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Deutschland-Kampagne : Sprüche und Schliche

  • -Aktualisiert am

Schopenhauer beliehen: die Medienkampagne „Du bist Deutschland” Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

„Du bist Deutschland“ - zum Ende der millionenschweren Medienkampagne ist nicht die Frage, was sie „gebracht“ hat, sondern, warum es überhaupt dazu kommen konnte, daß dafür so viel investiert wurde.

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          Der Boden war gut bereitet: Die allgemeine Stimmung ist hier in den letzten Jahren dermaßen schlechtgeredet worden, und das von Leuten, die überhaupt keinen Grund zum Klagen haben, daß sich eine Kampagne, die etwas dagegen zu unternehmen versprach, nach Erwartung der Beteiligten gut machen mußte. Denn aus der Situation gab es kein Entrinnen: Alle beschweren sich darüber, daß sich alle beschweren, aber davon wird es auch nicht besser. Da half nur noch die Identifikation aller mit allen und allem: Du bist Deutschland. Nun, da die Plakate bald abgehängt werden, ist nicht die Frage, was die größte Medienkampagne in der Geschichte der Bundesrepublik „gebracht“ hat - nämlich nichts; was hätte das auch sein sollen? -, sondern, warum es überhaupt dazu kommen konnte, daß dafür so viel Zeit und Geld investiert wurde.

          Edo Reents

          Redakteur im Feuilleton.

          Als konkretes Ziel wird man die Verringerung der Arbeitslosigkeit annehmen dürfen. Und es ist interessant, wie sich die Initiative das vorstellt: „Nachdem wir uns, auch was die Stimmung angeht, in einer ständigen Abwärtsspirale befunden haben, sind jetzt doch eine Menge Leute zu der Auffassung gelangt, daß man ganz bewußt auch mal in die andere Richtung argumentieren muß.“

          Irgend etwas mußte dran sein an dieser Aktion

          Ökonomische Probleme erscheinen in dieser Perspektive als psychosomatisches Leiden, Arbeitslosigkeit wird als Folge einer landesweiten Depression betrachtet und nicht mehr als Ergebnis bestimmter, sich aus Entscheidungen ergebender Rahmenbedingungen. Weil man es offenbar aufgegeben hat, an deren Veränderbarkeit zu glauben, greift man, höchst konsequent, zu einer Erweckungsrhetorik, welche die vage im Raum stehenden Schwierigkeiten auf die Frage ganz persönlichen Engagements reduziert: „Du bist Deutschland. Dein Wille ist wie Feuer unterm Hintern. Du hältst den Laden zusammen. Du bist der Laden. Du bist Deutschland.“

          Es führt zu nichts, das beim Nennwert zu nehmen, dazu ist es gedanklich zu dürftig: Was? Ich soll Deutschland, Michael Schumacher oder Einstein sein? Interessanter als solche witzelnden Gegenfragen, die sich im Fahrwasser der „Wir sind Papst“-Kampagne der „Bild“-Zeitung bewegen, ist es, sich die Struktur anzusehen, die hinter diesem Denken steckt. Denn irgend etwas mußte dran sein an dieser Aktion, etwas, das zumindest den Beteiligten als eine reizvolle Form kultureller Selbstverständigung erscheinen mochte. Der Vorwurf, hier feiere sich eine politische, kulturelle und wirtschaftliche Elite nur selbst, reicht aber an den Kern der Sache nicht heran.

          Viel Schopenhauer - nur die Trostlosigkeit nicht

          So möchte man die Macher von „Du bist Deutschland“ fragen: Schon mal etwas von Schopenhauer gehört, jenem Philosophen, der das mit mittel- und fernöstlichem Gedankengut verbrämte Identitätsdenken im neunzehnten Jahrhundert hoffähig gemacht hat? Vermutlich ohne es zu beabsichtigen, hat Schopenhauer eine Bewegung beglaubigt, die für östliche Weisheiten sehr empfänglich ist und in der die Leute an Seelenwanderung und die Identität aller mit allen glauben. Auf die spirituelle Energie, die dazu nötig ist und dabei freigesetzt wird, setzt ganz offenkundig auch die Deutschland-Kampagne. Sie hat beim „Buddha von Frankfurt“, wie Schopenhauer genannt wurde, entschieden geborgt, vermeidet aber dessen trostlose Folgerungen, biegt die Sache vielmehr um in ein Pathos des Mitmachens, das gar nicht verhehlen will, daß er nur die ohnehin Fitten noch fitter machen will.

          „Die Leser meiner Ethik“, schreibt Schopenhauer, „wissen, daß bei mir das Fundament der Moral zuletzt auf jener Wahrheit beruht, welche im Veda und Vedanta ihren Ausdruck hat an der stehend gewordenen mystischen Formel tat twam asi (Dies bist du), welche mit Hindeutung auf jedes Lebende, sei es Mensch oder Tier, ausgesprochen wird und dann die Mahavakya, das große Wort, heißt.“ Um die erkenntnistheoretischen Voraussetzungen dieser aus den „Upanischaden“, einer altindischen Schriftensammlung, entnommenen Annahme geht es hier nicht; entscheidend ist, daß sie auf einen Moment der Erleuchtung zielt. Das geht dann über in den reinsten Mystizismus: „Ich weiß wohl, daß, wenn ich einen ernsthaft versicherte, die Katze, welche eben jetzt auf dem Hofe spielt, sei noch die selbe, welche dort vor dreihundert Jahren die nämlichen Sprünge und Schliche gemacht hat, er mich für toll halten würde: aber ich weiß auch, daß es sehr viel toller ist zu glauben, die heutige Katze sei durch und durch und von Grund aus eine ganz andere als jene vor dreihundert Jahren.“

          Am eigenen Schopf aus dem Sumpf

          Warum soll ich, auch ohne die Frisur des genialen Katzengreises, also nicht Einstein sein? Behaupten kann man es, und wenn man dies in einer bieder-eindringlichen Sprache, dazu mit einer suggestiven Werbeästhetik tut, dann kommt einem das plötzlich ganz plausibel vor. Es handelt sich allerdings um eine Geheimlehre, die sich sachlicher Erörterung entzieht und deren moralische Implikationen Glaubenssache sind. Ein Staatsvertrag läßt sich darauf nicht gründen. Die Erleuchteten ziehen sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf.

          Dies können aber nur die Eingeweihten, die sich in spiritueller Innenschau Klarheit verschaffen über die Identität zwischen sich und der Welt. „Freilich aber“, schreibt Schopenhauer, „stellt sich der Erkenntnis, so wie sie, dem Willen zu seinem Dienst entsprossen, dem Individuo als solchem wird, die Welt nicht so dar, wie sie dem Forscher zuletzt sich enthüllt, als die Objektität des einen und alleinigen Willens zum Leben, der er selbst ist; sondern den Blick des rohen Individuums trübt, wie die Inder sagen, der Schleier der Maja, und in dieser Form seiner beschränkten Erkenntnis sieht er nicht das Wesen der Dinge, welches Eines ist, sondern dessen Erscheinungen, als gesondert, getrennt, unzählbar, sehr verschieden, ja entgegengesetzt.“

          Pessimismus light, gewissermaßen

          Schopenhauer sprach von einem besseren Bewußtsein, an das auch die Deutschland-Initiative appelliert. Die Vielheit geht auf in der Einheit des Volkskörpers, man muß nur die metaphysische Voraussetzung akzeptieren, dann ist alles eins. Wer zwischen sich und seinem Land keinen Unterschied macht, der stellt an den Staat keine Ansprüche mehr, sondern nur an sich selbst; der fragt nicht mehr nach Verbesserungen, die auf dem Wege der Politik zu vollbringen sind; der glaubt nur an die eigene Willenskraft.

          Während Schopenhauer seine gewagten Thesen in einer rational-klaren Sprache vorbringt, greift die Kampagne zu einem verschwiemelten Ton, der Kitsch („Schlag mit deinen Flügeln und reiß Bäume aus“) und Malocherpathos („Du bist der Laden.“) ruckrhetorisch unter einen Hut bringt. Der nun, nach 1989/90, wieder ganz selbstverständlich artikulierte Nationalstolz, der in dem Deutschen-Hasser Schopenhauer freilich einen schlechten Zeugen hätte, soll dabei ein Elend kompensieren, das in die Argumentation beschwichtigend eingebaut ist und mit dem Rekurs genommen wird auf eine düstere Weltbeschreibung - Pessimismus light gewissermaßen: „Unsere Zeit schmeckt nicht nach Zuckerwatte. Das will auch niemand behaupten. Mag sein, du stehst mit dem Rücken zur Wand oder dem Gesicht vor einer Mauer. Doch einmal haben wir schon gemeinsam eine Mauer niedergerissen. Deutschland hat genug Hände, um sie einander zu reichen und anzupacken.“ Die Zuversicht, die solche Einsichten freisetzen sollen, ist das egoistische Pendant für den schwindenden Gemeinsinn - mit der Folge eines zumindest gefühlten Politikschwunds.

          Schopenhauers Konsequenz

          So ist auch bei Schopenhauer die Politik dispensiert unter dem Eindruck der Allgegenwart und Allmacht des Willens, der als qualitas occulta, als blinde, dunkle Macht, erscheint. Er hielt das allgemeine Leiden für eine ontologische Tatsache und glaubte deshalb nicht daran, daß sich an der leidenden Verfassung der Welt etwas ändern ließe - semper eadem, sed aliter: Die Welt bietet immer dasselbe Schauspiel, eine Mischung aus Komödie und Tragödie, nur jeweils in anderem Kostüm. Dieser gleichsam unpolitische, völlig ahistorische Pessimismus hat viele Künstler fasziniert, aber auch immer wieder marxistische Denker wie Georg Lukacs oder Franz Mehring herausgefordert, die Schopenhauer als politisch unzuverlässigen, weil an gesellschaftliche Veränderung nicht glaubenden Irrationalisten brandmarkten. Entsprechendes ließe sich von der Kampagne sagen, die einer politisch-ökonomischen Krise mit vulgär-spirituellem Erweckungsgerede begegnen möchte.

          Die Schlachten um Schopenhauer sind geschlagen, das humane Kapital der Schopenhauerschen Philosophie ist gerettet und dürfte außer Frage stehen. Staat ist mit ihm jedoch keiner zu machen, seine Philosophie zieht am Ende eine strikt antiweltliche Konsequenz: Es ist die Heiligkeit, der Zustand der Willensverneinung. „Nichts“ ist das letzte Wort der „Welt als Wille und Vorstellung“.

          Optimismus als „wahrhaft ruchlose Denkungsart“

          Und doch gibt es inmitten des sich selbst zerfleischenden Willens einen Trost, in dessen Genuß freilich auch nur die Einsichtigen kommen. Schopenhauer formuliert auf der Basis seiner Metaphysik das heikle Konstrukt von der ewigen Gerechtigkeit: Der Wille führt das Spiel auf eigene Kosten auf, in allem, was ihm geschieht, geschieht ihm recht. Doch der einzelne „sieht den Einen in Freuden, Überfluß und Wollüsten leben, und zugleich vor dessen Türe den Andern durch Mangel und Kälte qualvoll sterben. Dann frägt er: wo bleibt die Vergeltung?“ Gerechtigkeit wird in einen Bereich verlegt, wo sie nicht mehr erfahrbar ist; sie wird transzendent.

          Es ist merkwürdig, wie man die Struktur dieses zutiefst pessimistischen Denkens nachahmen und dabei jenen flachen Optimismus verbreiten kann, der das gerade Gegenteil der Schopenhauerschen Philosophie ist: „Übrigens kann ich hier die Erklärung nicht zurückhalten, daß mir der Optimismus, wo er nicht etwa das gedankenlose Reden solcher ist, unter deren platten Stirnen nichts als Worte herbergen, nicht bloß als eine absurde, sondern auch als eine wahrhaft ruchlose Denkungsart erscheint, als ein bitterer Hohn über die namenlosen Leiden der Menschheit.“ Sollten wir nicht lieber Pessimisten werden? Dann werden wir weniger enttäuscht und glauben nicht an Ammenmärchen.

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