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Lerndatenauswertung : Fürs Überleben lernen wir

Ein eindringlicher Blick aufs Display, ein eindringlicher Blick zurück: Produktpräsentation auf der Learntec-Messe in Karlsruhe Bild: KMK/Behrendet & Rausch

Wenn Performance und Potential der Mitarbeiter maschinenlesbar sind: Auf der Learntec-Messe in Karlsruhe zeigen Anbieter, was Unternehmen aus Lerndaten ableiten können.

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          Wenn man beruflich vorankommen wollte, genügte es früher, überzeugende Abschlüsse vorzulegen. Das wird sich ändern: Nicht das Ergebnis, sondern schon der Prozess des Erwerbs von Kenntnissen und Fertigkeiten wird über die Qualifikation entscheiden. Denn dieser Prozess ist maschinenlesbar geworden.

          Eigentlich, sagt der Lernsoftware-Entwickler Thomas Pilz, sei das Programm so ein richtiges Big-Brother-Monster: Vom schlichten Multiple-Choice-Test bis zur komplexen Aufgabe, die Online-Recherche erfordert - welche Schritte auch immer Lernende im Internet machen, wie lange sie zu welcher Tageszeit für welche Aufgabe brauchen, auf welchen Seiten sie sich dafür informieren, welche Textteile sie dort womöglich kopieren, ihre Erfolge, aber auch die Abbrüche und Fehlversuche - alles liest die xAPI mit. Entwickelt wurde diese Schnittstelle zwischen digitalen Lerninhalten und Lernumgebungen im Auftrag des amerikanischen Verteidigungsministeriums von der Advanced Distributed Learning Initiative. Veröffentlicht wurde sie im Frühjahr 2013, wenige Wochen vor Edward Snowdens Flucht nach Hongkong und seinen Enthüllungen digitaler Überwachungsprogramme, die in der ganzen Welt für Aufregung gesorgt haben - ein zufälliges Zusammentreffen, das allerdings bei den Entwicklern des Lernsoftware-Anbieters Sicher im Internet aus Kühlungsborn zu der Entscheidung geführt hat, die Open Source Software zwar zu nutzen, die bei ihrem Einsatz anfallenden Lerndaten aber nicht in den Tiefen des Systems verschwinden zu lassen, sondern den Nutzern selbst die Hoheit darüber zu überlassen.

          Im Abgleich mit 22 Millionen anderen Beschäftigten

          Ob in Schule und Studium oder in der späteren beruflichen Weiterbildung: Wenn Daten die Rohstoffe unseres Informationszeitalters sind, gehören Lerndaten zum Kostbarsten, was wir haben. Verraten sie doch nicht nur, für welche Dinge wir uns mit welchem Einsatz interessieren, wie schnell unsere Auffassungsgabe, wie gut unser Erinnerungsvermögen und wie groß unsere Bereitschaft ist, uns Neues anzueignen. Sie zeigen ebenso unsere Ambitionen und, im Datenabgleich großen Stils, welche Wege uns offenstehen.

          Performance und Potential sind zentrale Kriterien im Human Resource (HR) Management. Auf der Messe Learntec, die an diesem Donnerstag in Karlsruhe ihren letzten Tag hat, bieten eine ganze Reihe von Unternehmen ihre Verfahren der Lerndatenanalyse an - angepasst an die hiesigen datenschutz- und betriebsrechtlichen Bedingungen, aber durchaus mit Blick für die enormen Möglichkeiten.

          Cornerstone OnDemand heißt ein Anbieter cloudbasierter HR-Lösungen, über den mehr als 22 Millionen Berufstätige in der ganzen Welt organisiert sind. Cloud-basiert heißt dabei auch: Die Daten dieser Mitarbeiter liegen nicht allein in ihren Unternehmen, sondern stehen - natürlich anonymisiert - Cornerstone für die Big-Data-Auswertungen zur Verfügung. Das Angebot, erläutert Regional Sales Director Andreas Eppler im Gespräch auf der Learntec, umfasst damit auch die Vorhersage von Lern- und Entwicklungsbedarf mitsamt der dafür benötigten Zeit, Abwanderungsrisiken und sogar Handlungsempfehlungen: Wer intern für welche Stelle in Frage kommt, mit welchem Schulungsbedarf und in welcher Zeit, wirft die Datenbank ebenso aus wie Hinweise, welche Mitarbeiter besonderer Aufmerksamkeit bedürfen, falls man sie nicht verlieren will.

          Wenn es der Arbeitgeber will

          Gleich am Eingang desselben Gangs in der Messehalle erzählen Tobias Blickle und Christian Wachter am Stand ihres Unternehmens IMC von einem Auftrag, den die beiden Vorstände im November in Singapur ausgehandelt haben: Der Stadtstaat plant für seine Einwohner eine „Total Online Learning Solution“, die alle Aus- und Weiterbildungsaktivitäten zentral bündeln soll. Und mit ihnen die Lerndaten - in einem Learning Record Store, das jeden gebürtigen Singapurer erfasst, sobald er in den Kindergarten kommt. Dadurch kann der Staat zum Beispiel erkennen, in welchen Banken alle einheimischen Mitarbeiter die aktuellen Compliance-Schulungen erfolgreich absolviert haben, wie es um den Ausbildungsstand der Köche steht oder ob medizinisch Ausgebildete im Katastrophenfall für Rettungsmaßnahmen angefordert werden könnten.

          Das Schreckgespenst des gläsernen Bürgers steht im Raum; zumal in einem Regime mit autoritären Zügen - oder in der ganz gewöhnlichen Arbeitswelt, in der die Selbstbestimmung über die eigenen Informationen, das deutsche Datenschutzideal schlechthin, mit der Praxis realer Beschäftigungsverhältnisse nicht unbedingt harmoniert. Selbst wo juristisch jeder selbst entscheiden kann, wem er in welcher Tiefe Einblick in seine lebenslang gesammelten Lerndaten gewähren will, ist dieser freie Wille ohnmächtig, wenn ein Arbeitgeber einen solchen Einblick zur Einstellungsvoraussetzung macht. Und wenn es alle tun, wird der Arbeitsmarkt zur strengsten Schule aller Zeiten.

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