https://www.faz.net/-gqz-8wxph

Frankreich im Wahljahr : Ein neuer Geist von ’68

  • -Aktualisiert am

Was sollen wir also tun? Um sowohl die neoliberale Technokratie als auch den fremdenfeindlichen Nationalismus zu bekämpfen, müssen wird dringend ein neues linkes Denken und eine neue linke Praxis entwickeln. Am jüngsten Aufwind von Jean-Luc Mélenchon sieht man übrigens – ganz unabhängig davon, welche Vorbehalte man gegen diesen Kandidaten haben kann –, dass ein dezidiert „linker“ Diskurs sehr wohl auf Resonanz stößt, und zwar besonders bei den jüngeren Wählern, die bisher gar nicht zur Wahl gegangen sind, oder bei den älteren, die sich angewidert abgewendet haben.

Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung

Wenn Sie mehr davon lesen wollen, testen Sie die F.A.S. doch einfach als digitale Zeitung. Wie es geht, erfahren Sie hier ...

Mehr erfahren

Trotzdem erscheint es mir problematisch, wenn man, wie Mélenchon es tut, dem rechten einen linken Populismus entgegensetzen will. Das „Volk“ gegen die „Eliten“ zu stellen, Begriffe wie das „Vaterland“, das sich gegen die „Eliten“ erheben soll, im Wahlkampf zu verwenden, bedeutet, das gleiche Vokabular zu benutzen wie die Rechtsextremen. Man bringt damit Begriffe oder, besser, Affekte in Umlauf, die man nur mit größter Vorsicht verwenden sollte, weil sie sich ganz schnell mit Bedeutungen aufladen lassen, die man vermeiden wollte.

Außerdem neigen diese Begriffe dazu, den sozialen Körper zu vereinfachen und zu vereinheitlichen („99 Prozent gegen ein Prozent“). Das kommt einer Mystifizierung gleich. (Mit welcher Politik soll man diese 99 Prozent denn vereinen können? Auf welcher Grundlage und mit welchen Perspektiven?) Wenn ich höre, wie Jean-Luc Mélenchon auf Veranstaltungen, bei denen die französische Fahne geschwenkt wird, die Nation verklärt und von einem „großen mächtigen Land“ spricht, das „seinen Platz in der Welt“ wieder finden soll, dann wird mir ziemlich unwohl. Das sind gefährliche Phantasmen, mit denen man die nationalistischen Leidenschaften eher befeuert, als sie zu bekämpfen. Diese Art des Linkspopulismus muss man unbedingt zurückweisen und stattdessen ein Denken entwickeln, das auf gesellschaftlichen Kämpfen aufbaut, auf gesellschaftlichen Bewegungen, auf vielfältigen und heterogenen Mobilisierungen. Und man muss den Internationalismus stärken. Die Linke muss mit dem Nationalismus brechen und wieder beginnen, in einem resolut internationalen Rahmen zu denken.

6.

Was ist die Linke heute? Nach den Erfolgen Trumps und der Brexit-Kampagne gab es Stimmen aus dem rechten, aber auch aus einem sich radikal gebenden linken Lager, die den kulturellen Kämpfen, den Kämpfen für Minderheitenrechte, der „Identitätspolitik“ und Ähnlichem die Schuld für den Erfolg der Rechtspopulisten geben wollten. Diese wurden als das „Feigenblatt“ des Neoliberalismus dargestellt. Als ob die Rechte von Frauen, von Schwarzen, von sexuellen Minderheiten, Migranten oder ökologische Fragen nur egoistische Anliegen der Mittelschicht seien, denen man als den einzig wichtigen Kampf den sozialen und wirtschaftlichen entgegenstellen müsste. Solche Aussagen tragen in Wahrheit zu der faschistoiden Stimmung bei, die sich immer weiter ausbreitet und in der Antifeminismus, Homophobie und Migrantenfeindlichkeit unter dem Deckmantel des Kampfes gegen den Neoliberalismus immer aggressiver zum Ausdruck kommen.

7.

Was wir jedenfalls zurückweisen sollten, ist eine substantialistische Vorstellung einer sozialen Welt, in der bestimmte Kämpfe natürlicher oder legitimer erscheinen als andere. Die Formen der Herrschaft sind vielfältig, und deshalb müssen es die Formen des Widerstandes auch sein. Die Politik besteht immer aus Ungleichzeitigkeiten und heterogenen Entwicklungen. Wer die Zeitlichkeit der Politik vereinheitlichen will, schränkt das Feld der Mobilisationen ein und zensiert die dort sich äußernden Stimmen. Man muss nur an den Mai 1968 in Frankreich zurückdenken: zehn Millionen streikende Arbeiter, eine starke feministische Bewegung, der Kampf der Einwanderer, die Kritik am Justiz- und Gefängnissystem und so weiter. All diese Dinge zusammen sind die Linke. Die Präsidentschaftswahl führt uns vor Augen, in welcher Krise sich das linke Denken befindet. Nur wenn wir uns den Geist von ’68 wieder zu eigen machen, können wir es erneuern.

Weitere Themen

„Herbstsonate“ Video-Seite öffnen

Trailer : „Herbstsonate“

„Herbstsonate“, 1978. Regie: Ingmar Bergman. Darsteller: Ingrid Bergman, Liv Ullmann, Lena Nyman.

Topmeldungen

Thilo Sarrazin im Oktober auf der Frankfurter Buchmesse.

Kommentar zu Sarrazin : Ansichten eines Clowns

Wie soll man es verstehen, dass die SPD wieder versucht, ihr medienwirksamstes Mitglied auszuschließen? Gefahr geht weder von ernsthafter Beschäftigung mit Migration noch von umfassender Einwanderungspolitik aus – sondern von Ignoranz und Arroganz.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.