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Aufführungsstätte Hellerau : Groschentanz

  • -Aktualisiert am

Dresden: Das Europäische Zentrum der Künste Hellerau. Bild: Monika Skolimowska/dpa-Zentralbild/dpa

Die AfD-Fraktion in Dresden hält das Europäische Zentrum der Künste in Hellerau für ein experimentelles Groschengrab – und will die Aufführungsstätte in eine Vermietungsimmobilie umwandeln.

          In Dresden besteigt man eine Straßenbahn, fährt mit ihr zwanzig Minuten und kommt in einem Viertel an, das eine Heimat der Werkkunstbewegung war. Alle sollten schöne, funktionale Alltagsgegenstände und Möbel erwerben können und nicht in bourgeoisem Plüsch wohnen, sondern hell, freundlich, zweckgemäß und praktisch, in dieser ersten deutschen Gartenstadt.

          Der Schweizer Emile-Jaques Dalcroze, der in seinem ganz Europa begeisternden Rhythmik- und Tanzunterricht auch Mary Wigman die ersten Schritte ihrer Tanzkarriere wies, bespielte das dortige Theatergebäude der Reformbewegung des frühen zwanzigsten Jahrhunderts, erbaut im Stil eines Musentempels. Nach dem Vorbild der griechischen Polisgesellschaft wurde Hellerau ein Ort der demokratischen Beschäftigung mit Kunst und der Demokratisierung von Ästhetik.

          Allerdings blieb Dalcroze nur drei Jahre. 1914 war es vorbei mit dem Traum von der Einheit von Kunst und Leben, Arbeit und Festspiel. Helleraus Festspielgelände beherbergte die Polizeischule, die Waffen-SS, ein sowjetisches Lazarett und Fallschirmjäger in der DDR. Anders als in Horrorfilmen wehren sich Gebäude in der Regel nicht selbst gegen unsachgemäßen oder traditionsvergessenen Gebrauch.

          Die Anti-Hellerau-AfD

          Fortschrittliche Kräfte, unter ihnen der aus Frankfurt eingeladene Choreograph William Forsythe, arbeiteten nach der Wende daran, den Gebäudekomplex zu retten, zu sanieren und seiner ursprünglichen Aufgabe als Produktions- und Aufführungsstätte für Bühnenkunst zurückzugeben. Das Europäische Zentrum der Künste in Hellerau, wie es seither heißt, ist auch der Spiel- und Probenort der „Dresden Frankfurt Dance Company“, neben dem Frankfurt Lab und dem Bockenheimer Depot im gleichnamigen Stadtteil Frankfurts.

          Beide Städte und beide Länder stecken in der Finanzierung des achtzehn Tänzer zählenden ehemaligen Forsythe-Ensembles, das seit 2015 mit der Übernahme der Leitung durch dessen Nachfolger Jacopo Godani so umständlich heißt. Godanis vertragliche Absicherung reicht bis 2021. Die AfD-Fraktion in Dresden ließ nun verlauten, Hellerau solle zu einer Vermietungsimmobilie der Stadt werden, denn die jetzige Nutzung sei ein Groschengrab und experimentell.

          Die Dresden Frankfurt Dance Company ist sehr erfolgreich und kein Groschengrab, aber auch experimentell, soll also gleich mit weg. Nun ist die Zusammensetzung des Stadtrats in Dresden noch unklar, zu viele Briefwählerstimmen konnten noch nicht ausgezählt werden, und die bürgerlicheren Parteien haben erklärt, mit der AfD nicht koalieren zu wollen.

          Der Anti-Hellerau-Sprecher der AfD sitzt eh nicht mehr im Stadtrat. Die Chancen stehen also gut, dass dieses Gequatsche davon, dass die Kunst immer zu neu sei und immer Geld koste, keine Folgen hat. Man möchte den AfD-Politikern auch viel Spaß dabei wünschen, an den Theatern Dresdens und ganz Sachsens nach Kunst zu suchen, die ihnen altbacken genug erscheint und billig ist. Der eigentliche Witz an der Sache ist, dass die von der AfD nominierten Ästhetik-Experten so gut wie nie in Vorstellungen anzutreffen sind. Sollte es sich hier verhalten wie bei der Ausländerfeindlichkeit: Am größten in quasi ausländerfreien Stadtteilen. Die stärksten Urteile erfolgen ohne Empirie.

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