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„Deutschland spricht“ : „Der Rechtsruck hat Schichten aufgebrochen“

Die Autorin Jana Hensel bei der Diskussionsveranstaltung „Deutschland spricht“ in der Frankfurter Paulskirche Bild: Frank Röth

Reden allein wird nicht ausreichen, aber es hilft: Ein Gespräch mit der Schriftstellerin und Journalistin Jana Hensel über kümmernde Westdeutsche, Ostquoten und das ostdeutsche Erwachen.

          4 Min.

          Frau Hensel, wenn man über Sie sagt: „Durch sie spricht der Osten“ – wie fühlen Sie sich da?

          Elena Witzeck

          Redakteurin im Feuilleton.

          Das ist eine charmante Formulierung, insofern freue ich mich darüber. Der Osten Deutschlands ist in den letzten Jahren präsenter und vielstimmiger geworden. Lange Zeit wurden diese Themen ausgeblendet, aber inzwischen reden mehr und vor allem immer mehr junge Leute über den Osten und ihre Erfahrungen der Neunzigerjahre. Da hat sich wahnsinnig viel getan und ich bin sehr froh darüber.

          Sie stehen also nicht mehr alleine da ...

          Das war ich ja nie. Aber die Migrationsforscherin Naika Foroutan hat es einmal ein ostdeutsches Erwachen genannt – und ich glaube, da ist was dran. Mit dem Jahr 2015 wurde nicht nur der Rechtsruck der Bevölkerung sichtbar, sondern auch eine Kultur des Ressentiments gegenüber den Ostdeutschen. Wir, die offen sprechen und Initiativen wie Aufbruch Ost gründen, wehren uns dagegen. Viele junge Wissenschaftler beugen sich gerade über die Neunzigerjahre, die bislang zu wenig aus ihrer Perspektive erzählt wurden, und formulieren Erfahrungen neu. Das ist eine groß angelegte Aneignung eigener Geschichte. 

          In der Paulskirche haben Sie gestern von den verschiedenen Sprachen der Deutschen geredet. Sprechen Sie hier, zum Verständnis der Frankfurter, Westdeutsch?

          Natürlich spreche ich in Frankfurt oder Hannover Westdeutsch. Ostdeutsch spreche ich nur, wenn ich im Osten bin. Offen gestanden bekomme viel mehr Einladungen aus dem Osten. Ich sage diesen Einladungen auch lieber zu – nicht, weil ich etwas gegen Unterhaltungen mit Westdeutschen habe, sondern weil es für mich wichtiger ist, in ostdeutsche Provinzstädte zu fahren und dort zu lesen. Dort leben die Menschen, die heute großen Gesprächsbedarf haben. Wer über den Osten schreibt, kann es nicht unpolitisch tun.

          Eine Art Lehrauftrag?

          Eher Verantwortung. In den großen westdeutschen Zeitungen, in denen ich gearbeitet habe, gab es viel zu wenige Ostdeutsche. Ich wusste immer: Wenn ich die Geschichten nicht erzähle, werden sie gar nicht erzählt. Das ist das typische Schicksal von Minderheiten und marginalisierten Gruppen. Wir haben nicht die Freiheit, uns diese Geschichten auszusuchen. Wir müssen sie erzählen.

          Also sind Sie den Menschen bei Veranstaltungen im Osten näher?

          Der Westen ist für mich nicht fremd. Ich bin lange nach Frankfurt gependelt, wäre aber nie hierher gezogen. Ich wollte in Berlin bleiben...

          Warum?

          Weil ich über den Osten schreibe. Ich brauche ostdeutschen Boden unter den Füßen.

          Was würden Sie auf die Frage der Aktion „Deutschland spricht“ antworten, ob sich Deutschland zu wenig um Ostdeutschland kümmert?

          Das Interessante daran ist ja: Meint man mit Deutschland eigentlich Westdeutschland? Bei näherer Betrachtung scheint mir die Frage etwas unpräzise. Wenn Sie fragen: Brauchen wir eine Korrektur der ersten dreißig Nachwendejahre? Da würde ich ja sagen – in dieser Hinsicht müssen wir uns „kümmern“. Brauchen wir neue politische Lösungen für die Situation im Osten? Ja. Der Osten wurde dreißig Jahre lang nach westdeutschen Methoden verwaltet. Wir brauchen eigene politische Ansätze für den Osten. Über die müsste gesprochen werden. Das sehe ich aber bislang nicht.

          2009 haben Sie ein Buch mit dem Namen „Warum wir anders bleiben müssen“ geschrieben. Ihr neues Buch trägt den Titel „Wie alles anders bleibt“. In diesen zehn Jahren ist also alles anders geblieben?

          Interessanterweise hat da Buch damals niemanden interessiert. Im Prinzip ist das, was ich damals geschrieben habe, erst heute wirklich Realität geworden. Der Osten ist anders geblieben. Vieles von dem, was ich damals verfasst habe, wird heute breit diskutiert. Die Zeit ist fortgeschritten.

          Deutschland spricht
          Deutschland spricht

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