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Tod eines Toreros : Wer den Durst der Götter stillt

Hut ab: Der Torero Diego Urdiales gedenkt seines ums Leben gekommenen Kollegen Victor Barrio. Bild: AP

Der Tod des Toreros löst in sozialen Medien Spott und Häme aus. Die Diffamierungen gegen Víctor Barrio beweisen, dass die Internetgemeinde die Kultur des Stierkampfs nicht begriffen hat.

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          Die Häme galt einem Toten, und sie passte in 140 Zeichen. „Ein Mörder weniger“, schrieb einer auf Twitter, „guter Samstag.“ Ein anderer: „Ich freue mich über den Tod von Víctor Barrio. Jeder, der ein wehrloses Tier angreift, verdient zu sterben.“ Ein Dritter: „Jetzt fressen dich die Würmer, ha, ha.“ Weiter ging die Rede vom „Abschaum“ und anderen Substanzen, von denen die Erde nun befreit sei.

          Paul Ingendaay
          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Früher war der Tod eines Matadors eine Sache der Stierkampfwelt. Heute nicht mehr: Die sozialen Medien haben die lawinenartig sich verbreitende Totenschmähung erfunden, und zwar von Gestorbenen, deren Leben nicht einmal in Umrissen bekannt ist. In Minutenschnelle bemächtigen sich die Netzwerke der Nachricht, rufen auch Ahnungslose auf den Plan und schaffen ihren eigenen Kommentar, der sich als Stimme der Mehrheit fühlt. Ihre Waffen sind Spott und Beleidigung.

          Häme ohne Rücksicht

          Die obigen Zitate gehören zu der harmloseren Sorte. Manche der Tweets, die nach dem Tod des Stierkämpfers Víctor Barrio am vergangenen Wochenende zu lesen waren, sind nach den Standards dieser Zeitung undruckbar. Der spanische Kulturminister Íñigo Méndez de Vigo empfand bei ihrer Lektüre „scharfe Ablehnung“ und schrieb, die Verfasser hätten „kein Herz“. Was dagegen zu tun sei, wusste er auch nicht. Am ehesten helfe die „Ächtung durch die Gesellschaft“. Das ist eine lustige Formulierung, denn vermutlich denken die Twitter-Autoren ja gerade, die Ächtung der Gesellschaft repräsentierten sie selbst. Die Guardia Civil prüft gerade, welche von ihnen sie verfolgen will, und auch Stierkampfvereinigungen haben gerichtliche Schritte angekündigt.

          Dass jede Internetdiffamierung zur Kampagne wird, liegt dank der rasenden Verbreitung in der Natur des Mediums. Doch meistens nennen wir es weder Diffamierung noch Kampagne, sondern halb scherzhaft „Shitstorm“. Was in Wahrheit vorgeht, ist der anonyme Angriff auf alles scheinbar Merkwürdige, Abweichende, möglicherweise Peinliche und erst recht auf alles Ungewohnte und Fremde. Früher hätte man sich abgewandt, wenn sich jemand im falschen Moment an den Schritt greift, und kopfschüttelnd gedacht, solche Gesten gehörten eher ins Privatleben. Heute stellt das Netz für das Privateste eine sensationsgeile Öffentlichkeit her, die sich im Namen der Demokratie als moralische Richterin aufspielt. Eine Öffentlichkeit, die keine Tweets absondert, ist für die meisten kaum noch denkbar.

          Geradezu zwangsläufig hat dieser Mechanismus jetzt auch den Stierkampf erreicht. Dass die Tauromachie umstritten ist, liegt nicht nur am Leiden des Tiers, dessen Tod im Regelbuch vorgezeichnet ist, sondern auch am öffentlichen Charakter oder, wenn man so will, der zirzensischen Qualität dieser Tötungsdarbietung - in genau der Sphäre also, welche die Internetgemeinde als die ihre betrachtet. Gab es noch vor einem halben Jahrhundert eine gewisse Nähe zum Tod des Tiers, weil viele Menschen mit den Zyklen des agrarischen Lebens vertraut waren, wirkt jetzt schon der Anblick von Blut und offenen Wunden skandalös. Verstöße gegen dieses Bildverbot, das mit den Jahren die Kraft eines Tabus angenommen hat, werden mit Empörung und heftigen Protesten geahndet.

          Die Fremdheit, ja Befremdlichkeit des Themas ist in der Tat nicht zu leugnen. In Spanien, Teilen Südwestfrankreichs und einigen Ländern Lateinamerikas ist noch ein Ritual lebendig, das sich auf lange Tradition und identitätsstiftende Bedeutung beruft, also durch und durch unzeitgemäß ist. Ganz in diesem Sinne schrieb das spanische Kulturministerium 2011 erstmals einen mit dreißigtausend Euro dotierten „Nationalpreis für Tauromachie“ aus. Laut Satzung kann damit belohnt werden, wer sich um die „kulturellen Werte“ des Stierkampfs verdient macht, von Toreros über Stierkampfvereinigungen bis zu Züchtern von Kampfstieren. Wie stehen all diese Leute jetzt da, nachdem am Wochenende erstmals seit 1985 wieder ein Torero in einer spanischen Arena gestorben ist?

          Die Antwort lautet: nicht wesentlich anders als zuvor. Man trauert und kondoliert, doch das Leben der anderen geht weiter. Der Tod des Matadors ist das Mögliche, das immer einkalkuliert werden muss und zum ideellen Gehalt der Tauromachie zählt, auch wenn es aus der Realität des einundzwanzigsten Jahrhunderts längst verbannt zu sein schien.

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