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Bildungsprojekt „Jugend hackt“ : Was haben sie jetzt wieder ausgeheckt?

Dezentrale Strahlungsmessung mit Zeit- und Ortsbezug und Visualisierung? Kein Problem für das „Jugend hackt“-Team GRaaS! Bild: Foto Leonard Wolf / CC-BY 4.0 Jugend hackt

Digitale Bildung als Selbstbestimmung und Spaß: Bei „Jugend hackt“ in Berlin erobern junge Programmierer mit originellen Ideen und eindrucksvollen Arbeiten das Internet als Gestaltungsraum.

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          Computer können dein Leben zum Besseren verändern: Was die Laufschrift am rechten Bühnenrand im Berliner Jugendhaus Königstadt verspricht, ist den Leuten hier klar - aus eigener Erfahrung, so jung sie auch sind, in der Gewissheit, dass dieser Satz aus der unter Computerfreunden verbreiteten „Hacker-Ethik“ nicht nur für ihr eigenes Leben gilt, sondern auch für das ihrer Mitmenschen. Für die Welt. Hundertzwanzig Kinder und Jugendliche aus ganz Deutschland haben sich hier am Wochenende zu „Jugend hackt“ getroffen, um miteinander zu programmieren, zu diskutieren und voneinander zu lernen. Zwölf Jahre alt sind die Jüngsten, die Ältesten achtzehn, die meisten um die sechzehn, der Typ kleiner Professor ist ebenso dabei wie der etwas scheu wirkende Langhaarige oder der aufgekratzte Alleswisser, es gibt Hemden- und Hoodieträger, Jungen und Mädchen aus allen Bundesländern.

          Es gibt etwa vierzig Mentoren, die ihnen inhaltlich nicht reinreden, aber für jede Unterstützung zu haben sind, weitere erwachsene Helfer für die Technik, die Organisation, die Verpflegung. Es gibt keine Eltern, die sind erst am Sonntag zur großen Abschlusspräsentation in der Volksbühne wieder willkommen und müssen sich einstweilen in Vertrauen und Geduld üben, für die Eltern der sieben Zwölfjährigen bestimmt eine Leistung. Und es gibt überhaupt wenig Ansagen: Wascht euch die Hände, es ist bestimmt irgendjemand krank hier. Meldet euch ab, wenn ihr für die Nacht rübergeht zum Hostel, meldet euch dort wieder an, immerhin haben wir die Aufsichtspflicht. Danke. Das war’s auch schon: ein Rahmen und eine Bühne.

          Einfach immer weiterrechnen

          Für den Rest sorgen die Jugendlichen selbst. Mit ihren Ideen, ihrem Können und ihrer Bereitschaft, sich mit beidem den anderen zu stellen. Auch wenn es grundsätzlich nicht einfach ist, vor allen Leuten zu sagen, was man will. Auch wenn es hier nicht einmal allen leichtfällt, den eigenen Namen laut und deutlich auszusprechen. Eine Möglichkeit, viele nebeneinandergelegte Smartphones wie einen einzigen Bildschirm zu nutzen, würde einer gern entwickeln. Eine App, mit der sich Leute aus einer Gegend finden können, die sich für dieselbe Sportart begeistern, schlägt einer vor. Eine Art Tinder würde jemand gern programmieren, nur dass hier nicht Leute einander vorgestellt werden, die was miteinander anfangen könnten, sondern solche, die Vorurteile übereinander haben, die sie im direkten Kontakt ja ausräumen könnten. Oder eine Art Tinder, bei der es nicht gleich um Dating gehen soll, sondern ums Kennenlernen interessanter Leute, nicht um das Geschlecht oder das Aussehen oder die ethnische Zugehörigkeit, sondern einfach darum, wer gute Antworten auf gute Fragen gibt.

          Ein Alarmsystem zur Sicherung von Schrebergartenhäuschen, das bei Einbruch eine SMS verschickt, weil es ja kein WLan gibt. Einen Generator von Übungsaufgaben für Mathe und Physik für Leute, die weiterrechnen wollen, auch wenn das Schulbuch durchgearbeitet ist. Ein Junge steht auf, vielleicht vierzehn Jahre alt, und schlägt mit rauer Stimme eine Messenger-App vor, die Nachrichten dezentral weiterleitet, damit keiner sie über den Zugriff auf einen zentralen Server auswerten kann.

          „Endlich mal normale Menschen“

          Ihre erste Bewährungsprobe haben die Ideen in Kleingruppen, die sie schließlich in aller Kürze noch am Freitagabend auf der Bühne vorstellen. Am Samstagmorgen wird es ernst: Für welche Projekte lassen sich die nötigen anderen Programmierer, App- oder Web-Entwickler, Datenbankspezialisten und Designer gewinnen, um zusammen an einem Prototyp zu arbeiten, der zumindest bei der Präsentation am Sonntag gut aussehen soll? Noch beim letzten Regional-Event hätten sie „Jugend hackt“ als Wettbewerb organisiert, erzählt die Projektleiterin Maria Reimer von der Open Knowledge Foundation. Aber das hätte die Jugendlichen nur zusätzlich unter Druck gesetzt. Und als eine Arbeitsgruppe ihren Code nicht mit einer anderen hatte teilen wollen, weil sie doch selbst gewinnen wollte, sei klar gewesen, dass es ohne Konkurrenzdruck bessergeht. Jetzt gibt es Badges, kleine Auszeichnungen für besondere Expertise oder außerordentlichen Einsatz, aber auch für Umsicht oder Vermittlungsfähigkeiten.

          So wichtig den einzelnen Teams ihre Projekte auch sind und so eindrucksvoll viele von ihnen bei der Präsentation am Sonntagmittag in der Berliner Volksbühne auch wirken: Sie sind an diesem Wochenende nur das Vehikel auf einem Weg, der das Ziel ist. Die Jugendlichen, immerhin ein Fünftel von ihnen Mädchen, sollen ihre Fähigkeiten unter Gleichgesinnten einsetzen, weitergeben, voneinander lernen können, es geht um gegenseitige Wertschätzung und Zusammenarbeit, um geteilte Begeisterung und gemeinsame Verausgabung. Und es wird wirklich spät in der Nacht vor der Präsentation. Noch um halb vier und halb sechs lassen sich unermüdliche Programmierer Pizza-Lieferungen ins Hostel kommen. „Endlich mal normale Menschen“, sagt einer der Teilnehmer am Nachmittag glücklich. Und es sind, bei aller Individualität, wirklich ganz normale Leute. „Es ist gut, wenn sie zu uns kommen, bevor sie Nerd-Stereotypen übernehmen“, sagt einer der Mentoren mit einem Lächeln, „bevor sie ,Big Bang Theory‘ gucken und auch so werden.“

          Auch mit „Minecraft“ kann man programmieren

          Auf Aufkleber auf dem Rücken haben sich die Mentoren geschrieben, wobei sie helfen können: json oder JavaScript steht da, php oder Python - Namen von Formaten und Sprachen, die hier zum gebräuchlichen Vokabular gehören. Am meisten, erzählt einer, lernen die Jugendlichen aber voneinander. Und fürs Technische sei eigentlich sowieso Stack Overflow da, eine Online-Plattform, auf der sich Programmierer austauschen. Die Mentoren könnten dabei helfen, dass die Leute auch die richtigen Fragen stellen und die Dinge finden, die sie suchen: Erläuterungen, Daten, Code, den sie gebrauchen können. Und dafür, dass in den Teams bei allen Kompetenzunterschieden jeder Einzelne zu seinem Recht kommt: mitzumachen und dazuzulernen.

          Bis die Ohren und die Tasten glühen: Computerkontakt auf Vaters Schoß beim Code Week Award in der Klax Kreativwerkstatt
          Bis die Ohren und die Tasten glühen: Computerkontakt auf Vaters Schoß beim Code Week Award in der Klax Kreativwerkstatt : Bild: Jan Kraus

          Ein paar Schritte die Schönhauser Allee hinauf liegt in einem Innenhof die Klax Kreativwerkstatt. Hier wird am Samstag die Code Week eingeläutet, eine europaweite Aktionswoche, in der es ums spielerische Vermitteln erster Programmiererfahrungen gehen soll, und acht Vermittlungsprojekte, die mit dem Code Week Award prämiert worden sind, stellen sich vor. Die Vor- und Grundschulkinder kommen noch an den Händen ihrer Eltern an die Basteltische, lösen erste Entschlüsselungsaufgaben, programmieren mit dem populären Konstruktionsspiel „Minecraft“, staunen über ein aus Tetrapaks und Leuchtdioden nachgebautes „Tetris“ oder legen für ein Brettspiel mit Karten eine Befehlsabfolge, die einen Ritter Feld für Feld zu seiner Prinzessin führt. Über 120 Veranstaltungen für alle Altersgruppen finden in ganz Deutschland in dieser Woche statt, zum Start vor zwei Jahren war es nicht einmal die Hälfte. Auch „Jugend hackt“ gehört dazu.

          Eine der schönsten und stärksten Seiten der Digitalen Bildung

          Als ihn am Sonntagmittag die Moderatoren der Abschlusspräsentation auf die Bühne holen, spricht Daniel Seitz von der Bildungsagentur Mediale Pfade, neben Maria Reimer Hauptorganisator von „Jugend hackt“, von einer Aufgabe: Es gehe darum, die Jugendlichen auf ihre Zukunft vorzubereiten, nicht auf unsere Vergangenheit. Das habe er von einem Schuldirektor, sagt Seitz. Ein Zitat, das man in diesen Zeiten so gern hört wie den Zitierten. Hatte doch erst in der vergangenen Woche ein anderer ehemaliger Schuldirektor als Präsident des Deutschen Lehrerverbands beklagt, der Umgang mit digitalen Medien würde bei Schülern die „vorhandene Neigung zum Häppchenwissen noch verstärken“, die Konzentration, das Lesevermögen und die Diskursfähigkeit beeinträchtigen, kaum dass die Bundesbildungsministerin bekanntgegeben hatte, in den kommenden fünf Jahren fünf Milliarden Euro in die Verbesserung der digitalen Infrastruktur der 40.000 Schulen in Deutschland stecken zu wollen. Gleich sprachen die einen davon, dass der wirkliche Investitionsbedarf noch deutlich höher sei, von den maroden Gebäuden und veralteten analogen Lehrmitteln ganz zu schweigen.

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          Die anderen beschworen mit den Bundesländern und den Kommunen die für Bildungsfragen eigentlich zuständigen Instanzen, Buzzwords wie Employability, Lernplattformen, Clouds und individualisiertes Lernen wurden herumgereicht. Was in dem Getöse etwas unterging, zeigte sich an diesem Wochenende in Berlin: dass eine Seite der digitalen Bildung, eine ihrer schönsten und stärksten Seiten, die Selbstermächtigung der Lernenden ist, ihr Weg in die digitale Mündigkeit und Mitgestaltung. Wer den Computer nicht nur bedienen, sondern ihn auch benutzen kann, wer das Internet auch als Gestaltungsraum begreift, für den kann ein Computer als Emanzipationswerkzeug tatsächlich das Leben besser machen.

          Wie man das mit dem Internet an Schulen selbst für kleines Geld in den Griff kriegen könnte, hat sich übrigens auch ein „Jugend hackt“-Team am Wochenende ausgedacht: Man müsste einfach nur die vorhandenen Rechner mit billigen Wifi-Sticks ausstatten, aus ihnen ein Mesh-Netzwerk bilden und den Schülern kontrollierten Zugang zum Internet gewähren - über ein Programm, das im Wesentlichen nach einem Tag Arbeit steht. Und was dann mit den Milliarden geschehen könnte, die durch diese Lösung frei würden, fällt den jungen Hackern bestimmt auch noch ein.

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