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Deutschland und Israel : Verbundenheit auf Abruf

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Stattdessen verhärten sich ideologische Einstellungen: Jakob Augstein war mit seiner beschämenden Behauptung „Wenn Jerusalem anruft, beugt sich Berlin“ 2012 noch recht allein, und die Thesen von Günter Grass über Israel als Hauptgefahr für den Weltfrieden ernteten weithin Widerspruch. Inzwischen ist die Vorstellung, Israel kontrolliere die deutsche Politik, weit in den Mainstream eingewandert. Die Schnittmengen zu antisemitischen Narrativen in der Verschwörungsszene liegen auf der Hand – hier bereitet sich eine Verbindung vor, die Schaudern macht.

Wir brauchen Ehrlichkeit in der Diskussion

Wer ernsthaft Frieden in Nahost haben möchte, sollte sich nicht als Erstes hinter Nationalflaggen versammeln. Auch nicht hinter der deutschen als einer qua Staatsräson geläuterten Nation. Das Bedürfnis, diesmal auf der „richtigen“ Seite der Geschichte zu stehen, versperrt den Weg zu einer selbstreflektierten, differenzierten Position. Auschwitz war keine Schule, auch impliziert sie keinen Imperativ zur Selbstzensur. Vielmehr sind alle aufgefordert, zu diskutieren und gleichzeitig darüber zu reflektieren, wann Kritik im Sinne der Aufklärung in eine moralische Selbsterhöhung übergeht.

Dafür brauchen wir Ehrlichkeit in der Diskussion. Der israelische Philosoph Omri Boehm fordert, dass die Aufgabe „der deutschen Intellektuellen wegen und nicht trotz der deutschen Geschichte darin besteht, sich mit Israel im Forum der öffentlichen rationalen Diskussion auseinanderzusetzen, und gerade nicht darin, es in irgendeine metaphysische Sphäre auszulagern, von der man nicht sprechen kann und über die man schweigen muss“.

Ohne Bekenntnispflicht und Fahnenzwang

Der Wunsch nach einer öffentlichen Debatte kann nicht erfüllt werden, solange nach dem Vorbild des Fußballstadions zwischen Israel- und Palästina-Fans gepöbelt wird. Eine aufgeklärte Diskussion erfordert eine Analyse der Kräfte auf beiden Seiten: Welche Interessen treiben die Eskalation voran? Wer sind die Gewinner, wer Verlierer? Aktuell scheint der Konflikt den Interessen Netanjahus in die Hände zu spielen, nachdem die Pläne seiner Herausforderer, die erste jüdisch-arabische Koalition in der Geschichte zu schmieden, nun gescheitert sind. Auf palästinensischer Seite konnte die Hamas ihre Position gegenüber Präsident Abbas stärken, nachdem dieser vor Kurzem die geplanten Wahlen in der Westbank abgesagt hat.

Während Tel Aviv und Gaza unter Beschuss waren, haben sich Araber und Juden spontan versammelt und den Aufruf „Wir weigern uns, Feinde zu sein“ in die Welt hinausgetragen. In der Nähe meines Heimatorts in der Negev-Wüste versammelten sich viele meiner jüdischen und arabischen Freunde aus der Schulzeit in einem Beduinenzelt. Es mischten sich Trauer und Verzweiflung über die aktuelle Situation mit dem festen Glauben daran, dass es doch eine Alternative zu Hass und Gewalt gibt. Ich wünsche mir, dass wir hier auch diese Menschen wahrnehmen und unterstützen; gerade sie brauchen unsere Solidarität. Eine Solidarität ohne Bekenntnispflicht und Fahnenzwang; eine Solidarität, die durch keine Staatsräson der Welt geleistet werden kann.

Meron Mendel ist Historiker und Direktor der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt.

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