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Weinstein und die Folgen : Man sagte mir, keiner würde mir glauben

  • -Aktualisiert am

Die amerikanische Schriftstellerin Emma Cline wurde im vergangenen Jahr für ihren Roman „The Girls“ sehr gefeiert. Bild: B. Cannarsa/Opale/Leemage/laif

Warum schweigen Frauen, wenn sie sexuell belästigt wurden? Sie täten es nicht, wenn sie daran glauben würden, dass es einen anderen Weg gäbe, den Launen der Männer ohne Beschädigung zu entgehen. Ein Gastbeitrag.

          Vor Jahren gewann ich einen Literaturpreis. Bei der Verleihung war ich aufgeregt, versuchte mit aller Kraft, eine Ahnung von Stolz oder Freude zu empfinden, ich trank zu viel, meine Hände waren schweißnass. Ein älterer Schriftsteller stellte sich mir vor. Und ich stellte mir für einen kurzen Augenblick vor, dass er mich als eine Kollegin sehen würde. Als uns jemand dazu aufforderte zusammenzurücken, um ein Foto zu machen, legte der Schriftsteller seine Hand auf meinen Rücken, dann schob er sie tiefer und fasste mir an den Arsch; wie schnell war ich wieder in meinen Körper zurückgekehrt, zu den Tatsachen meiner Jugend und meines Geschlechts. Welchen Anflug von Stolz oder Freude ich auch immer bis dahin empfunden hatte, er war sofort und unfreiwillig durch Sex ersetzt worden. Ich lächelte für das Foto, auch wenn ich dabei die Anstrengung in meinem Gesicht spüren konnte, die Verlogenheit. Es war eher eine Grimasse.

          An einem anderen Abend war der Chef einer Literaturorganisation zu mir ins Taxi gesprungen, auf dem Weg nach Hause, nach einer Party in Brooklyn. Er schob sich näher an mich heran auf dem Rücksitz, während ich aus dem Fenster starrte, als gäbe es da etwas zu sehen, mein Handy auf- und wieder zuklappte, ohne irgendjemandem zu schreiben. Er wollte unbedingt meine Telefonnummer haben, lallte, dass er Freunde bei vielen Magazinen habe, die Texte von mir drucken könnten. In dem Magazin, dessen Party wir gerade verlassen hatten, war ein Text von mir veröffentlicht worden – aber warum sollte er das wissen und ihn das interessieren? Ich gab ihm eine falsche Nummer.

          Auf meiner Lesereise mit meinem ersten Roman gelang es mir Jahre später auch nicht besser, aus dem weiblichen Körper herauszutreten. Völlig egal, dass mein Roman davon handelte, auf wie viele Arten und Weisen Frauen und Mädchen zu Objekten gemacht werden: Ich wurde ständig darum gebeten, mich für Fotos auf immer andere Oberflächen zu legen. Ein französischer Fotograf bedrängte mich unnachgiebig, dass ich auf einem Hotelbett posieren sollte, er fragte mich wieder und wieder mit einer solchen Sturheit, dass ich am Ende zu weinen anfing. Ich entschuldigte mich bei ihm dafür. Ein Autor, der ein Porträt über mich schreiben wollte, spielte auf unsinnige Gerüchte an, dass ich mit „mächtigen Männern“ ausgegangen sei, womit er, vermute ich, darauf hinaus wollte, dass mein wie auch immer gearteter Erfolg an anderen Faktoren als meiner Arbeit liegen müsse.

          Die Berichte über jene Frauen, die vom Filmproduzenten Harvey Weinstein belästigt wurden, habe ich mit einem bohrenden Gefühl der Unruhe in meinem Magen gelesen – vielleicht ist dieses Gefühl auch näher an Angst. Angst ist leichter als Wut. Wut fordert, dass man etwas tut, irgendein Ziel hat, Gerechtigkeit erwartet. Und ich habe schon seit langer Zeit nicht das Gefühl, dass es eine Lösung für meine Wut geben könnte. Ich schreibe hier nicht den ersten Essay über Geschlechtergewalt. Ich habe einen ganzen Roman darüber geschrieben. Und trotzdem, jetzt sitze ich hier schon wieder. Und spüre, während ich das schreibe, wie jede Wut verebbt zu Überdruss.

          Warum reden Frauen nicht mehr darüber, warum brauchen sie Jahre, bis sie an die Öffentlichkeit gehen? Es gibt zu viele Gründe, stillzuhalten – Männer wie Harvey Weinstein und seine Anwälte wissen das, und sie verstehen sich auch darauf, wie man jede direkte oder indirekte Bedrohung in den Griff kriegt. Es ist genauso leicht, den Erfolg einer Frau zu einer Waffe zu machen wie ihr Scheitern. Ist man erfolgreich, hat man mehr zu verlieren, wenn man den Mund aufmacht. Ist man Berufseinsteigerin, sucht man nur Aufmerksamkeit. Verletzlichkeit ist eine Waffe, Gefühle sind eine Waffe, und genauso sind es sämtliche wie auch immer gearteten Versuche, in jenen, die einem weh tun, doch den Menschen zu sehen – indem man weiter mit ihnen arbeitet, indem man, in manchen Fällen, nicht aufhört, sie zu lieben.

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