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Tod eines Toreros : Wer den Durst der Götter stillt

Spaniens Schicksalbegriff

Víctor Barrio, 29 Jahre alt, starb letzten Samstag im ostspanischen Teruel (Aragonien), nachdem ihn ein Stier mit den Hörnern erst am Bein getroffen und dann dem zu Boden Gegangenen Lunge und Herz durchbohrt hatte. Spanische Tageszeitungen - keine Fachblättchen, sondern die Mainstream-Presse des Landes - sprachen von einem Leben, das sich „erfüllt“ habe, vom „Durst der Götter“ (nämlich nach Blut) und dergleichen. Man muss nicht zu solcher Rhetorik greifen, um sie dennoch gelten zu lassen: als Ausdruck eines spanischen Todes- und Schicksalsbegriffs, der vor allem Haltung und Hinnahme voraussetzt.

Die Leistungsstärke des Matadors Víctor Barrio beschönigten die Medien dabei keineswegs. Er gehörte zu denen, die in Madrid gescheitert waren und ihren Traum vom ganz großen Triumph begraben mussten. Ein kleines Licht, das erst im Verlöschen wahrgenommen wird. Diesen Tenor hatte auch die Twitter-Botschaft seiner Witwe: „Wir haben immer von der Puerta grande in Madrid geträumt. Es sollte nicht sein. Das Leben ist ungerecht. Es ist mit dir gegangen.“

Verehrung für den Kampfstier

An dieser Stelle eine persönliche Bemerkung. Seit der ersten Begegnung mit dem Stierkampf habe ich vor dieser Welt Respekt empfunden. Nicht wie vor etwas Nahem, Zugänglichem, leicht Erklärbarem und schon gar nicht als Sport, was die Tauromachie gerade nicht ist. Hier geht es zuallererst um den Kampfstier, das am tiefsten verehrte Tier der Iberischen Halbinsel. Zwischen vier und sechs Jahren dauert sein Leben, das er frei auf riesigen, eichenbestandenen Weiden verbringt, bevor es mit einem zwanzigminütigen Kampf endet. Dieses Ende ist in der Tat festgelegt: Seit dem achtzehnten Jahrhundert wird der toro bravo gezüchtet, um in den letzten Minuten seines Lebens zu zeigen, wer er ist.

Rotes Tuch: Victor Barrio bei einem seiner Kämpfe.

Ein einziger Blick auf das Schicksal der gestopften Gans, der künstlich aufgeblähten Pute, der eingekerkerten Legehenne oder anderer „Nutztiere“ unserer Nahrungsmittelindustrie dürfte kaum einen Zweifel darüber lassen, welches Tierleben der Qualität nach vorzuziehen ist. Wir dürfen uns den Kampfstier als glückliches Wesen vorstellen. Da seine Existenz nach landwirtschaftlichen Maßstäben unfassbar teuer ist, hängt daran sein Überleben als Spezies: Entweder er spielt seine Rolle in der Arena und auf Stierfesten - oder er stirbt aus.

Das Duell ist ein Ritual

Was die Fairness des Duells zwischen Toro und Torero betrifft, herrscht ebenso wenig Zweifel: Es ist nicht fair, weil es nie um Fairness ging. Denn im strengen Sinn ist das Duell kein Kampf, bei dem es aufs Gewinnen ankäme, sondern ein Ritual, das im Idealfall nach der mystischen Verbindung dieser beiden Figuren strebt. In jeder Geste, jeder Bewegung sind sie aufeinander bezogen, so dass sie - abermals im Idealfall - eher Tänzern als Kämpfern ähneln. Die Form dieses Rituals setzt aber den schrankenlosen Einsatz des Matadors voraus, und hier lässt sich nicht mehr darum herumreden: Ohne Selbstbeherrschung und wirklichen Wagemut, ohne Entschlossenheit und hohes persönliches Risiko geht es nicht. Hier greift keine TÜV-Norm, hier herrscht keine Helmpflicht. Die Tauromachie, sagen wir es deutlich, ist die wilde Zone in einem ansonsten perfekt abgesicherten Leben.

Wer einmal eine Stierweide betreten und Jungstiere aus der Nähe gesehen hat, weiß, wovon die Rede ist. Und sich vor einen echten 500-Kilo-Kampfstier zu stellen, die beiden scharfen Hörner mit einem Meter Spannweite und den mächtigen Schädel vor sich zu sehen und angesichts dieses mannshohen Gegners nicht sofort das Weite zu suchen: Das ist nur wenigen gegeben. Zu diesen wenigen gehörte auch Víctor Barrio, unabhängig von Glück oder Pech auf seinem Karriereweg. Unter Rufen „Torero, Torero!“ wurde er inzwischen in seiner Heimatstadt Segovia beigesetzt.

Ertragen wir, die europäische Wertegemeinschaft, diese Fremdheit? Sie setzt alte, kaum noch benutzte Begriffe wie Tapferkeit und Stoizismus voraus. Können wir gelten lassen, dass eine Differenz existiert, die wir nicht verstehen und deren Anmutung uns beunruhigt oder sogar empört? Halten wir es für denkbar, dass die Achtung vor dem Tier in Spanien auch seinen öffentlich aufgeführten Tod einschließt? Oder meinen wir, es müssten von Stockholm bis Neapel dieselben Normen gelten und darüber hinaus unser eigenes, oft uninformiertes Moralempfinden? Fragen, die das Nachdenken lohnen würden, die aber kaum in 140 Buchstaben zu erledigen sind.

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