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Die Abiturienten und der Schäuble-Skandal : Wie eine Schulstunde zur Staatsaffäre wurde

Wolfgang Schäuble am 1. April in Athen - da war das Nicht-Gesagte schon zum Skandal geworden. Bild: dpa

Wolfgang Schäubles Geschichtsstunde über Hitler und Putin wurde für die Schüler, die mit ihm diskutierten, zur Offenbarung: Jetzt wissen sie, wie man einen politischen Skandal erfindet. Ein Besuch.

          Am Anfang der Woche, am Montagmorgen, spricht der Finanzminister dieses Landes mit Berliner Schülern über Europa. Ein Reuters-Journalist und die Redakteurin eines Nachrichtenportals sind unter den Zuhörern. Was genau sich mit den Schülern abspielte, blieb im Dunkeln. Aus Schäubles Schulstunde drang nur ein einziger, immer lauter werdender und schließlich angeblich zu internationalen Verwicklungen führender Satz, in dem es, wie es auf einer prominenten Website hieß, um diese „leidige Geschichte mit Hitler und dem Sudetenland“ ging.

          Regina Mönch

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

          Am Ende dieser turbulenten Woche, in der Nacht zum Freitag, stellte der Politiker bei Reinhold Beckmann klar, was er gesagt hatte und was die Nachrichtenagenturen und viele Zeitungen, wie er behauptet, „verkürzt“ hatten. Verkürzt? Oder vielleicht sogar völlig kontextbefreit? Das müssten die wissen, mit denen bisher überhaupt niemand geredet hat: die Schüler, die mit Schäuble debattierten.

          Mediale Eskalationsstrategie

          Schäubles Gäste hatten sich gründlich vorbereitet auf das Gespräch über Europa; sie kannten das Thema – ausgesucht hatten es andere. Sie sind erwachsen, schreiben die letzten Klausuren für ihr Fachabitur, sie sind politisch interessiert, sehr sogar. Bisher glaubten sie, eine Aussage zum Euro und zur Stabilität und zur Sicherheit in Europa und wie das nicht nur mit den Banken oder Griechenland zusammenhängt, sondern auch mit der Ukraine, unterscheiden zu können von einem politischen Skandal.

          Das bestimmende Thema am Montagmorgen im Bundesfinanzministerium, so die einhellige Erinnerung der Abiturienten, war Europa und der Euro. Der Krim und der Ukraine wiederum habe nur eine Antwort auf eine Nachfrage gegolten, ein Bruchteil in einem recht langen, lebhaften Gespräch. Sie meinen, seitdem eine ganze Menge komplizierter Dinge besser zu verstehen, von Europa, sogar von der Finanzkrise, und dass sie trotzdem nicht alle guten Hoffnungen Schäubles teilen.

          Doch nur wenige Stunden nach dieser besonderen Schulstunde mit dem Bundesfinanzminister verstanden sie gar nichts mehr. Nur noch so viel: dass ihr Hören und Verstehen das eine ist, Geschichte, ihre Interpretation und große Politik etwas ganz anderes und vor allem, was die mediale Eskalationsstrategie beim Umgang mit einem Satz alles anrichten kann. Bis nach Moskau, wo schließlich der deutsche Botschafter einbestellt worden sein soll. Wegen ihrer Schulstunde? Nein, auch das eine Zuspitzung, war zu lernen, denn es handelte sich um einen ganz normalen Antrittsbesuch des neuen Botschafters.

          Vom Nicht-Gesagten zum Skandal in wenigen Stunden

          Eine nachhaltige Belehrung, zwar anderer Art als üblich, aber gerade darum pädagogisch besonders augenöffnend, glaubt am Ende der Woche der von seinen Schülern hochgeschätzte Politiklehrer Matthias Döbler. Ein Schulprojekt, das nicht einfach so abgearbeitet wurde und dann vergessen. An dieses hier werde man sich noch lange erinnern, davon ist er überzeugt.

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