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Der Fall Siegfried Mauser : Solidarität zu 99 Prozent hat Folgen

Nach zwei rechtskräftigen Strafurteilen droht Siegfried Mauser eine Gesamtfreiheitsstrafe in der Größenordnung von drei Jahren Haft. Bild: dpa

Die Bayerische Akademie der Schönen Künste will den wegen sexueller Nötigung verurteilten Pianisten und früheren Hochschulrektor Siegfried Mauser ausschließen. Den Fall Mauser wird sie so einfach nicht loswerden.

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          Am 17. Oktober tagte die Abteilung Musik der Bayerischen Akademie der Schönen Künste. Einstimmig beschlossen die Anwesenden, „umgehend die Abstimmung über die Beantragung des Ausschlussverfahrens für Siegfried Mauser“ einzuleiten, Mitglied seit 1990 und bis 2016 Direktor der Musikabteilung. Acht Tage zuvor hatte der Bundesgerichtshof die Revision Mausers gegen seine Verurteilung wegen sexueller Nötigung verworfen.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Das Landgericht München I hat in seinem nun rechtskräftigen Urteil eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren und neun Monaten gegen Mauser verhängt. In einem weiteren Prozess war Mauser bereits zu neun Monaten Haft verurteilt worden. Der Schauplatz der Taten war in allen Fällen Mausers Dienstzimmer als Präsident der Münchner Musikhochschule. Die Opfer waren eine Professorenkollegin und in drei Fällen eine Sängerin, die sich dreimal vergeblich um eine Stelle an der Hochschule bewarb.

          Der Ausschluss aus der Akademie ist laut Satzung möglich „wegen grober Verfehlungen oder bei fortgesetzten Zuwiderhandlungen gegen den Geist der Vereinigung“. Im Plenum der Akademie benötigt der Antrag eine Dreiviertelmehrheit der Stimmen der ordentlichen Mitglieder. Für den Fall, dass diese Mehrheit nicht erreicht werden sollte, hat Brigitte Fassbaender, eine der sechs Frauen unter den 44 ordentlichen Mitgliedern der Abteilung Musik, gegenüber dem Bayerischen Rundfunk ihren Austritt angekündigt. Warum befürchtet die Sängerin, dass nicht genügend Mitglieder bereit sein werden, rechtskräftig festgestellte wiederholte sexuelle Nötigung als grobe Verfehlung zu bewerten?

          Die Distanzierung ist verspätet und irreführend

          Die Erklärung liefert der Rest der von Peter Michael Hamel, dem Abteilungsdirektor, unterzeichneten Pressemitteilung. „Wir distanzieren uns ausdrücklich von den Handlungen und den privaten Meinungsäußerungen einzelner Mitglieder zum Fall Mauser, die die Institution selbst nicht zu verantworten hat. Anders als kolportiert, hat sich zu keinem Zeitpunkt ein Mitglied in seiner Eigenschaft als Amtsträger der Akademie über den Fall Mauser geäußert.“

          Diese verspätete Distanzierung bezieht sich auf zwei frühere Präsidenten der Akademie, Michael Krüger und Dieter Borchmeyer. In Leserbriefen an die „Süddeutsche Zeitung“ hatten sie 2016, als Präsident und Altpräsident der Akademie firmierend, nach dem ersten strafgerichtlichen Urteil den Verdacht der falschen Beschuldigung gegen Mausers Opfer geäußert.

          Auf der Leserbrief-Sonderseite mit der Überschrift „Münchens Kulturwelt ist entsetzt“ erschien auch ein Brief von Enjott Schneider, einem weiteren Mitglied der Akademie, ausgewiesen als Präsident des Deutschen Komponistenverbandes. In einer späteren Notiz teilte die SZ-Redaktion mit, Schneider lege Wert auf die Feststellung, dass er seine Zuschrift nicht als Verbandspräsident eingereicht habe, sondern als Privatmann. Krüger und Borchmeyer unterließen eine entsprechende Klarstellung.

          Der Wortlaut des Sitzungsprotokolls

          Leserbriefe müssen nicht kolportiert werden. Worauf bezieht sich der Kolportage-Vorwurf der Pressemitteilung? Der Komponist Moritz Eggert, der in seinem Blog bei der „Neuen Musikzeitung“ den Fall Mauser mehrfach kommentierte und von Mausers Verteidigung als Drahtzieher einer Intrige gegen ihren Mandanten dargestellt wurde, hat eine Äußerung des Präsidenten Krüger aus einer Akademiesitzung öffentlich gemacht: 99 Prozent der Akademiemitglieder stünden hinter Mauser. Wenn das Zitat stimmt, ist die Pressemitteilung irreführend: Der Präsident konnte in einer von ihm geleiteten Sitzung eine solche Äußerung nicht als Privatperson tun.

          Stimmt das Zitat? Michael Krüger hat gegenüber dieser Zeitung aus dem Protokoll der Sitzung der Akademie vom 1. Juni 2017 zitiert: „Zur Angelegenheit Siegfried Mauser merkt Herr Krüger an, dass er persönlich, als einfaches Akademie-Mitglied, die Freude einiger anderer über die Verurteilung S. Mausers keinesfalls teilt. Unter dem Beifall aller Anwesenden spricht er vom Ziel der Akademie, Freunden auch in schwierigen Situationen beizustehen, vor allem wenn sie, wie im Fall Mauser, noch nicht rechtskräftig verurteilt sind.“

          Das Protokoll beweist, dass die Pressemitteilung nicht nur irreführend, sondern falsch ist. Krüger äußerte sich ausdrücklich als Akademiemitglied, und wenn er sich lediglich privat geäußert hätte, dann hätte diese Äußerung nicht protokolliert werden müssen. Der ins Protokoll aufgenommene Beifall aller Anwesenden kommt einem Beschluss per Akklamation gleich. Die Akademie machte sich das vom Präsidenten proklamierte Ziel des Beistands für strafrechtlich bedrängte Mitglieder zu eigen.

          Festschrift mit prominenten Autoren

          Abschließend teilt Hamel mit, dass die zu Mausers fünfundsechzigstem Geburtstag am 3. November vom Verlag Königshausen & Neumann angekündigte Festschrift „keine Publikation der Akademie“ sei. „Sie wird weder von ihr finanziert, noch bezuschusst, noch hat die Akademie Einfluss auf das Erscheinen.“ Hamel ist selbst einer der Beiträger – gemeinsam mit dreizehn Kollegen aus der Akademie.

          Eröffnet wird das 468 Seiten dicke Buch von einem Gedicht Krügers mit dem Titel „Hören“. Einer der drei Herausgeber ist Borchmeyer, der 2016 noch geschrieben hatte, dass ein wirkliches „kriminelles Fehlverhalten“ Mausers „auch durch seine bedeutende Lebensleistung schwerlich aufgewogen“ werden könnte.

          Die Festschrift ist Privatsache der Autoren, die solche Abwägungen angestellt haben werden. Aber die Akademie verweigert sich weiter der Anerkennung der Tatsache, dass das vom Fall Mauser offengelegte Problem der informelle Überschuss institutioneller Macht war. Über die Gefährdung von Schutzbefohlenen in der künstlerischen Ausbildung und über die Risiken eines ästhetischen Ethos der Grenzüberschreitung sagt die Akademie kein Wort, die der bayerische Staat beauftragt hat, „die Entwicklung der Künste ständig zu beobachten“ und „für die Würde der Kunst einzutreten“. Voreilig ist, dass Siegfried Mauser auf der Webseite der Akademie schon gar nicht mehr als Mitglied geführt wird.

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