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Die Angriffe von Köln : Wären sie nur nicht so dumm

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Ich weiß außerdem, dass alle Beteiligten, die sich nun zu der Gewalt in Köln äußern, Interessen halten (für Flüchtlinge, gegen Flüchtlinge, für und gegen den Islam, für Feministinnen, gegen Feministinnen, gegen Pegida/AfD/Nazis, für Pegida/AFD/Nazis, für Wir-schaffen-das und gegen Wir-schaffen-das) und dass die Frauen, die in der Silvesternacht angegriffen wurden, für die jeweilige Meinung des jeweiligen Kommentators benutzt werden. Um die Frauen geht es nicht, sie sind Verfügungsmasse und Verhandlungsgegenstand. Das funktioniert ganz ähnlich, wie bei den Männern, die Frauen beleidigen, um Männer zu beleidigen.

Auf dem Vorplatz des Kölner Hauptbahnhofs in der Silvesternacht.
Auf dem Vorplatz des Kölner Hauptbahnhofs in der Silvesternacht. : Bild: dpa

Zurück zu der Geschichte von den arabischen Männern und den westlichen Frauen, die ich zum jetzigen Zeitpunkt nicht erzählen will, weil ich dadurch mit Sicherheit Applaus von Vollidioten bekomme. Andererseits sind Vollidioten dumm, ich bin kein Pädagoge, und Leser sind keine Schüler. Es war diese Geschichte, die ich sofort und zuerst im Kopf hatte, als ich von Köln hörte.

Diese Geschichte im Kopf

Du läufst durch die Straßen, siehst, dir kommt eine Gruppe von Männern (oder Jungs, wechselt) entgegen, die schwarze Haare haben und die du sofort als Araber, Kurden, Türken oder von mir aus Nordafrikaner identifizierst, und du weißt, es dauert noch ein paar Schritte und dann sagen sie was. Ob Du ficken willst, dass dein Arsch und deine Titten gut sind, und wenn du richtig Pech hast, fassen sie dir im Vorbeigehen irgendwohin. Meiner kleinen Schwester sage ich, dass sie auf den Boden gucken und schnell weiter gehen soll, wenn sie sieht, dass ihr eine Männergruppe entgegen kommt, auf die die eben genannten Kriterien (eigentlich genau diese Kriterien: schwarze Haare, dunkle Augen, breitbeiniger Gang, Bock auf Stress) zutreffen.

Ich sage ihr, dass es sie provoziert, wenn man ihnen ins Gesicht sieht, und wenn man so will, ist das mein Armlängen-Tipp, der aber nichts damit zu tun hat, dass ich denke, dass sich meine kleine Schwester falsch verhält. Es ist eine pragmatische Überlegung zu einem alltäglichen Problem, auf das weder ich noch irgendein Politiker eine Antwort weiß, weil es ein komplexes Problem ist, für dessen Lösung man viel Zeit braucht. Und Geld, und gute Ideen und Willen.

Meine Schwester meint, bei ihr funktioniere die Sache mit dem auf den Boden gucken nicht, sie glaube, dass es die erst wütend mache, wenn man sie nicht ansieht. Dann sage ich, nein, das ist in deren Welt ein Zeichen von Demut, die schätzen demütige Frauen, und dann schämte ich mich kurz für das, was ich da gerade gesagt habe, weil es so pauschal und dumm klingt. In beiden Fällen rufen die Männer, die gerade vorbei gegangen sind, einem gelegentlich noch „Fotze“ hinterher, und dann ist es geschafft, und ich werde kurz aggressiv, jedoch ohne mich über das, was gerade passiert ist, zu wundern.

Jemand, der noch schwächer ist

Ich sehe mir dann beim Denken zu, und wie ich gegen die Misogynie dieser Männer meinen Klassismus in Stellung bringe. So: Vergiss es, die sind viel ärmer dran als du. Ich versuche also, mir irgendwie ein machtvolles Gefühl zu verschaffen.

Und denke weiter: Ihr seid viel dümmer als ich, und ich hoffe, dass ihr, wenn ihr wüsstet, wie viel dümmer ihr seid, nicht mehr so ekelhaft mit mir umgehen würdet. Dann denke ich: Wenn das so wäre, wären sie nicht mehr dumm, dann wären wir in der Lage, von der gleichen Welt zu sprechen, und das ist das ganze Problem.

Die Jungs, die mir häufiger auf der Straße entgegen kommen und mich beleidigen, sind im Regelfall weniger gebildet als ich, sie haben weniger Geld als ich, und sie haben im Laufe ihres Lebens schon häufiger zu spüren bekommen, dass sie in dieser Gesellschaft unten stehen, weswegen sie sich jemanden aussuchen, der noch schwächer ist und demgegenüber sie Macht demonstrieren können.

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