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Deutschland und seine Nachbarn : Die Nazi-Keule wird weggepackt

Andernorts noch leicht entflammbar: Vor dem Parlament in Athen brennt am 1. Mai 2013 ein Bild, das die deutsche Kanzlerin und ein Hakenkreuz zeigt. Bild: Imago

Von Schuld und Schulden: Die historische Angst vor Deutschland bei Franzosen, Italienern und Schweizern ist verflogen und einer regelrechten Begeisterung gewichen. Besonders das politische System wird gelobt.

          „Der Welt würde mehr Deutschland gut tun“: Diesen überraschenden Befund formulierte jüngst ausgerechnet eine schweizerische Zeitung, der Zürcher „Tages-Anzeiger“. Die Schweiz hatte gerade die Anbindung des Franken an den Euro gekappt, und Griechenland hatte seine neue Regierung gewählt. In Frankreich wiederum kam bei der ersten Wahl nach der kollektiven Einmütigkeit des nationalen Protestmarschs vom 11. Januar im einst links und anarchistisch geprägten Jura die Kandidatin des Front National mit mehr als dreißig Prozent in die Stichwahl. Ihr Programm: Ausländer raus, Schengen zu und Rückkehr zum französischen Franc.

          Jürg     Altwegg

          Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.

          Für Deutschland hingegen wettet der Berlin-Korrespondent des „Tages-Anzeigers“, David Nauer, schon jetzt darauf, dass es „bei der nächsten Bundestagswahl 2017 rechts von der CDU/CSU keine relevante Kraft ins Parlament schaffen wird“, auch nicht die AfD. Nauer bescheinigt der „deutschen Gesellschaft ein beachtliches Immunsystem gegen rechten Populismus. Keine Marine Le Pen, kein Geert Wilders, nicht einmal ein Berlusconi.“

          Auch kein Christoph Blocher, muss man aus helvetischer Sicht hinzufügen. Nach 1989 bekämpfte Blochers Schweizerische Volkspartei jede Annäherung an Europa mit den Klischees des Zweiten Weltkriegs. Um „Anpassung oder Widerstand“ ging es Blocher zufolge bei der Abstimmung zum Europäischen Wirtschaftsraum 1992. Auch in der Schweiz hatte die deutsche Wiedervereinigung historische Ängste beflügelt. Moskau, das Feindbild des Kalten Kriegs, wurde ersetzt durch Brüssel, die Kontinuität aber auf Hitler zurückgeführt. „Wenn es Deutschland nicht gäbe, wäre die Schweiz Europa längst beigetreten“, war ein geflügeltes Wort. Westschweiz und Tessin wollten damals „den Anschluss“, den die Deutschschweiz jedoch verhinderte. Man kann die damalige Stimmung als rhetorischen Bürgerkrieg am Röschti-Graben bezeichnen. Noch anlässlich der EU-Ost-Erweiterung zum Jahrtausendende sprach ein christdemokratischer Parteisekretär von einer „Heim ins Reich“-Ideologie. Die SVP in Zürich führte einen Wahlkampf gegen die Deutschen und „Berliner Verhältnisse“, die es zu verhindern gelte.

          Fachausschüsse statt großer Dramen

          Inzwischen ist die Wahrnehmung anders. Das Ansehen Frankreichs in der Westschweiz hat gelitten, die Grenzgänger sind – im Tessin erst recht – die neuen Sündenböcke. Wie viel besser in der Deutschschweiz, die beim Fußball mit jedem Gegner der Deutschen fieberte und dabei noch einmal Hitler zu besiegen glaubte, das Bild vom nördlichen Nachbarn geworden ist, illustriert die erwähnte „Tages-Anzeiger“-Eloge: „Für Europa ist dieses Deutschland ein Segen.“ Und wie sehr die Schweiz von Europa abhängt, haben die Folgen der Abstimmung gegen die „Masseneinwanderung“ vom Februar 2014 gezeigt.

          Die Schweiz schottet sich ab, die Welt gerät aus den Fugen, Europa ist in der Krise, der Nahe Osten brennt, in der Ukraine tobt Krieg: Deutschland aber bleibe sachlich „und ist so vernünftig: keine großen Gefühle, keine großen Dramen, dafür Debatten in Fachausschüssen des Bundestags“. Und es nehme politische Verantwortung wahr: „Nicht weil man in Berlin wieder großmannssüchtig ist, sondern weil die Vernunft dies gebietet.“

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