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Streit um Benin-Bronzen : Raubgut aus einem Räuberstaat

Erbeutet von britischen Truppen bei einer Strafaktion: Benin-Maske aus Messing, um 1800 Bild: bpk / Ethnologisches Museum, SMB

Die Benin-Bronzen in deutschen Museen sind Raubgut aus einer kolonialen Strafaktion. Auch das Humboldt-Forum will sie zeigen. Der Staat Nigeria bemüht sich um die Rückgabe. Trotzdem sollte man Restitutionen nicht überstürzen.

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          Ein Ding, das toxisch ist, möchte niemand gern anfassen. Ein ungeheuer wertvolles Objekt dagegen will möglichst jeder in seinen Besitz bringen.Für die Benin-Bronzen gilt beides: Sie sind zugleich toxisch und ungeheuer wertvoll. Deshalb gleicht der Umgang deutscher Museumsleute mit ihnen einem Eiertanz, der in dieser Woche zu neuen, ebenso peinlichen wie interessanten Verrenkungen geführt hat.

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Am Montag sagte Hartmut Dorgerloh, der Intendant des Humboldt-Forums in Berlin, der „Süddeutschen Zeitung“ einen Satz, den er anschließend lieber nicht gesagt hätte. Der Satz lautete ungefähr so: Er, Dorgerloh, erwarte bis zum September – also bis zur geplanten Eröffnung des Westflügels im Humboldt-Forum, in dem die Afrika-Sammlungen gezeigt werden – eine Entscheidung über die Rückgabe der Benin-Bronzen aus dem Ethnologischen Museum Berlin. Die Zeitung machte daraus eine Meldung, in der die baldige Restitution aller deutschen Benin-Bronzen angekündigt wurde. Die postkoloniale Internetblase, vor allem die pressure group um den Hamburger Historiker Jürgen Zimmerer, jubelte, doch dann folgte die Ernüchterung. Die Meldung wurde überarbeitet, der Satz von Dorgerloh allerdings blieb stehen.

          Es passiert etwas, aber es dauert

          Am Donnerstag nun äußerte sich der Stiftungsrat der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, der auch das Ethnologische Museum untersteht, zu dem Fall. Der kurze Sinn der langen Presseerklärung liegt in drei Aussagen. Erstens entscheidet über Restitutionen, die „als Option mitbetrachtet“ werden sollen, der genannte Stiftungsrat. Zweitens soll Stiftungspräsident Parzinger zusammen mit den Leitern der anderen Ethnologiemuseen in Deutschland, die Benin-Bronzen besitzen, „eine Strategie“ für den Umgang mit den Objekten entwickeln.

          Für deren Umsetzung ist, drittens, die „Benin Dialogue Group“ zuständig, in der deutsche Museumsverantwortliche zusammen mit Vertretern Nigerias sitzen. Es passiert etwas, heißt das, aber nur, wenn wir es wollen; und auch dann nur, wenn alle anderen deutschen Museen es wollen; und nur nach längeren Verhandlungen.

          Dabei ist der Fall klar. Das Königreich Benin, das besonders vom fünfzehnten bis zum achtzehnten Jahrhundert blühte, war kein afrikanisches Idyll, sondern wie viele erfolgreiche Staatsgebilde in der Geschichte ein Räuberstaat. Jahrhundertelang überfiel und plünderte es seine Nachbarn, verdiente am Sklavenhandel mit den Portugiesen und opferte Gefangene in barbarischen Ritualen. Die etwa fünftausend Benin-Bronzen – zumeist Reliefs und Skulpturen aus einer Messing-Legierung –, die 1897 im Rahmen einer britischen Strafaktion für ein von beninischen Truppen begangenes Massaker in Benin-City erbeutet und anschließend in London versteigert wurden, sind dennoch Raubgut.

          Kunstwerke sind kein Spielmaterial der Politik

          Etwa elfhundert von ihnen kamen nach Deutschland. Berlin hat 440 Stücke, Hamburg 190, Köln 92, Stuttgart 64, Leipzig und Dresden haben zusammen 242, der Rest ist auf fast zwanzig weitere Städte verteilt. Ihr Besitz ist legal, aber nicht legitim. Seit fünfzig Jahren versucht die nigerianische Regierung, einzelne Stücke zurückzuerhalten, vor zwei Jahren stellte sie einen Antrag auf Gesamtrestitution. Die Frage ist, realistisch betrachtet, nicht mehr, wie viele der Bronzen zurückgegeben werden müssen, sondern wie viele als Leihgaben Nigerias in Deutschland bleiben dürfen.

          Trotzdem kommt der Prozess nur langsam voran. Und das ist gut so. Nicht, weil der Berliner Stiftungsrat, dem die Kulturstaatsministerin vorsitzt, die Experten-Instanz bei Restitutionen wäre. Sondern weil er es gerade nicht ist. Kulturgüter und Kunstwerke sind kein Spielmaterial der Politik. Sie gehören in die Hände von Museen und Kuratoren, um vor dem Zugriff des Kunstmarktes und wechselnder Machthaber geschützt zu sein.

          Gerade hat der zuständige Abteilungsleiter im Auswärtigen Amt, Andreas Görgen, die Ergebnisse seiner Bemühungen in Nigeria vorgestellt: Eine Stiftung zur Betreuung der Objekte ist gegründet, ein Museumsneubau in Benin-City geplant, 2024 soll er fertig sein. Dann könnten die Bronzen kommen. Aber die Details ihrer Rückkehr müssen auf Museumsebene geklärt werden, zwischen denen, die etwas von der Sache und nicht nur von politischer Symbolik verstehen.

          Das Humboldt-Forum wäre dennoch gut beraten, die zweihundert Benin-Bronzen, die es zeigen will, nicht wie gewöhnliche Exponate zu präsentieren. Das Mindeste, was es tun könnte, wäre die Einstellung eines nigerianischen Kurators für die Benin-Ausstellung. Die Entscheidung darüber liegt nicht bei Hartmut Dorgerloh. Insofern kann man seine Ungeduld verstehen. Aber der Chef des Berliner Schlosses muss nun einmal dicke Bretter bohren. Das ist keine Frage des Charakters, sondern eine der Struktur.

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