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Deutschland und Israel : Verbundenheit auf Abruf

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Eine nicht geteilte Verpflichtung

Kommen wir zur zweiten Ebene: der deutschen Bevölkerung. Hier scheint ein deutlich anderer Konsens vorzuherrschen. So weisen Umfragen seit Jahren darauf hin, dass die Verpflichtung der deutschen Politik auf Israels Sicherheit von weiten Teilen der Bevölkerung nicht geteilt wird. Sechzig Prozent der Bevölkerung sehen nach einer Umfrage der Bertelsmann-Stiftung 2015 keine besondere Verantwortung für das jüdische Volk.

Bei einer Umfrage der Universität Leipzig teilten siebzig Prozent der Befragten die Ansicht, dass Israels Politik in Palästina fast oder genauso schlimm sei wie die der Nationalsozialisten. Die Staatsräson geht jedenfalls nicht so weit, derartigen Einstellungen in der Bevölkerung wirksam entgegenzutreten. So bleibt die ewige Verbundenheit zwangsläufig eine auf Abruf.

In Wahrheit eine Projektionsfläche

Betrachten wir auf einer dritten Ebene die individuellen Äußerungen von Menschen in Deutschland, dann sehen wir viel zu selten Positionen, die den Nahost-Konflikt in seiner ganzen Komplexität reflektieren. Dass die Solidarität mit Palästina leider häufig eine weit offene Flanke für den Antisemitismus darstellt, zeigen die Demonstrationen der vergangenen Tage vor den Synagogen in Deutschland. Hier wurden Israel-Fahnen verbrannt und Parolen wie „Scheiß Juden“ gerufen. Auf der anderen Seite erlebe ich im politischen Spektrum von der AfD bis zu bestimmten Teilen in der deutschen Linken eine Form der Israel-Solidarität, die jegliche Empathie für die Situation der Palästinenser vermissen lässt. Einmal musste ich eine Demonstration gegen Antisemitismus in Frankfurt verlassen, nachdem dort prominent ein Banner mit der Aufschrift „Palästina, halt’s Maul!“ von einer „antideutschen“ Gruppe hochgehalten wurde.

Nicht nur hier begegne ich dem irritierenden Phänomen einer geradezu rauschhaften Emotionalität, mit der in Deutschland über die Parteien im Nahost-Konflikt diskutiert wird. Es scheint, dass es hier nur vordergründig um die Fehde zwischen Israelis und Palästinensern geht, während der Konflikt in Wahrheit eine Projektionsfläche darstellt, um sich der eigenen Identität zu vergewissern. Je nach politischer Überzeugung stellen sich Herkunftsdeutsche und Migranten in diesem Konflikt uneingeschränkt auf die Seite ihrer jeweiligen „Guten“ und demonstrieren damit nicht nur ihre Solidarität, sondern vor allem eine scheinbar eindeutige Position in einem unübersichtlich gewordenen Weltgeschehen.

Beschämende Behauptungen

Auf einer vierten, medialen und kulturpolitischen Ebene dieses Konflikts in Deutschland müssen wir zugeben, dass es nicht nur in Bezug auf Israel und Juden aktuell schwierig ist, die richtigen Worte zu finden. Schnell führen sprachliche Ungenauigkeiten zum Pranger und zum Abkanzeln, zumal die Erregungsschleifen in den sozialen Medien eine aufklärerische und differenzierte Diskussion erschweren. Die gebotene Zurückhaltung, die bei diesem Thema lange herrschte, wurde spätestens mit der Ära Trump begraben. Wenn die Geschichte Israels oder das Leid der Palästinenser so routiniert wie unsensibel in einer Handvoll Sharepics abgehandelt wird, gehen meistens nicht nur die Wahrheit, sondern auch der Anstand verloren.

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