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Debatte über Rettungseinsätze : Feuer und Wasser

Flüchtlinge, die auf Booten von Libyen aus nach Italien übersetzen wollten, werden während eines Rettungseinsatzes im Mittelmeer geborgen. Bild: dpa

Welche Antworten man bekommt, hängt auch in Diskussionen über Migration, Notstand und Medien von den Fragen ab, die man stellt. Je einfacher und blöder die Fragen und die Formate sind, desto schlimmer werden die Antworten.

          Ende der achtziger Jahre brach in einer verrufenen Siedlung am Rande einer südwestdeutschen Zwanzigtausend-Seelen-Kleinstadt ein kleines Feuer aus. Die Menschen, die in dieser Siedlung lebten, trugen keine für Ureinwohnerohren fremdländisch klingenden Namen. Wer in jener Stadt lebte und sich für deren kommunale Wirklichkeit interessierte, hatte Gerüchte darüber gehört, wie es am Brandort täglich zuging; von Gewalt-, Sexual- und Eigentumsdelikten wurde glaubwürdig berichtet. Jetzt brannte „bei denen“ augenscheinlich ein Dachstuhl. Zuerst kam die Polizei, erst später die Feuerwehr. Wir, ein paar Jugendliche aus mehr oder weniger mittelständischen Familien, standen auf der anderen Seite des Kanals, der die Problemsiedlung von unseren Wohnblocks trennte, und feixten, während die Rauchwolke sich überm Sorgenviertel ballte. Ein Freund sagte zu mir: „Die Polizei kommt zuerst, weil die Asozialen jetzt die Hehlerware aus dem Keller tragen. Da kann man die gleich beschlagnahmen.“ Das war geraten; mein Freund verfügte über keinen heißen Draht zu den Ordnungskräften. Schnell aber wurde ein Gerücht daraus, stadtweit, unterm Motto: Verbrechensaufklärung geht vor Brandbekämpfung und Lebensrettung.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Auf der Internetseite des aus den Vereinigten Staaten nach Europa migrierten „Alt-Right“-Propagandisten Theodore Beale („Vox Day“) wird seit einiger Zeit darüber diskutiert, wie man die dort als „Invasion“ bezeichnete Zuwanderung übers Mittelmeer beenden könnte. Am Montag, dem 25. Juni 2018, schrieb ein Netznutzer, der sich „Doug Cranmer“ nennt, in die Kommentarrubrik eines Artikels von Beale den Satz: „I still get shocked expressions here in Canada when I say the solution is to sink the boats and machine gun the survivors in the water“, auf Deutsch: „Ich ernte immer noch entsetzte Reaktionen in Kanada, wenn ich sage, die Lösung wäre, die Boote zu versenken und die Überlebenden mit Maschinengewehrfeuer zu belegen.“

          Wenn es diesen Doug Cranmer wirklich gibt, dann ist er wohl verrückt, ein Ungeheuer oder beides. Klammert man psychiatrische und moralische Überlegungen aber aus, lässt sich Cranmers Äußerung kalt statistisch als Extremwert einer Verteilung von Meinungen in der westlichen und nördlichen Öffentlichkeit begreifen. Diese irre Meinung ist dann die von einstweilen hoffentlich nur wenigen Menschen geteilte Konterposition zu einer ihr direkt entgegenstehenden, ebenfalls von vermutlich nicht sehr vielen geteilten, nämlich: Man solle unter allen Umständen und mit allen Mitteln möglichst vielen Menschen aus ärmeren und weniger sicheren Gegenden zum Umzug nach Norden und Westen verhelfen, egal, in welchem Zustand sie ankommen und was dann mit ihnen geschieht.

          Die bösen Folgen guter Taten

          Viele Landsleute, mit denen man zurzeit über die Migrationslage diskutiert, sind auf der Suche nach einer erträumten Position irgendwo in der Mitte zwischen diesen beiden Haltungen. Das, was die Statistik den Median einer Meinungsverteilung nennt, ließ sich da bis vor kurzem mit dem Satz umschreiben: „Man hilft so vielen wie möglich und wahrt dabei das Recht so streng wie nötig.“ In der Realität hat dieser versöhnlerische Ansatz kein Geld, keine Staatsmacht, keine Instanz. Alles, was man wirklich beobachten kann, weicht davon ab: Die italienische Politik schert gegen diesen Median gerade in die eine Richtung aus, ein Leitartikel irgendwo in die andere. Ab und zu begegnet man einem Argument, das die Auseinandersetzung insgesamt beenden will.

          Zum Beispiel dem: Wer in Seenot geratene Menschen rettet, ermutigt Schlepper. Die logische Struktur der Ableitung will auf die bösen Folgen guter Taten hinaus. Solche Folgen gibt’s. Man kennt das aus der westlich-nördlichen Dritte-Welt-Diskussion der siebziger Jahre: Wer Hungernde rettet, begünstigt deren Vermehrung und lädt damit Schuld auf sich, denn irgendwann kann man die Leute dann doch nicht mehr ernähren, und am Ende folgt grausiges Massensterben. Klingt schlüssig, übersieht aber, dass man, will man garantiert ohne negative Folgen handeln, Hilfeleistungen besser stets bleibenlässt. Falls wir beispielsweise Seucheninfizierte nicht in Sterbelager sperren, halten wir, sofern uns nicht doch noch einfällt, sie als Personen statt als Probleme zu betrachten, bloß Infektionsherde am Leben. Argumente hat man überall; das menschliche Hirn ist von sensationeller Neuroplastizität, also kann es auch das Verbrennen- oder Ertrinkenlassen von Menschen begründen. Diskutieren mag man solche Gründe, wenn man in einer Gesellschaft lebt, die reich und sicher genug ist, dass in ihr nicht der Ausnahmezustand herrscht.

          Wer so eine Diskussion führt, und sei es mit den verrücktesten, inhumansten und widerlichsten Wortmeldungen, soll, nach geltender hiesiger Rechtslage und solange keine strafgesetzlich relevanten Tatbestände erfüllt sind (Verleumdung, Volksverhetzung, Anstiftung zu Verbrechen und dergleichen – etwa wenn jemand fordert, auf Leute an der Grenze oder im Wasser zu schießen oder sich vorsätzlich der unterlassenen Hilfeleistung schuldig zu machen), nicht um die bürgerliche Existenz fürchten müssen; das nennt man Meinungsfreiheit. Letzte Woche hat das Wochenblatt „Die Zeit“ im Überschriftenformat die Frage gedruckt: „Oder soll man es lassen?“ Unterzeilen erläutern den Kontext der Frage: „Private Helfer retten Flüchtlinge und Migranten im Mittelmeer aus Seenot. Ist das legitim? Ein Pro und Contra.“ Man kann sich’s leicht machen und suggerieren, die Fragestellung und jede Antwort nach dem Muster „Gute Taten ermutigen Kriminelle“ fielen direkt mit der Absicht des oben zitierten Irren zusammen, der Ertrinkende unter Sperrfeuer nehmen will.

          Nur Aufmerksamkeitswerbung?

          Es gibt also Stimmen, die suggerieren, in der „Zeit“ habe gestanden, was Doug Cranmer sagt. Das ist nicht wahr. In Bezahlmedien und sozialen Netzwerken wurden nach der „Zeit“-Veröffentlichung Klagen erhoben über Tabu- und Zivilisationsbrüche. Man stellte Forderungen nach schärfsten Sanktionen gegen alle an der Publikation Beteiligten, man intervenierte im Sinne der eigenen Rechtschaffenheit oder satirischen Schlagfertigkeit und äußerte angesichts der nicht gerade souveränen Handhabung des Fallout-Ereignisses durch die Verantwortlichen den Verdacht, hier mochte sich eine Redaktion in der Absicht der Aufmerksamkeitswerbung als Kraft des öffentlichen Median-Managements übernommen haben.

          Derweil spotten die gewohnten Klonovskys und „politically incorrect news“ über Humanitätsdusel und Biedersinn von Menschen wie denen, die sich der „Zeit“ mal gescheit, mal unbedacht und unartikuliert entgegenstellen. Die rechten Möchtegernentlarver des „Medienmainstreams“ spotten nicht nur, aber auch zu dem Zweck, dass der Eindruck nicht überwunden werde, es ginge bei der ganzen Geschichte um zwei Seiten namens „Moral“ und „Eigeninteresse“; als wären alle, die nicht jetzt, nicht später, nie und nirgends darüber reden wollen, dass man Leute verbrennen oder ertrinken lassen könnte, vom Geist des Franz von Assisi beseelt. Wer aber kein sehr prinzipielles, sehr unflexibles Eigeninteresse am Überleben Machtloser hat, muss sich entweder für mächtig halten (sind Sie’s?) oder die Ansicht aufgeben, es gäbe etwas anderes auf Erden als den Streit bis aufs Messer um den letzten Bissen und den Darwinschen Fortpflanzungserfolg.

          Gewisse Fragen werden nicht toleriert

          An welcher Stelle einer Kausalkette man die moralische, juristische, politische Frage „Was soll, in meinem eigenen Interesse, mit Machtlosen geschehen?“ stellt, ist nie von irgendeiner Sachlage restlos determiniert; sonst brauchte man nicht zu denken („Wenn X ist, machen wir automatisch Y“: So raten Instinkte, nicht Überlegungen). Man kann daher, statt zu fragen: „Soll man Leute aus dem Wasser ziehen?“, einen anderen Zeitpunkt des Geschehens, das sie ins Wasser wirft, befragen – einen früheren oder späteren: Bevor sie ins Wasser fallen, was machen wir? Nachdem sie gerettet sind? Hätten wir nicht wenigstens protestieren sollen, als das Regime des gewiss üblen libyschen Diktators, den man von entmenschten Killern ermorden ließ, ohne jeden zivilisierten Plan für die Zeit danach beseitigt wurde? Und wenn wir da stillgehalten haben, dürfen wir die Rechnung dafür dann ausgerechnet Ertrinkende bezahlen lassen, mit dem Verweis auf die Schlepper, als deren Opfer wir sie betrachten?

          Die zunehmend enthemmte rechte Opposition gegen die (noch?) obwaltenden europäischen Gegenwartsmächte setzt ihre Hetzhebel mit entsetzlichen Erfolgsaussichten an der Migrationspolitik an, weil die Menschen, die sie damit nicht als Subjekte, sondern als Objekte von kalkulierter Großmut der verhassten Mächtigen behandelt, tatsächlich die schwächsten Glieder jeder politischen Kausalkette sind, in der die konzeptionslose Machterhaltswurstelei der Brüsseler und Berliner Herrschaft zurzeit ihre Finger hat. Wenn Brüssel und Berlin morgen auf Festungslinie schwenken, weil es ihre Macht rettet, dann gnade den Schwächsten Gott.

          Wer den Median der Kritik an Berlin und Brüssel aber dahin verschiebt, dass „man“ Nothilfe „lassen kann“, privat oder staatlich, also Leben und Tod zu Fragen der Güterabwägung macht, darf sich nicht wundern, wenn später die „eigenen“ Kinder, Alten, Kranken und andere, die nur (und sehr indirekt) mächtig sind, solange die Macht mit ihnen pokert, Verhandlungsmasse werden. Wo es keine Fragen gibt, die „man“ nicht stellt, ist niemand sicher vor dem Schlimmsten (das nicht einmal der Tod sein muss). Deshalb gebietet nicht Moral, sondern der Wunsch, selbst Rechte zu genießen, dass man bestimmte Fragen nicht toleriert. Man verbittet sich das Reden übers Ertrinken- und Verbrennenlassen, wenn man nicht ertrinken und nicht verbrennen will. Jeder andere Streit soll und muss sein.

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