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Aktion „Flüchtlinge fressen“ : Die Tiger drücken ihr Bedauern aus

Tiergehege: Das „Zentrum für politische Schönheit“ stellt aus. Bild: dpa

Wer instrumentalisiert hier wen? Die Kunstaktion „Flüchtlinge fressen“ sollte die Politik unter Druck setzen. Doch sie hinterlässt nur jede Menge Fragezeichen.

          Am Ende sagten die Tiger das große Fressen ab, wäre ja doch bloß Zirkus gewesen: „Es wäre falsch, etwas im Theater zu Ende zu bringen, was noch längst nicht zu Ende ist.“ Es hatte sich eine ziemlich große Menge vor allem junger Leute an der Manege versammelt, die vor dem Maxim Gorki Theater in der Mitte Berlins aufgebaut ist, neugierig, wie sich das Zentrum für Politische Schönheit aus der Affäre ziehen würde mit seiner Ankündigung, an diesem Abend Flüchtlinge von Tigern fressen zu lassen. Die Stimmung ist aufgeräumt, ein Besucher meint anerkennend: „Der Spannungsbogen ist schon phantastisch.“ Am Nachmittag hatte sich, als zwei der schönen starken Tiere endlich mal aus ihrem Verschlag rausgekommen waren, sogar Claus Peymann blicken lassen, war dann jedoch schnell wieder verschwunden. Nur von dem Großaufgebot der Polizei, das die Aktivisten wegen des Verdachts auf Beihilfe zum assistierten Suizid angekündigt hatten, ist weit und breit nichts zu sehen.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Eine viertel Stunde bevor der Countdown zum „öffentlichen Untergang“ auf einer digitalen Anzeigetafel abgelaufen ist, decken Arbeiter die Scheibe zum Käfig mit einer Holzverkleidung ab. Die Menge wird gebeten, zum Eingang des Maxim Gorki Theaters hinüberzugehen. Und dort trägt nun eine der Flüchtenden, die sich zum Gefressenwerden bereiterklärt hatte, die syrische Schauspielerin May Skaf, die Verzichtserklärung der Tiger vor. Die Tiger sprechen als Repräsentanten der Theaterwelt; immerhin wären sie in den letzten zwölf Tagen ja Schauspieler gewesen und hätten durch die Scheiben ihres Käfigs in den Sommer dieser Stadt geblickt, die sich so sehr „an den Frieden gewöhnt hat“.

          Grenzen des Theaters

          Die verblüffende Blickumkehr war zugleich ein Epilog über die Grenzen des Theaters, selbst in seiner zur politischen Wirklichkeit hin entgrenzten Form, wie sie die Aktivisten der Politischen Schönheit betreiben. Die EU-Richtlinie, die es Fluggesellschaften verbietet, Menschen ohne gültigen Aufenthaltstitel, also auch Flüchtlinge, nach Europa zu bringen, bleibt weiter bestehen, und auch den entsprechenden Paragraphen im deutschen Aufenthaltsgesetz hat der Bundestag vergangene Woche entgegen einem parallel zur Kunstaktion von der Linken eingebrachten Antrag nicht abgeschafft – und damit kann das Stück, das den öffentlichen Blick auf diese Paragraphen zwingen wollte, nach der Logik der Theaterleute nicht zu Ende sein. „Die Katharsis“, sagten die Tiger bedauernd, „findet nicht mehr statt.“

          Kein gefundenes Fressen: Die syrische Schauspielerin May Skaf erklärt das Ende der Aktion.

          Nach diesem Ende folgt ein weiterer der vielen Brüche innerhalb der Aktion, nämlich noch ein zweites Ende. Auch die Schauspielerin bat nun mit einigem Pathos und ein bisschen Publikumsverachtung um Entschuldigung, dass sie die an sie gestellten Erwartungen enttäuschen müsse: „Was wäre mein Schrei gegen die ungehörten Hilferufe nachts auf dem Meer?“ Und auch sie fordert die Zuschauer auf, das Stück selber weiterzuspielen, im politischen Aktivismus: „Vergesst mich, vergesst die Tiger. Denkt an euch und daran, was für Menschen ihr sein wollt. Ich wäre gern die Unruhe in euren Herzen.“ Beifall brandet auf, wie bei einer gewöhnlichen Theatervorstellung. Doch zuvor hatte die Menge der Schauspielerin mit einer Atemlosigkeit zugehört, wie sie ohne den gewaltigen Aufwand an Fiktions- und Realitäts-Vermischung, den die Aktivisten getrieben hatten, vielleicht nicht möglich gewesen wäre. Diente der Ausgriff in die Politik also letztlich bloß der Kunst, dem intensiveren Erleben eines dramatischen Textes?

          Der Flug fällt aus

          Oder war umgekehrt die Kunst nur der Hebel, um die politischen Verhältnisse in eine bestimmte Richtung hin zu bewegen? Kern der Aktion war der Versuch, mit allen möglichen Mitteln der künstlerischen und außerkünstlerischen List syrische Flüchtlinge in einem exemplarischen Flug aus der Türkei nach Deutschland zu transportieren und damit Druck auf die geltenden Bestimmungen auszuüben.

          Es war immer der Verweis auf Kunst, mit dem die politischen Schönheits-Aktivisten an verschiedenen Stellschrauben gleichzeitig drehten und dadurch selber die Fakten schufen, auf die sie im weiteren Fortgang der Aktion dann wieder reagieren konnten. In der Türkei haben sie Syrer aufgetrieben, die als Bürgerkriegsflüchtlinge und Angehörige von in Deutschland lebenden Familien die Voraussetzungen erfüllen, in Deutschland Asyl zu bekommen. Sie haben bei Air Berlin einen Flug von Antalya nach Berlin für Schauspieler und Statisten gechartert, ohne allerdings gleich dazuzusagen, dass dies eine Umschreibung für die Journalisten und Flüchtlinge sein soll, die an diesem Projekt der „Flugbereitschaft der Zivilgesellschaft“ teilnehmen. Sie haben das Innenministerium unter dem Druck der durch den Tigerkäfig zustande gekommenen Öffentlichkeit aufgefordert, eine Reiseerlaubnis für die Flüchtlinge auszustellen. Sie haben Rechtsgutachten in Auftrag gegeben, um die Legalität des Flugprojekts auszuloten.

          Der Bundespräsident als Zaungast: Die Aktion mit dem Tiger vor dem Maxim Gorki Theater in Berlin.

          Alle Reaktionen, ob von Medien, Behörden, Fluggesellschaften oder Juristen, können dann wieder als Teil des Schauspiels gelten. Im Garten des Maxim Gorki Theaters, wo das dritte Ende der Aktion stattfand, las der Initiator Philipp Ruch dann einige Beispiele des so entstandenen Wusts an Texten vor. Er zitierte aus dem Kündigungsschreiben von Air Berlin („über den wahren Charakter des Sonderflugs bewusst getäuscht“), aus einer Antwort des Innenministeriums („die gesetzlichen Einreisevoraussetzungen werden durch die Aktion des Zentrums für Politische Schönheit nicht außer Kraft gesetzt“) und aus einem Twitter-Kommentar derselben Behörde („geschmacklose Inszenierung, bei der die betreffenden Flüchtlinge von den Initiatoren instrumentalisiert werden“). Ruch selber bezeichnete als Substrat der Aktion den Nachweis, dass die Fluggesellschaft Flüchtlingen aufgrund der Gesetzeslage ein Visum abverlangt – was nicht nur aufgrund des Bürgerkriegschaos in Syrien widersinnig sei, sondern gegen die Genfer Flüchtlingskonvention verstoße. Er kündigte an, dagegen klagen zu wollen.

          Doch bis zuletzt blieb offen, was da was instrumentalisiert (die Kunst die Politik oder die Politik die Kunst) und welchen Realitätsstatus das Ganze hat. Was hinter den verdeckten Scheiben des Käfigs jetzt gerade vorgehe, sagte Ruch in seinen Schlussworten, „möchte ich Ihnen gar nicht beschreiben“, damit in der Schwebe lassend, ob nicht vielleicht doch jemand gefressen wird. Wenn die Aktivisten einmal blinzeln, bricht das ganze hochkompliziert konstruierte Schauspiel in sich zusammen. Sie dürfen an ihrer grimmigen Entschlossenheit, dass sie es ganz ernst meinen, nicht den geringsten Zweifel aufkommen lassen. „Wer uns kennt und unsere Arbeitsweise, der weiß, dass wir halten, was wir versprechen“, hatte Ruch im Vorhinein erklärt. Auf der Ebene einer solchen Ankündigungsästhetik war es daher nicht unproblematisch, dass sich die Aktivisten in eine Situation brachten, in der ihre Versprechungen überprüft werden konnten: Am Ende wurden Flüchtlinge eben weder ausgeflogen noch gefressen.

          Das ist nicht nur für die Binnenlogik des Projekts ein Mangel – den man, wie es die dann rasch wieder die Kunstsphäre verlassenden Aktivisten gern tun, ebenso wie alle anderen Unstimmigkeiten und Brüche der Aktion für unbedeutend halten kann angesichts der Größe des dabei zum Thema gemachten Problems. Schwerer wiegt, dass sich Ernst und Unernst, Wirklich und Unwirklich, Richtig und Falsch in dieser Konstellation des prinzipiellen Kunstvorbehalts generell nicht verlässlich unterscheiden lassen. Das brauchen sie in der Kunst tatsächlich nicht, in einer Debatte aber, in der es wirklich um etwas geht, ist man darauf angewiesen. Das Flugreiseverbot für Flüchtlinge würde eine Diskussion verdienen, an der alle Beteiligten teilnehmen und Verantwortung für ihre Argumente übernehmen.

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