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Die Abiturienten und der Schäuble-Skandal : Wie eine Schulstunde zur Staatsaffäre wurde

Wolfgang Schäuble am 1. April in Athen - da war das Nicht-Gesagte schon zum Skandal geworden. Bild: dpa

Wolfgang Schäubles Geschichtsstunde über Hitler und Putin wurde für die Schüler, die mit ihm diskutierten, zur Offenbarung: Jetzt wissen sie, wie man einen politischen Skandal erfindet. Ein Besuch.

          5 Min.

          Am Anfang der Woche, am Montagmorgen, spricht der Finanzminister dieses Landes mit Berliner Schülern über Europa. Ein Reuters-Journalist und die Redakteurin eines Nachrichtenportals sind unter den Zuhörern. Was genau sich mit den Schülern abspielte, blieb im Dunkeln. Aus Schäubles Schulstunde drang nur ein einziger, immer lauter werdender und schließlich angeblich zu internationalen Verwicklungen führender Satz, in dem es, wie es auf einer prominenten Website hieß, um diese „leidige Geschichte mit Hitler und dem Sudetenland“ ging.

          Regina Mönch

          Freie Autorin im Feuilleton.

          Am Ende dieser turbulenten Woche, in der Nacht zum Freitag, stellte der Politiker bei Reinhold Beckmann klar, was er gesagt hatte und was die Nachrichtenagenturen und viele Zeitungen, wie er behauptet, „verkürzt“ hatten. Verkürzt? Oder vielleicht sogar völlig kontextbefreit? Das müssten die wissen, mit denen bisher überhaupt niemand geredet hat: die Schüler, die mit Schäuble debattierten.

          Mediale Eskalationsstrategie

          Schäubles Gäste hatten sich gründlich vorbereitet auf das Gespräch über Europa; sie kannten das Thema – ausgesucht hatten es andere. Sie sind erwachsen, schreiben die letzten Klausuren für ihr Fachabitur, sie sind politisch interessiert, sehr sogar. Bisher glaubten sie, eine Aussage zum Euro und zur Stabilität und zur Sicherheit in Europa und wie das nicht nur mit den Banken oder Griechenland zusammenhängt, sondern auch mit der Ukraine, unterscheiden zu können von einem politischen Skandal.

          Das bestimmende Thema am Montagmorgen im Bundesfinanzministerium, so die einhellige Erinnerung der Abiturienten, war Europa und der Euro. Der Krim und der Ukraine wiederum habe nur eine Antwort auf eine Nachfrage gegolten, ein Bruchteil in einem recht langen, lebhaften Gespräch. Sie meinen, seitdem eine ganze Menge komplizierter Dinge besser zu verstehen, von Europa, sogar von der Finanzkrise, und dass sie trotzdem nicht alle guten Hoffnungen Schäubles teilen.

          Doch nur wenige Stunden nach dieser besonderen Schulstunde mit dem Bundesfinanzminister verstanden sie gar nichts mehr. Nur noch so viel: dass ihr Hören und Verstehen das eine ist, Geschichte, ihre Interpretation und große Politik etwas ganz anderes und vor allem, was die mediale Eskalationsstrategie beim Umgang mit einem Satz alles anrichten kann. Bis nach Moskau, wo schließlich der deutsche Botschafter einbestellt worden sein soll. Wegen ihrer Schulstunde? Nein, auch das eine Zuspitzung, war zu lernen, denn es handelte sich um einen ganz normalen Antrittsbesuch des neuen Botschafters.

          Vom Nicht-Gesagten zum Skandal in wenigen Stunden

          Eine nachhaltige Belehrung, zwar anderer Art als üblich, aber gerade darum pädagogisch besonders augenöffnend, glaubt am Ende der Woche der von seinen Schülern hochgeschätzte Politiklehrer Matthias Döbler. Ein Schulprojekt, das nicht einfach so abgearbeitet wurde und dann vergessen. An dieses hier werde man sich noch lange erinnern, davon ist er überzeugt.

          Der Punkt ist: Die Abiturienten der Berliner Fachoberschule Informations- und Medizintechnik sind sich ganz sicher, dass Wolfgang Schäubles Intention eine ganz andere war als jene, die eine Stunde nach dem Europa-Schülergespräch um die Welt ging – wobei die Tatsache, dass überhaupt Schüler dabei waren, die zudem etwas anderes begriffen hatten und vor allem sehr viele Fragen stellten und auch beantwortetet bekamen, alsbald kaum noch eine Rolle spielte.

          Sie staunten über die Spitzenmeldungen von Reuters, dann der dpa und die immer skandalträchtigeren Titel: „Schäuble sieht Parallelen zwischen Ukraine und Sudetenland“ und darunter die Erläuterung, warum das natürlich so niemals gesehen werden dürfe; bald hieß es sogar „Deutscher Minister vergleicht Putin mit Hitlers Vorgehen im Sudetenland!“ Wenig später kamen Proteste der Opposition und schließlich die Distanzierung der Kanzlerin.

          „Ich vergleiche das nicht“

          Montagabend, nach der „Tagesschau“, war den Schülern endgültig klar, dass es in der Nachrichtenwelt um etwas anderes geht als um ihre Europa-Schulstunde, und darüber diskutieren sie seitdem recht oft. Es fiel auf, dass die Bundeskanzlerin, die gleichzeitig, aber mit anderen Schülern über Europa diskutierte, im Fernsehen ohne Worte gezeigt wurde, dafür mit glücklich strahlenden Jugendlichen, während der Bundesfinanzminister ohne Kinder da allein auf dem Bildschirm hing. Ein kontaminiertes Bild, denn dazu gehörte nur der eine Satz, der von der Parallele zu Hitler und dem Sudetenland. Einige Online-Zeitungsausgaben setzten unter dasselbe Foto und vor den Satz noch die bald normative Interpretation: „Nazi-Vergleich“.

          „Ich vergleiche das nicht“, hatte Schäuble seinen jungen Gästen ausdrücklich nach dem Ausflug in die Geschichte gesagt, als er ihnen eine Frage zur Krim beantwortete. Er hatte sich, so die Schüler, im Kontext der historischen Erzählung bewegt, erklärt, welche historischen Erfahrungen Europa gemacht habe, und dann ausdrücklich hinzugefügt, man könne beides aber nicht vergleichen. Eine Analogie also, keine Gleichsetzung. Aber mit diesem Nichtvergleichssatz hätte der mediale Skandal nicht funktioniert, deshalb blieb er weg. Wie die Adressaten, die Schüler, das verstanden hatten, wollte offenbar niemand wissen.

          Das besonders empört die Schüler. Sie halten die Zuspitzung für eine Lüge und für eine Beleidigung. Sie haben es anders gehört und anders verstanden, was aber offenbar keine Rolle spielt. So wie sich auf der anderen Seite die Erregtheitsproduzenten nicht darum scheren, ob ihre Schäuble-Interpretation die jungen Ohrenzeugen so nebenbei gleich mit zu arglosen Simpeln stempelt, die Nazi-Vergleichen aufsitzen.

          Eine Sternstunde des Politikunterrichts

          Die Schüler hatten von der Anwesenheit der Journalisten im Rohwedder-Saal nichts gewusst. Keiner habe ihnen das gesagt, keiner sie etwas gefragt, keinen Journalisten hätten sie als solchen identifiziert. Nur jede Menge Fotografen seien da gewesen, aber deren Bilder habe ja niemand mehr gewollt. Auch eine Erkenntnis: Zufriedene Jugendliche, die meinen, ein offenes, interessantes Gespräch geführt zu haben, das passte nun nicht mehr ins Fernseh- oder Zeitungsbild, das sich die Welt gerade vom Bundesfinanzminister machen sollte.

          Auch ahnen Schäubles junge Zuhörer nicht, warum Journalisten solche Schulgespräche interessant finden: weil Politiker, nicht immer und nicht alle, dort zuweilen offener, freier sprechen. Weil sie junge Leute nicht mit vorgekauten Fertigsätzen aus der Unbedenklichkeitsretorte überzeugen wollen? So wie Wolfgang Schäuble darauf vertraut hat, mit einem Exkurs in die Geschichte etwas deutlich zu machen, was so schwer zu beurteilen ist. Was passiert, wenn man der Sittenzensur nachgibt? Bei Beckmann sagte Schäuble, dass es dann keine Unterhaltung, keine Spontanität mehr gebe. Und ließ keinen Zweifel daran, dass er sich dem nicht unterwerfen wird.

          Dass Schäubles Bemühen, ihnen die Ängste Osteuropas zu erklären, zur weltweiten Aufregungserzeugung taugt, wäre den Abiturienten am Montag nicht mal im Traum eingefallen. Nun ahnen sie, wie so etwas entsteht. Für ihren Lehrer sind diese Entwicklungen eigentlich eine „Sternstunde des Politikunterrichts“. Selten könne man so konkret diskutieren, über Geschichte und ihre langen Schatten, über historische Vergleiche und Gleichsetzen und wie man eine echte Kontroverse von der künstlichen unterscheidet, wie weit die Macht der Medien geht und wo Wahrheit und Lüge aufeinandertreffen. Das sei politische Bildung: „Urteilsbildung und kritische Distanz als Voraussetzung für Partizipation in demokratischen Prozessen“.

          Prager Frühling zu unbekannt

          Im Gespräch mit der F.A.Z. sagen einige Schüler trotzdem, da sehe man doch wieder, wie immer alles aufgebauscht werde, weil das Schlagzeilen bringe. Andere widersprechen, das sei zu pauschal, die feinen Unterschiede, die müsse man schon erkennen. Schließlich würden viele echte Skandale erst von Zeitungen aufgeklärt. Fazit: Manchmal wird etwas zusammengeschnurrt auf einen Satz, und in atemberaubender Geschwindigkeit verbreitet es sich um die ganze Welt, uneinholbar. Sie kannten das bisher allenfalls aus dem Internet, aus Facebook und solchen Sachen. Jetzt wissen sie es besser. Das schärft tatsächlich, wenn auch unbeabsichtigt, das Urteilsvermögen.

          Warum aber hat Wolfgang Schäuble, um Osteuropa und vor allem die Ukraine zu erklären, auf die Parallele zum Sudetenland 1938 zurückgegriffen? Ein Vergleich, den die Schüler ganz anders interpretieren als die auf Autopilot geschaltete mediale Weltöffentlichkeit. Es ist ein Vergleich, so schält sich nach und nach im Streitgespräch der Abiturienten heraus, den jeder versteht. Weil man diesen Teil der Geschichte kenne, den osteuropäisch-sowjetischen Kontext aber kaum oder gar nicht.

          Hätten die Agenturen auch so reagiert, wenn Wolfgang Schäuble vom Prager Frühling erzählt hätte, nur zum Beispiel, und wie er 1968 unter den Ketten sowjetischer Panzer endete? Oder von anderen Beispielen sowjetischer und postsowjetischer Übergriffe? Schäuble habe gesprochen, wie er gesprochen habe, sagt ein Abiturient, weil er glaubte, uns würde das nichts sagen mit 1968. Ihm zum Beispiel, leider. Vielleicht sollte man das ändern.

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