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Gerhard Kardinal Müller : Ein konservativer Rebell macht Politik

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Gerhard Kardinal Müller beim Kötzinger Pfingstritt. Die Prozession mit rund 900 Reitern zählt zu den ältesten bayerischen Brauchtumsveranstaltungen. Bild: Picture-Alliance

Noch ein Gesprächsbuch: Wenn Kardinal Gerhard Ludwig Müller, der oberste katholische Glaubenshüter, Auskunft zu Fragen der Gegenwart gibt, hat das Gewicht – und Potential zur Verstörung.

          Der höhere römische Klerus äußert sich derzeit gern in Gesprächsbüchern. Gleichzeitig mit den „Letzten Gesprächen“, die Benedikt XVI. als Emeritus mit dem theologisch wenig gebildeten Journalisten Peter Seewald geführt hat, legt Gerhard Kardinal Müller, seit 2012 Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre, Gespräche mit dem spanischen Alttestamentler Carlos Granados vor. Im Untertitel werden „Gedanken über den Kern der christlichen Botschaft“ angekündigt.

          Doch geht es Müller weniger um eine konzise Darstellung zentraler Glaubenssymbole als vielmehr um eine kritische „Diagnose unserer heutigen Gesellschaft“ und die entschiedene Korrektur von Fehlentwicklungen in seiner Kirche. Müller macht Kirchenpolitik, indem er wenig klare spontane Aussagen von Papst Franziskus vor „Fehldeutungen“ schützt und die Ergebnisse der Familiensynode 2015 erläutert.

          Westliche „Banalität“ und „Vulgarität“

          Auch bestimmt er das Verhältnis „der Kirche“, das heißt seiner Kirche, zu den „kirchlichen Gemeinschaften des Ostens“ und den aus der Reformation hervorgegangenen „kirchlichen Gemeinschaften“. Zu lesen ist ein wichtiger, leider schlecht lektorierter Text. Denn Müller gibt offenherzig, bisweilen auch geschwätzig Einblick in seine ganz eigene Art kirchen- wie allgemeinpolitischen Denkens. Hier äußert sich ein konservativer Rebell mit starkem antiliberalen Ressentiment, der in den volkskirchlich moderierten, bürgerlichen Christentümern der Moderne nur Verfall und „Dekadenz“ sehen kann. Vor allem die liberalen Protestantismen und der katholische Modernismus um 1900 sind ihm ein Graus. Was der einst in München lehrende Dogmatiker zu Schleiermacher oder Loisy zu sagen weiß, zeigt allerdings nur wenig Sachkenntnis. Man hätte sich den Präfekten der Glaubenskongregation gern theologisch gebildeter vorgestellt.

          Wer Kulturpessimismus schätzt und sich im tiefen Leiden an der pluralistischen Moderne bestätigt sehen will, kann bei Müller viele konventionelle Formeln zur Denunziation der „Banalität“ und „Vulgarität des Westens“ entdecken. Die „westlichen Gesellschaften“ seien beherrscht von „dem immer ausgedehnteren Götzenkult der Ideologien, des Sex, des Image oder der Nation“. Hier lebten die Menschen nur in Unfreiheit und Ängsten, die sie durch „Skepsis“, „Zynismus“, „Hedonismus“ und „Nihilismus“ zu überspielen suchten. „Als die großen totalitären Ideologien zusammenbrachen, sind wir einer neuen Diktatur verfallen, nämlich der beherrschenden Leitkultur des Techno-Szientismus und des konsumorientierten Individualismus.“

          „Perverse Kunst“ und weitere Sünden

          Fortwährend spricht Müller von der „aggressiv laizistischen Welt“ beziehungsweise einem „Laizismus“, der mit „der Säkularisierung des Staates“ die öffentliche Wirksamkeit „der Kirche“ einschränken wolle. Die „heutigen Ultraliberalen“ seien nur „Feinde der Kirche“. In biologistischer und medizinischer Sprache macht seine „gesunde katholische Theologie“ gegen diese „Feinde“, die das „Virus der modernen Ideologien“ auch in der Kirche selbst verbreiten und so eine „Pandemie“ entfesseln, an gleich mehreren „Fronten“ mobil: Mit der scharfen Waffe des „göttlichen Rechts“ kämpft er gegen die Frauenordination und die Zulassung von „viri probati“ zum Priesteramt, und im Angriff auf „die schädlichsten Irrlehren unserer Zeit“, den okzidentalen „Rationalismus“ und den „postmodernen Relativismus“, beschwört er das „von der Offenbarung erleuchtete Lehramt der Kirche“ als einzige Instanz verbindlicher Wahrheitsgewissheit. So kann die „Autonomie“ des Individuums als schlimmste Volkskrankheit diagnostiziert werden.

          Seid fruchtbar: Als Gegenmittel gegen die Vergottung der Autonomie des Individuums empfiehlt der Präfekt der Glaubenskongregation kinderreiche Familien.

          Als Gegenmittel empfiehlt Müller „kinderreiche Familien“, aktive Bekämpfung des Geburtenrückgangs durch entschiedene Durchsetzung des von Paul VI. in „Humanae Vitae“ begründeten Verbots „der künstlichen Methoden der Geburtenkontrolle“ und harte Absage an die „Mainstreamideologie, die Wünsche mit subjektiven Rechten verwechselt“. Als nur „pervers“ gelten auch die „Kunstwerke der Avantgarde“, die „Genderideologie“ und jene „sündigen Verhältnisse“, in denen Menschen gleichen Geschlechts einander lieben: „Auch wenn es anders scheinen mag, wohnt diesen Verhältnissen keine authentische Dynamik der Liebe inne. Sie sind vielmehr ein schweres Hindernis auf dem Weg, als Mensch zu wachsen.“ Zudem verhinderten sie „eine harmonische, umfassende Entfaltung des Individuums“.

          Übel der Moderne

          Darf ein protestantischer Theologe fragen, wie in der „Offenbarung“ der Unterschied zwischen „wahrer, absoluter Liebe“ und „gefährlicher, gefühlsbetonter Neudefinition von Liebe“ begründet ist? Wie kann „die Kirche“ die ethische Qualität höchst persönlicher Beziehungen beurteilen? Ist die offene Gesellschaft so schlecht, wie Müller meint, muss „die Kirche“ „Kompromisse mit der Welt vermeiden“ und in den „Widerstand“ gehen. Mit Benedikt XVI. empfiehlt der einst bei Karl Lehmann mit einer Bonhoeffer-Arbeit promovierte Dogmatiker seiner Kirche, sich in „der politisch korrekten westlichen Welt“ auch gegen den säkularen Staat als „kreative Minderheit“ zu verstehen. Es dürften „keine verbürgerlichten Predigten über die Barmherzigkeit“ mehr gehalten werden, die „nur selbstbezogene Debatten aus dem beschränkten Leben des westlich-hedonistischen Durchschnittsbürgers“ spiegelten.

          Müller klagt ein authentisches Zeugnis der geoffenbarten Wahrheit ein. Doch obgleich er neben dem Nominalismus vor allem die Reformation für die Übel der Moderne verantwortlich macht, steht er im Kirchenverständnis Traditionen des freikirchlich radikalen Protestantismus deutlich näher als alten römisch-katholischen Vorstellungen einer institutionell ehernen, in ihren hierarchischen Ämtern starken Heilsanstalt. Seine Kritik der Gegenwart ist auf einen sektiererisch eifernden Grundton gestimmt, der bisweilen an die antiwestliche Rhetorik islamistischer Prediger erinnert.

          Aber natürlich betont der Präfekt der Glaubenskongregation neben der zur Unfehlbarkeit gesteigerten Institutionalität des päpstlichen Lehramts auch das Amtscharisma der Geweihten. „Nur die Hirten haben das Charisma der Unterscheidung.“ Im Gespräch mit einem Fragesteller, der sich untertänig zum Stichwortgeber herabwürdigt, ist davon nichts zu spüren. Geboten wird nur ein auf seine Weise durchaus moderner theologischer Dezisionismus. „Wir wirken Gott, weil wir wollen, was Gott will.“ Früher wusste man in Rom zwischen Gott und sich selbst prägnanter zu unterscheiden.

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