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Brecht in Belarus : Was ist Faschismus?

  • -Aktualisiert am

Nachhilfe in Misshandlung: Szene aus der Brecht-Produktion „Furcht“ der Minsker Theatertruppe Kupalauzy. Bild: Theatertruppe Kupalauzy

Belarussische Kontroversen: Die Theatertruppe Kupalauzy ergründet mit Brechts „Furcht und Elend des Dritten Reiches“ das Wesen des Faschismus. Präsident Lukaschenka warnt indessen vor einem Genozid am belarussischen Volk – durch die Protestbewegung.

          5 Min.

          Die unabhängige Minsker Theatergruppe Kupalauzy präsentierte Ende März auf Youtube eine Neuinszenierung von Bertolt Brechts „Furcht und Elend im Dritten Reich“. Die Truppe besteht aus ehemaligen Schauspielern des Nationalen Janka Kupala Theaters, die im vergangenen August gekündigt hatten, nachdem der Direktor Pawel Latuschka entlassen worden war. Die mit dem Titel „Furcht“ (Strach) überschriebene belarussische Produktion verwendet ein minimalistisches Bühnenbild und verweist nicht auf die Gegenwart.

          Dennoch sind die Szenen des 1938 im Pariser Exil uraufgeführten Montagestücks für belarussische Zuschauer als Kritik an den Zuständen in ihrem Land zu erkennen. Die Episode „Rechtsfindung“ zeigt, wie sich ein Richter unter dem Einfluss des Staatsanwalts dem Druck der SA beugt. Wenn der Richter erklärt: „Die Rechtsfindung ist heute nicht so einfach“, und der Staatsanwalt anmerkt: „Sie können sich an einen ausgezeichneten Satz unseres Justizkommissars halten: Recht ist, was dem deutschen Volke nützt“, so lässt das an die laufenden Strafprozesse gegen Andersdenkende in Belarus denken. In dem Fragment „Dienst am Volke“ lässt Brecht einen SS-Mann im Konzentrationslager Oranienburg das physische Peinigen eines Insassen erlernen. „Furcht“ kritisiert ein Regime, das im Jahr 2021 gegen die eigenen Bürger Folter einsetzt und politische Gegner über Monate im Gefängnis hält.

          Kampagne gegen Polen

          Während die Kupalauzy, die unter konspirativen Bedingungen arbeiten, um nicht ins Gefängnis zu kommen, Brecht für den NS-Vergleich nutzen, nutzte Präsident Lukaschenka den 78. Gedenktag der Zerstörung des belarussischen Dorfes Chatyn, um die Geschichte des Nationalsozialismus umgekehrt zu instrumentalisieren. Lukaschenka rief dort am 22. März einen ideologischen Feldzug gegen die friedlichen Proteste in Belarus und deren Unterstützer aus Polen aus. Dabei gedachte er eines Genozids am belarussischen Volk, wobei er die Opferzahlen des Holocausts in Anspruch nahm, die jüdischen Opfer als solche aber nicht benannte.

          In seiner Rede am Mahnmal von Chatyn erinnerte er an Tausende unter deutscher Besatzung in Mitleidenschaft gezogene Dörfer und erklärte: „Wir wissen, wie das alles beginnt. Es beginnt mit rassistischer und genetischer oder sonst welcher Überlegenheit eines Volkes über ein anderes.“ Der Zweite Weltkrieg habe zur geplanten Auslöschung unserer slawischen Völker geführt, so Lukaschenka. An diesem Jahrestag wende er sich daher an diejenigen, die versuchen, die Symbole des Faschismus wiederzubeleben. Wieder behauptete Lukaschenka, dass diejenigen, die in Belarus für freie Wahlen und Rechtsstaatlichkeit einstehen, die nationalsozialistischen Morde an Frauen und Kindern gutheißen würden, weil sie unter der historischen weiß-rot-weißen Flagge auf die Straße gehen, die auch von Kollaborateuren der Nationalsozialisten genutzt wurde.

          Recht ist, was dem Volke nützt: Chor aus der Inszenierung „Furcht“ nach Bertolt Brecht durch die Theatergruppe Kupalauzy.
          Recht ist, was dem Volke nützt: Chor aus der Inszenierung „Furcht“ nach Bertolt Brecht durch die Theatergruppe Kupalauzy. : Bild: Theatertruppe Kupalauzy

          Lukaschenka ging sogar noch weiter und unterstellte, dass das Engagement für die Protestbewegung auf die Auslöschung des belarussischen Volkes ziele. „Wir werden der ganzen Welt zeigen, was ein Genozid ist und dass diejenigen, die heute versuchen, uns darüber zu belehren, wie wir leben sollen, dazu kein Recht haben.“ Was er mit dieser Formulierung meinte, zeigten schon am folgenden Tag zwei Dutzend bestellte Demonstranten vor der polnischen Botschaft in Minsk. Ein junger Mann hielt ein Plakat mit der Aufschrift: „Gegen einen neuen Genozid am belarussischen Volk“. Zuvor waren bereits mehrere polnische Diplomaten aus Belarus ausgewiesen worden.

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