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Deutschland-Kampagne : Sprüche und Schliche

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Während Schopenhauer seine gewagten Thesen in einer rational-klaren Sprache vorbringt, greift die Kampagne zu einem verschwiemelten Ton, der Kitsch („Schlag mit deinen Flügeln und reiß Bäume aus“) und Malocherpathos („Du bist der Laden.“) ruckrhetorisch unter einen Hut bringt. Der nun, nach 1989/90, wieder ganz selbstverständlich artikulierte Nationalstolz, der in dem Deutschen-Hasser Schopenhauer freilich einen schlechten Zeugen hätte, soll dabei ein Elend kompensieren, das in die Argumentation beschwichtigend eingebaut ist und mit dem Rekurs genommen wird auf eine düstere Weltbeschreibung - Pessimismus light gewissermaßen: „Unsere Zeit schmeckt nicht nach Zuckerwatte. Das will auch niemand behaupten. Mag sein, du stehst mit dem Rücken zur Wand oder dem Gesicht vor einer Mauer. Doch einmal haben wir schon gemeinsam eine Mauer niedergerissen. Deutschland hat genug Hände, um sie einander zu reichen und anzupacken.“ Die Zuversicht, die solche Einsichten freisetzen sollen, ist das egoistische Pendant für den schwindenden Gemeinsinn - mit der Folge eines zumindest gefühlten Politikschwunds.

Schopenhauers Konsequenz

So ist auch bei Schopenhauer die Politik dispensiert unter dem Eindruck der Allgegenwart und Allmacht des Willens, der als qualitas occulta, als blinde, dunkle Macht, erscheint. Er hielt das allgemeine Leiden für eine ontologische Tatsache und glaubte deshalb nicht daran, daß sich an der leidenden Verfassung der Welt etwas ändern ließe - semper eadem, sed aliter: Die Welt bietet immer dasselbe Schauspiel, eine Mischung aus Komödie und Tragödie, nur jeweils in anderem Kostüm. Dieser gleichsam unpolitische, völlig ahistorische Pessimismus hat viele Künstler fasziniert, aber auch immer wieder marxistische Denker wie Georg Lukacs oder Franz Mehring herausgefordert, die Schopenhauer als politisch unzuverlässigen, weil an gesellschaftliche Veränderung nicht glaubenden Irrationalisten brandmarkten. Entsprechendes ließe sich von der Kampagne sagen, die einer politisch-ökonomischen Krise mit vulgär-spirituellem Erweckungsgerede begegnen möchte.

Die Schlachten um Schopenhauer sind geschlagen, das humane Kapital der Schopenhauerschen Philosophie ist gerettet und dürfte außer Frage stehen. Staat ist mit ihm jedoch keiner zu machen, seine Philosophie zieht am Ende eine strikt antiweltliche Konsequenz: Es ist die Heiligkeit, der Zustand der Willensverneinung. „Nichts“ ist das letzte Wort der „Welt als Wille und Vorstellung“.

Optimismus als „wahrhaft ruchlose Denkungsart“

Und doch gibt es inmitten des sich selbst zerfleischenden Willens einen Trost, in dessen Genuß freilich auch nur die Einsichtigen kommen. Schopenhauer formuliert auf der Basis seiner Metaphysik das heikle Konstrukt von der ewigen Gerechtigkeit: Der Wille führt das Spiel auf eigene Kosten auf, in allem, was ihm geschieht, geschieht ihm recht. Doch der einzelne „sieht den Einen in Freuden, Überfluß und Wollüsten leben, und zugleich vor dessen Türe den Andern durch Mangel und Kälte qualvoll sterben. Dann frägt er: wo bleibt die Vergeltung?“ Gerechtigkeit wird in einen Bereich verlegt, wo sie nicht mehr erfahrbar ist; sie wird transzendent.

Es ist merkwürdig, wie man die Struktur dieses zutiefst pessimistischen Denkens nachahmen und dabei jenen flachen Optimismus verbreiten kann, der das gerade Gegenteil der Schopenhauerschen Philosophie ist: „Übrigens kann ich hier die Erklärung nicht zurückhalten, daß mir der Optimismus, wo er nicht etwa das gedankenlose Reden solcher ist, unter deren platten Stirnen nichts als Worte herbergen, nicht bloß als eine absurde, sondern auch als eine wahrhaft ruchlose Denkungsart erscheint, als ein bitterer Hohn über die namenlosen Leiden der Menschheit.“ Sollten wir nicht lieber Pessimisten werden? Dann werden wir weniger enttäuscht und glauben nicht an Ammenmärchen.

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