

          Tätigkeiten, bei denen der Mensch vor dem Bildschirm durch eine Software im Computer ersetzt wird, gibt es überraschend viele. Ganze Management-, Logistik- und Controlling-Ebenen, die primär Daten erfassen, zusammenfassen, analysieren und weiterleiten, werden durch die Digitalisierung aller Wirtschaftsvorgänge redundant. Vor allem im Bereich Büro und Verwaltung sehen die befragten Davos-Besucher denn auch die meiste menschliche Arbeit wegfallen.

          Für Produkte, die in einem modernen Online-Shop verkauft werden, braucht es keine Menschen mehr, die Lagerbestände erfassen, Verkaufsstatistiken erstellen, Prognosen errechnen, Nachbestellungen auslösen oder die Lagerhaltung optimieren. Das alles erledigt Software – und nicht einmal besonders anspruchsvolle. Diktate werden schon heute mehr und mehr von Spracherkennungssoftware abgelöst, Routine-Übersetzungen bestenfalls noch von Menschen Korrektur gelesen.

          Lagerhaltung fest in Roboterhand
          Lagerhaltung fest in Roboterhand : Bild: mauritius images

          Knapp die Hälfte der heute existierenden Tätigkeiten wird nach wissenschaftlichen Studien in zwanzig Jahren nicht mehr als Broterwerb taugen. Der Optimismus, dass in der gleichen Zeit neue Tätigkeiten mit hinreichend guter Bezahlung entstehen werden, ist eher Glaubenssatz als wissenschaftlich belegte Annahme – schon weil Menschen nicht programmiert werden, sondern Fähigkeiten erlernen müssen.

          Die Landwirtschaft ist nicht im Blickfeld

          Gleichzeitig ist eine große Umwälzung des Arbeitsmarktes im Gange, bei der sich ein Wunschtraum der neoliberalen Profitoptimierer erfüllt: das sich noch beschleunigende Ende der Festanstellung. In Ländern mit weitgehender „Liberalisierung“ und „Flexibilisierung“ des Arbeitsmarktes ist nur noch ein Bruchteil der neu geschaffenen Jobs eine echte sozialversicherungspflichtige Festanstellung mit vernünftigem Lohn. Der optimale Arbeitnehmer der Zukunft wird so kurz wie möglich beschäftigt, die Weiterbildung ihm selbst überlassen, ökonomische Risiken werden auf ihn abgewälzt.

          Besonders betroffen davon ist die jüngere Generation, die sich erst von einem Praktikum zum nächsten hangelt und später mit einem Patchwork aus Teilzeit-Jobs, befristeten Projektverträgen und Pseudoselbständigkeit über Wasser halten muss. Den Luxus, ausreichend für das Alter vorzusorgen, genießen nur noch wenige. Denn außerhalb der technischen, mathematiknahen und naturwissenschaftlichen Fächer sind nur wenige Berufsfelder wirklich vor Robotern und künstlicher Intelligenz sicher. Die hohe Jugendarbeitslosigkeit in Europa ist ein Ausblick auf die Zukunft dieser Generation.

          Ein in Davos praktisch unbeleuchtet gebliebenes Feld in der Betrachtung von Folgen fortgeschrittener Automatisierungstechnik ist die Landwirtschaft. In fast allen bevölkerungsreichen Ländern mit geringem Pro-Kopf-Einkommen ist der Anteil der Landwirtschaft am Arbeitsmarkt zum Teil noch so hoch wie in Europa vor einhundert Jahren – in Indien etwa fünfzig Prozent.

          Die Schere geht immer weiter auf

          Es ist aber absehbar, dass bisher nur schwierig zu mechanisierende Anbauformen mit der Verbilligung von Bilderkennung und Robotik zukünftig verstärkt mechanisierbar und automatisierbar werden. Der Trend zu immer größeren, mechanisierungsfreundlichen Flächen, die möglichst personalarm bewirtschaftet werden können, wird durch die seit Jahren laufenden Aufkäufe von Ackerland verstärkt – nicht nur durch westliche Investoren, sondern auch durch Länder wie China und Saudi-Arabien. Gegen die dadurch verursachten Umwälzungen muten die im Westen anstehenden Verwerfungen fast überschaubar an.

          Betrachtet man die Automatisierungseffekte auf gesellschaftlicher Ebene, entsteht ein Bild, das die Grundannahmen der Demokratien in Frage stellt. Das einzig verbleibende relevante Produktionsmittel ist Kapital. Wer in moderne Maschinen und Software investieren kann, streicht im derzeitigen System den Mehrwert aus deren Produktivität ein.

          Doch je weniger Menschen an der Wertschöpfung finanziell beteiligt sind, desto weniger können sie noch die Waren kaufen, welche die Maschinen produzieren. Gleichzeitig büßen sie die Möglichkeit zur gesellschaftliche Teilhabe ein. Sie verlieren kollektiv die Macht, ihre Interessen zu artikulieren und zu vertreten. Die Konzentration finanzieller Mittel in wenigen Händen ist schon heute auf einem atemberaubenden Niveau. Die Schere zwischen Unternehmensprofiten und Arbeitslöhnen geht seit der Jahrtausendwende scheinbar unaufhaltsam immer weiter auf.

          Wartungstechniker-Proletariat auf Stand halten

          Die nächsten Technologiewellen werden die Ungleichheit noch beschleunigen, vertiefen und verfestigen. In Davos reagierten die Vertreter der obersten Spitze der Ungleichheitspyramide eher unwillig, als ausgerechnet der amerikanische Vizepräsident Joe Biden dieses offensichtliche Problem in seiner Rede auf die Tagesordnung hob.

          Das Verarmen und Verschwinden der Mittelschicht in den Vereinigten Staaten und damit der Verlust des Glaubens an Aufstiegschancen und Zukunftsperspektiven sind ursächlich für die Erosion des politischen Systems jenseits des Atlantiks. Die Folgen sind eigentlich nicht länger ignorierbar, in Davos wollte man aber nicht zu sehr ins Detail gehen. Denn die Prämissen der derzeitigen Wirtschaftsordnung werden in der Schweizer Luxusenklave traditionell nicht überprüft.

          Man sprach lieber darüber, wie die Staaten mit besserer Bildung dafür sorgen könnten, dass das zukünftige Wartungstechniker-Proletariat für den reibungslosen Betrieb der intelligenten Maschinenparks jeweils auf dem aktuellen Stand bleiben kann. Immerhin, ein kleiner Fortschritt, wurde mit Sorge zur Kenntnis genommen, dass Frauen oft in Feldern tätig sind, die am stärksten vom Wegfall bedroht sind.

          Das Tempo der Veränderung nimmt zu

          So zu tun, als könne man mit besserer Bildung allein den ökonomischen und sozialen Zerfall der Gesellschaften aufhalten, ist fahrlässig. Die Geschwindigkeit der Veränderung durch die technologische Entwicklung ist so hoch, dass die sozialen Sicherheitssysteme absehbar überfordert werden. Selbst wenn langfristig neue Jobs entstehen, wird es bis dahin immer wieder Perioden geben, in denen viele Hunderttausend oder Millionen Menschen für ihre Fähigkeiten, Erfahrungen und Talente keine Abnehmer mehr finden werden.

          Noch machen sich vor allem Menschen mit niedrigem Einkommen Sorgen um ihren Arbeitsplatz. In Deutschland sieht nach einer repräsentativen YouGov-Umfrage nur jeder Fünfte seinen Job von Robotern und Software bedroht. Eine große Mehrheit würde aber lieber etwas langsameren Fortschritt für mehr sichere Arbeitsplätze in Kauf nehmen.

          Wenn die Potentiale der technischen Entwicklung sichtbarer werden, dürfte sich diese Stimmung zwangsläufig verstärken. In vielen Feldern – ob nun Roboter-Kollegen oder selbstfahrende LKWs – ist jedoch eine positive Einstellung zu neuen Technologien die Voraussetzung für deren Durchsetzung. Wenn es also nicht gelingt, durch eine Neuverteilung der Automatisierungsdividende einen weiteren ökonomischen Zerfall der Gesellschaft zu verhindern, steht die Akzeptanz des technischen Fortschritts grundsätzlich in Frage.

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