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Proteste in Belarus : Die Studenten bleiben kämpferisch

Repressalien machen sie entschlossener: In Minsk fliehen demonstrierende Studenten vor der Polizei. Bild: AP

Seit Semesterbeginn wurden viele Studenten, die gegen das Lukaschenka-Regime protestieren, verhaftet. Das mache die Übrigen nur entschlossener, sagen ihre Kommilitonen. Die meisten Dozenten seien mit ihnen solidarisch.

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          Bei den friedlichen Protesten der belarussischen Zivilgesellschaft gegen das Regime von Aleksandr Lukaschenka, die schon mehr als einen Monat anhalten, spielen seit dem Start des Hochschulsemesters Studenten eine Schlüsselrolle. Am Wochenende waren fünf Studenten der Minsker Linguistischen Universität (MGLU) in deren Eingangshalle, wo sie Lieder gesungen und „Es lebe Belarus“ gerufen hatten, von Sonderpolizisten festgenommen, aufgrund des Einsatzes der Universitätsleitung jedoch bald wieder freigelassen worden. Auf sie und zig weitere festgehaltene Hochschüler kämen Strafzahlungen wegen unerlaubter Massenveranstaltungen zu, sagt am Telefon eine Englischdozentin der MGLU, die anonym bleiben will, weshalb wir sie Anna nennen.

          Kerstin Holm
          Redakteurin im Feuilleton.

          Trotz der fortgesetzten Polizeiwillkür ist Anna Optimistin. Auch die Universitätsrektorin Natalja Baranowa habe lediglich den Lehrkörper gebeten, von politischen Diskussionen in Hörsälen abzusehen, berichtet Anna. Doch ein Demonstrationsverbot wurde nicht ausgesprochen, aktive Studenten müssten nicht fürchten, exmatrikuliert zu werden. Ja, einige Folteropfer seien traumatisiert oder verängstigt, dafür engagierten sich andere, die durch die Gewaltaktionen aufgerüttelt wurden, jetzt erst neu. Wieder andere überwinden die Angst, so Anna. In ihrem Bekanntenkreis seien sich alle einig, dass infolge der Polizeiexzesse das Lukaschenka-Regime nicht mehr hingenommen werden wird.

          Volontäre helfen Folteropfern

          Der Optimismus von Anna, die selbst erst zweimal an Kundgebungen teilgenommen hat, stützt sich nicht zuletzt auf die vielen Volontäre, von denen auch Haftopfer sagen, sie hätten sie buchstäblich gerettet. Anwälte, Ärzte, Psychologen betreuten unentgeltlich Demonstranten, die inhaftiert und gefoltert worden waren. Freiwillige von der Menschenrechtsorganisation „Wesna“ (Frühling) leisten juristische Aufklärungsarbeit, beobachten Prozesse und führen Listen über politische Gefangene. Und der Solidaritätsfonds „Bysol“ sammelt Geld, um etwa Milizionäre, die den Dienst quittieren, zu unterstützen. Solche Leute gebe es bisher nicht viele, sagt Anna, doch jeder Einzelfall werde sofort publik und ziehe weitere nach sich.

          Skeptischer gibt sich der MGLU-Dozent Viktor, der ebenfalls anders heißt und der von Ankündigungen aus dem Bildungsministerium erzählt, unbotmäßige Lehrkräfte würden bei anstehenden Stellenkürzungen eingespart. Viktor würde einen Hochschulstreik befürworten, um die Probleme der Machthaber zu verstärken, sagt er, findet dafür aber bei seinen Kollegen, obwohl sie in ihrer Mehrheit Lukaschenka ablehnen, keine Unterstützung.

          Der Gewalt die Maske abreißen

          Umso zuversichtlicher äußern sich zwei MGLU-Studenten. Der neunzehn Jahre alte Sergej K., der Französisch auf Lehramt studiert, sagt, er und seine Bekannten spürten täglich stärker, dass sie umzingelt seien und dass eine Kapitulation schlimmste Folgen hätte. Sergej beteiligt sich regelmäßig an Kundgebungen, konnte den Sondermilizen aber bisher entkommen.

          Auch der 22 Jahre alte Arseni, der an der Fakultät für interkulturelle Kommunikation Englisch und Deutsch studiert, sagt, er nehme jeden Sonntag an Protestmärschen teil. Er sei in der Universität gewesen, als Maskierte die fünf Kommilitonen verhafteten, habe jedoch fliehen können. Und er sei am Sonntag dabei gewesen, als Demonstranten auf der Flucht vor Sonderpolizisten im Siegespark in den Stausee sprangen, von Mitarbeitern des Bootsrettungsdienstes aus dem Wasser gezogen und zur Rettungsstation am anderen Ufer gebracht wurden. Daraufhin wurden die Retter selbst festgenommen, mit dem Vorwurf, es sei ihre Pflicht gewesen, die Demonstranten der Polizei auszuliefern.

          Solche Strafaktionen gießen nur Öl ins Feuer des Volkszorns, sagt Arseni, der sich der Solidarität seiner Dozenten und Eltern sicher ist. Er begrüßt die neue Taktik, den Sonderpolizisten wenn möglich die Maske abzureißen, was diese in Panik versetze. Auch Anna berichtet von demaskierten Sonderpolizisten, in denen von ihnen verprügelte Passanten entsetzt ihre Nachbarn erkannt hätten. Das zeige, so Anna, wie viel Arbeit der belarussischen Gesellschaft noch bevorstehe.

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