https://www.faz.net/-gqz-73old

Die Anglisierung der EU : Europa spricht mit gespaltener Zunge

  • -Aktualisiert am

In Europa werden mehr als 200 Sprachen gesprochen, die EU hat 23 Amtssprachen. Doch wenn es wichtig wird, reden alle nur englisch Bild: dpa

Die Eliten sprechen das „globale Englisch“, dem Alltag verbleiben die Nationalsprachen: Die Sprachenpolitik der EU lässt den Kontinent trotz hehrer Absichten verkümmern.

          5 Min.

          Die Charta der Grundrechte der Europäischen Union aus dem Jahre 2000 stellt in Artikel 22 fest: „Die Union achtet die Vielfalt der Kulturen, Religionen und Sprachen.“ In einer Mitteilung aus dem Jahre 2005 entwirft die Kommission „eine neue Rahmenstrategie für Mehrsprachigkeit“. Eine Mitteilung der Kommission aus dem Jahre 2008 sieht die Mehrsprachigkeit sogar als „Trumpfkarte Europas“. Der Vertrag von Lissabon von 2007 stellt in Artikel 2 (3) fest, die EU wahre „den Reichtum ihrer kulturellen und sprachlichen Vielfalt und sorgt für den Schutz und die Entwicklung des kulturellen Erbes Europas“.

          Europa hielt seine Mehrsprachigkeit sogar für so wichtig, dass es ihr einst einen eigenen Kommissar für Mehrsprachigkeit widmete. Vermutlich weil der Rumäne ungarischer Muttersprache es aber mit der europäischen Mehrsprachigkeit allzu ernst nahm, ist das Sprachen-Kommissariat bei der letzten Neubesetzung der Kommission wieder abgeschafft worden. Es ist nun die Unterabteilung eines unbedeutenden Kultur-Kommissariats.

          Womit hatte sich der Sprachkommissar unbeliebt gemacht? Es ist schon seit langem offizielle sprachpolitische EU-Empfehlung, dass jeder Europäer drei Sprachen lernen soll: seine Muttersprache (gemeint ist die nationale Kultursprache, die ja nicht unbedingt die „Muttersprache“ ist) und zwei andere europäische Sprachen. Die Formel dafür ist M+2.

          „Adoptiv-Sprecher“ gesucht

          Das funktionierte allerdings nicht besonders gut, weil die Europäer immer weniger einsahen, warum sie denn eine zweite Fremdsprache lernen sollten, wenn sie doch mit Englisch alle kommunikativen Bedürfnisse befriedigen können. Faktisch lernten und lernen die Europäer daher neben ihrer Muttersprache immer mehr nur noch Englisch (M+E), zweite Fremdsprachen werden immer weniger gelernt, und die Briten lernen gleich gar keine Fremdsprache mehr (M=E), sie können ja mit ihrer M mit allen kommunizieren.

          Der Sprachkommissar fand die Sprachen Europas aber so wichtig, dass er jedem Europäer eine „Adoptiv-Sprache“ empfahl. Jeder Europäer solle sich mit einer weiteren Sprache Europas anfreunden und diese wie ein Adoptivkind zu seiner Herzensangelegenheit machen und pflegen. In jedem europäischen Land solle es „Adoptiv-Sprecher“ jeder anderen europäischen Sprache geben, so dass die horizontalen kulturellen Beziehungen zwischen den europäischen Völkern belebt und gestärkt würden.

          Die nationalen Regierungen der EU haben diese bildungspolitisch wichtige und wirklich europäische Idee des Sprachkommissars unmittelbar gehasst: Sie befürchteten offensichtlich, nun in jeder Schule Lehrer für alle dreiundzwanzig europäischen Sprachen zur Verfügung stellen zu müssen, damit die Europäer auch alle Sprachen der Union adoptieren können. Das wäre in der Tat teuer geworden. Da wurde der Kommissar lieber kaltgestellt.

          Weitere Themen

          Aus eigener Stärke

          FAZ Plus Artikel: Gastbeitrag Wolfgang Schäuble : Aus eigener Stärke

          Krisenhafte Entwicklungen hat es in Europa schon lange gegeben. Jetzt sollten wir die Corona-Pandemie dazu nutzen, uns zu fragen: Was haben wir in der Vergangenheit übertrieben? Wo sollten wir maßvoller werden? Und was können wir für die Zukunft besser machen? Ein Gastbeitrag.

          Filmkomponist Ennio Morricone verstorben Video-Seite öffnen

          Spiel mir das Lied vom Tod : Filmkomponist Ennio Morricone verstorben

          Die italienische Filmmusik-Legende Ennio Morricone ist tot. Er starb im Alter von 91 Jahren in einer Klinik in Rom. Morricone gilt als einer der größten Komponisten der Filmgeschichte. Berühmt wurde er unter anderem mit Titelmelodien den Kultfilm „Spiel mir das Lied vom Tod“.

          Topmeldungen

          Segregierte Schulen : Das weiße Amerika bleibt unter sich

          Heute gibt es in Amerika mehr Schulen mit fast nur weißen oder fast keinen weißen Schülern als vor 30 Jahren. Das liegt auch an den Entscheidungen weißer Eltern – auch solchen, die seit Wochen „Black Lives Matter“ rufen.
          Ein Coronatest in Gütersloh Ende Juni

          Nach dem Gütersloh-Beschluss : Leitplanken für Lockdowns

          Darf ein Land keine Ausgangssperren mehr verhängen, wenn ein Corona-Hotspot auftaucht? Doch, sagen die Richter in ihrem Gütersloh-Beschluss. Es darf nur nicht Ungleiches gleich behandeln.
          Wie viele Klamotten, die wir besitzen, tragen wir eigentlich?

          Nachhaltiges Design : Wie kann Mode die Welt verändern?

          Nina Lorenzen, Vreni Jäckle und Jana Braumüller beschäftigen sich seit Jahren mit nachhaltiger Mode. Nun haben sie ein Buch darüber herausgebracht, das zeigen soll: Mit Mode kann man die Welt verändern.
          Bela B Felsenheimer von Die Ärzte

          Künstler gegen Viagogo : Und das soll Demokratisierung sein?

          Wer im Internet Konzertkarten kauft, landet oft bei der Ticketbörse Viagogo. Bands wie Rammstein und Die Ärzte wehren sich gegen den Zweitmarkt für Eintrittskarten, der wächst – und Besuchern überteuerte oder ungültige Karten andreht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.