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Aktion „Flüchtlinge fressen“ : Die Tiger drücken ihr Bedauern aus

Es war immer der Verweis auf Kunst, mit dem die politischen Schönheits-Aktivisten an verschiedenen Stellschrauben gleichzeitig drehten und dadurch selber die Fakten schufen, auf die sie im weiteren Fortgang der Aktion dann wieder reagieren konnten. In der Türkei haben sie Syrer aufgetrieben, die als Bürgerkriegsflüchtlinge und Angehörige von in Deutschland lebenden Familien die Voraussetzungen erfüllen, in Deutschland Asyl zu bekommen. Sie haben bei Air Berlin einen Flug von Antalya nach Berlin für Schauspieler und Statisten gechartert, ohne allerdings gleich dazuzusagen, dass dies eine Umschreibung für die Journalisten und Flüchtlinge sein soll, die an diesem Projekt der „Flugbereitschaft der Zivilgesellschaft“ teilnehmen. Sie haben das Innenministerium unter dem Druck der durch den Tigerkäfig zustande gekommenen Öffentlichkeit aufgefordert, eine Reiseerlaubnis für die Flüchtlinge auszustellen. Sie haben Rechtsgutachten in Auftrag gegeben, um die Legalität des Flugprojekts auszuloten.

Der Bundespräsident als Zaungast: Die Aktion mit dem Tiger vor dem Maxim Gorki Theater in Berlin.

Alle Reaktionen, ob von Medien, Behörden, Fluggesellschaften oder Juristen, können dann wieder als Teil des Schauspiels gelten. Im Garten des Maxim Gorki Theaters, wo das dritte Ende der Aktion stattfand, las der Initiator Philipp Ruch dann einige Beispiele des so entstandenen Wusts an Texten vor. Er zitierte aus dem Kündigungsschreiben von Air Berlin („über den wahren Charakter des Sonderflugs bewusst getäuscht“), aus einer Antwort des Innenministeriums („die gesetzlichen Einreisevoraussetzungen werden durch die Aktion des Zentrums für Politische Schönheit nicht außer Kraft gesetzt“) und aus einem Twitter-Kommentar derselben Behörde („geschmacklose Inszenierung, bei der die betreffenden Flüchtlinge von den Initiatoren instrumentalisiert werden“). Ruch selber bezeichnete als Substrat der Aktion den Nachweis, dass die Fluggesellschaft Flüchtlingen aufgrund der Gesetzeslage ein Visum abverlangt – was nicht nur aufgrund des Bürgerkriegschaos in Syrien widersinnig sei, sondern gegen die Genfer Flüchtlingskonvention verstoße. Er kündigte an, dagegen klagen zu wollen.

Doch bis zuletzt blieb offen, was da was instrumentalisiert (die Kunst die Politik oder die Politik die Kunst) und welchen Realitätsstatus das Ganze hat. Was hinter den verdeckten Scheiben des Käfigs jetzt gerade vorgehe, sagte Ruch in seinen Schlussworten, „möchte ich Ihnen gar nicht beschreiben“, damit in der Schwebe lassend, ob nicht vielleicht doch jemand gefressen wird. Wenn die Aktivisten einmal blinzeln, bricht das ganze hochkompliziert konstruierte Schauspiel in sich zusammen. Sie dürfen an ihrer grimmigen Entschlossenheit, dass sie es ganz ernst meinen, nicht den geringsten Zweifel aufkommen lassen. „Wer uns kennt und unsere Arbeitsweise, der weiß, dass wir halten, was wir versprechen“, hatte Ruch im Vorhinein erklärt. Auf der Ebene einer solchen Ankündigungsästhetik war es daher nicht unproblematisch, dass sich die Aktivisten in eine Situation brachten, in der ihre Versprechungen überprüft werden konnten: Am Ende wurden Flüchtlinge eben weder ausgeflogen noch gefressen.

Das ist nicht nur für die Binnenlogik des Projekts ein Mangel – den man, wie es die dann rasch wieder die Kunstsphäre verlassenden Aktivisten gern tun, ebenso wie alle anderen Unstimmigkeiten und Brüche der Aktion für unbedeutend halten kann angesichts der Größe des dabei zum Thema gemachten Problems. Schwerer wiegt, dass sich Ernst und Unernst, Wirklich und Unwirklich, Richtig und Falsch in dieser Konstellation des prinzipiellen Kunstvorbehalts generell nicht verlässlich unterscheiden lassen. Das brauchen sie in der Kunst tatsächlich nicht, in einer Debatte aber, in der es wirklich um etwas geht, ist man darauf angewiesen. Das Flugreiseverbot für Flüchtlinge würde eine Diskussion verdienen, an der alle Beteiligten teilnehmen und Verantwortung für ihre Argumente übernehmen.

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