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Die Angriffe von Köln : Wären sie nur nicht so dumm

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In dieser Gesellschaft

Sie haben erlebt, dass ihr Vater, der in ihrer Kultur eigentlich stark zu sein hat, in diesem Land schwach und unbedeutend ist, weswegen sie wütend sind und auf der Straße irgendwie wirksam werden müssen. Außerdem haben sie im Regelfall zu Hause gelernt, dass Männer über Frauen stehen und dass Frauen, die anders aussehen, als die meisten Frauen, die sie von zu Hause kennen, Schlampen sind, die eigentlich darum bitten, erniedrigt zu werden.

Man muss nur den Rappern, die aus arabischen (türkischen, kurdischen) Familien kommen, zuhören, und man bekommt diese Geschichte in den unterschiedlichsten Varianten erzählt, aber es bleibt immer die gleiche. Wenn ich eben diese Rapper treffe, deren Musik ich mitunter absolut phantastisch finde, funktioniert das zwischen uns oft nicht so gut, weil sie nicht wissen, was diese Frau da soll.

Ein deutsches Problem

Sie begegnen mir einerseits mit Geringschätzung, sind aber gleichzeitig verwirrt, weil ich der Journalist bin und insofern eine Machtposition habe. Beide Seiten sind misstrauisch, ich, weil ich glaube zu wissen, was sie wirklich denken, und nicht mit jemandem sprechen will, der mich für eine dumme Schlampe hält; sie, weil sie ihre Überlegenheit demonstrieren möchten und gleichzeitig etwas von mir wollen. Insofern sind wir wohl aus ganz ähnlichen Gründen misstrauisch, nämlich aus der Angst heraus, nicht akzeptiert zu werden.

Dass Araber (Türken, Kurden, Migranten) die sind, an denen ich draußen nicht so gerne vorbei gehe, hat also zum einen kulturelle Herkunfts-Gründe, ist aber genauso ein deutsches Problem. Ein Klassenproblem, also die Frage nach dem Zusammenhang von sozialer Herkunft und was später daraus wird.

Ein Klassenproblem

Die Männer, von denen ich spreche, bleiben meistens für immer an ihrem Platz, und die wenigsten von ihnen machen die Erfahrung, von Deutschland gemocht zu werden. Es geht um Aufstiegschancen, um die Frage, wer wo wohnen darf, wer auf welche Schule geht und wer mit wem redet und vor allem wie. Ich denke nie, dass diese Männer sich verpissen sollen. Weil mir hier nichts gehört, und weil ich weiß, dass ich genauso gut sie sein könnte und mich dann wahrscheinlich genauso verhalten würde.

Ich denke aber auch, dass es leider totaler Quatsch ist zu sagen, es gebe dieses Problem mit den Männern, an denen ich nicht vorbei gehen will, nicht. Denn damit ist nicht gesagt, dass deutschen Männer keine Frauen angrapschen, erniedrigen und vergewaltigen. Damit ist nicht gesagt, dass es okay ist, dass sich Deutschland nur dann für sexuelle Gewalt interessiert, wenn sie von Migranten ausgeht.

Das eine und das andere Deutschland

Was daraus folgt ist etwas anderes: Deutschland hat eine Macke. Denn es entgleist inhaltlich in dem Moment, in dem die Vorwürfe gegen die Männer „arabischer oder nordafrikanischer Herkunft“ erhoben werden auf wirklich unglaubliche Weise, und will diese entweder gleich ganz rausschmeißen. Oder es will – und das ist das andere Extrem – nicht über deren „arabische oder nordafrikanische Herkunft“ und einen möglichen Zusammenhang mit einem frauenverachtenden Frauenbild sprechen.

Das heißt: Das eine Deutschland will nicht über sexualisierte Gewalt sprechen. Dieses Deutschland will über sich selbst sprechen und seine Angst davor, dass es nicht so bleiben darf, wie es ist. Das andere Deutschland will über sich selbst sprechen, aber nur darüber, dass Deutschland nicht über sexualisierte Gewalt sprechen will. Es weigert sich aber, über den Zusammenhang von kultureller Herkunft, Chancengleichheit und Frauenfeindlichkeit zu sprechen, was völlig falsch ist, besonders gegenüber den Frauen, die angegriffen worden sind.

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