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Überalterung der Bevölkerung : In Würde wählen

  • -Aktualisiert am

Wie die Wahl ausgeht, wenn das Wahlalter stetig steigt, ist noch geheim – wie hier vor einer Wahlkabine in Brandenburg am Tag der Europawahl zu sehen ist. Bild: ZB

Neueste Berechnungen zeigen: So alt waren die deutschen Wähler noch nie – besonders im Osten der Republik. Muss uns das kurz vor den Wahlen in Sachsen und Brandenburg alarmieren?

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          Nun ist es also amtlich: Die Wahlberechtigten in Deutschland sind so alt wie noch nie! Diese Meldung gab es schon oft, doch sie muss stets erneuert werden, denn ähnlich wie beim Wetter wird Jahr für Jahr ein neuer Rekord erreicht. Wir haben ja schon immer gewusst, dass wir immer älter werden. Das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung aber, das auf Grundlage der in Deutschland lebenden Bevölkerung über achtzehn Jahren das bundesweite Wahlalter errechnet hat, lehrt uns etwas, das angesichts der bevorstehenden Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg höchst aufschlussreich ist. Der Osten sieht nämlich wieder einmal älter aus als der Westen.

          Spitzenreiter ist Sachsen-Anhalt mit einem Medianalter – also jenem Wert, bei dem die Hälfte der Wahlberechtigten älter, die andere Hälfte jünger ist – von sage und schreibe 56,2 Jahren. Bevor sich nun aber die Besserwessis, die auch dreißig Jahre nach dem Mauerfall noch unter Verdacht stehen, die Leistungen und Nöte der Ostdeutschen zu verkennen, zufrieden auf die Schultern klopfen, sei jedem ein Blick auf die Zahlendifferenz empfohlen. Die Wählerschaft, die als die „jüngste“ bezeichnet wird und in Hamburg lebt, hat ein stolzes Medianalter von 49,3 Jahren. Immerhin hat Hamburg die fünfzig noch nicht überschritten, anders als das Saarland, das mit 55,1 Jahren Sachsen (55,3) und Brandenburg (55,5) verdächtig nahekommt.

          Die Jungen bleiben nicht

          Schauen wir uns aus aktuellem Anlass das wahlumkämpfte Bundesland Brandenburg einmal genauer an: geschlechtsparitätisch, hauptstadtnah, transformativ – und trotzdem haben die Alten das Sagen, weil die Jungen nicht bleiben und, selbst wenn sie blieben und den guten Willen hätten, kaum etwas an den überkommenen Strukturen ändern könnten, welche die Wahlbevölkerung magnetisch an die politischen Ränder ziehen. Denn die Jungen zwischen achtzehn und 25 Jahren machen in Brandenburg gerade einmal 5,1 Prozent der Bevölkerung aus, bei denen zwischen 25 und dreißig sind es noch weniger.

          Ziemlich düstere Aussichten, könnte man meinen. In Zeiten allgemeiner Antidiskriminierungsstrategien muss man allerdings aufpassen, sich nicht auch noch dem Verdacht der Altersdiskriminierung auszusetzen, wenn man sich schon auf dem heiklen Terrain der ostdeutschen Benachteiligung bewegt. Und so sei pflichtschuldig erwähnt, dass das Jungsein natürlich nicht automatisch zu einem anderen Wahlergebnis führen würde. Das Brexit-Referendum ist das prominenteste Beispiel für die Möglichkeit (nicht Zwangsläufigkeit) apolitischer Lethargie unter den jüngeren Generationen, Greta-Effekt hin oder her. In diesem Sinne bleibt uns in Ost wie West nur noch die diskriminierungsfreie Devise: in Würde alt werden und aufrecht weiterwählen.

          Hannah Bethke

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

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