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Deutschtürkische Erdogan-Fans : Die Republik wird abgewählt

Deutschtürken feiern Erdogan nach dem Referendum in Berlin Bild: dpa

Ein deutsches Problem: Wenn Hunderttausende hier die parlamentarische Demokratie in der Türkei abwählen und die Todesstrafe befürworten, kündigen sie auch unseren Wertekonsens auf.

          Was hätte geschehen müssen, hierzulande, um Deutschtürken davon abzubringen, die parlamentarische Demokratie in der Türkei abzuwählen? Statt Dutzender Talkshows über Deutschlands Verhältnis zur Türkei hätte vielleicht wenigstens eine den Blick nach innen, auf den Zustand unserer Zivilgesellschaft richten sollen. Vielleicht hätte man dann gesehen, wie gefährlich fragmentiert sie bereits ist, auch wegen der großen Distanz vieler Türken aus Einwandererfamilien zu allem, was uns teuer ist. Vielleicht wäre sogar einigen mehr klargeworden, was bisher gern als Querulanz von Kritikern abgetan wurde: In diesem Land leben Hunderttausende Mitbürger, die quasi die Republik ablehnen, ihre konstitutiven Werte verraten, ignorieren oder bewusst verachten. Sie ermächtigen einen islamischen Autokraten, zu tun, was er für richtig hält, und haben damit den Boden des Grundgesetzes verlassen.

          Regina Mönch

          Freie Autorin im Feuilleton.

          Das ist mehr als nur ein Zeichen vielfach gescheiterter Integration unter türkischen Einwanderern, ihren Kindern und Kindeskindern. Das ist Ablehnung pur. Wer meint, das sollten die Deutschtürken unter sich regeln, sitzt schon in der Falle. Denn diese Affinität zur Antidemokratie und Rechtlosigkeit entfaltet längst ihre ungute Kraft. Sie zeigt sich auf den Straßen, nicht nur bei Erdogan-Demonstrationen, und vor allem in Schulen. Die Ja-Wähler von heute, wie und wozu werden sie ihre Kinder erziehen? Die demonstrierte Ablehnung unserer Werte wird in traditionellen Familien, in den fremdgesteuerten Moscheevereinen eingeübt und gepflegt, genauso wie in orthodoxen Islamverbänden, die im Unterschied zu ihren Kritikern von der Regierung gern zum Gespräch gebeten werden.

          Wohin soll die Brücke führen?

          Diese Ja-Sager und Erdogan-Fans fuhren am Wahlabend triumphierend Autokorso; in Berlin immer rund um den Breitscheidplatz, dem Ort des islamistischen Attentats vom vergangenen Dezember. Respekt? Empathie? Wenige Wochen davor erst fanden sich dort allerhand klandestine Moscheevereine ein, um klarzustellen, dass ihre Religion die friedlichste überhaupt ist und mit Islamisten nichts zu tun hat, nie. Zuvor hatte jemand noch fürsorglich das Wort „islamistisch“ aus einer Gedenkschrift für die Opfer am Mordort entfernen lassen. Die anderen Deutschtürken, die für ein Nein geworben hatten und am Wahlabend verzweifeln wollten, sie wurden, wenn überhaupt, im Fernsehen als einsame Gruppe gezeigt, wie der Fanverein einer Fußballmannschaft, die das Spiel verloren hat. Aber das Spiel haben wir alle verloren, gespalten ist nicht nur die Türkei.

          Routiniert wird jetzt nach der Schuld der Deutschen geforscht, die es, wie es in verschiedenen Zeitungen zu lesen war, versäumt hätten, „emotionale Brücken“ zu bauen. Aber welche Brücke führt zum Beispiel zu türkischen Männern, die einem Filmteam von Arte in Berlin hasserfüllt hinterherrufen, dass es „hier bald auch wie in Frankreich“ sein werde? Warum wird kleinmütig von mangelnder „Strahlkraft“ der Demokratie gefaselt, als handelte es sich dabei um ein verstaubtes Relikt, das gründlich geputzt werden sollte? Warum verteidigen wir unsere Freiheiten nicht genauso demonstrativ, wie es die anderen für ihre Antidemokratie tun? Ist das Feigheit, Langmut oder Desinteresse?

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