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Deutscher Idealismus : Hegel, der Erzieher

Schon in seiner späten Jugend schwebte ihm ein Leben als intellektueller Volkserzieher vor: Hegel Bild: Illustration Kat Menschik

Unterwegs zum System: Wie Hegel sich als Gymnasialrektor Bildung, Lehre und Lernen vorstellte. Und was der Philosoph damit meinte, der Jugend müsse zuerst „das Sehen und Hören vergehen“.

          9 Min.

          Kann man sich Hegel als jemanden vorstellen, der Waffenübungen beaufsichtigte? Nein, nicht nur beaufsichtigte, sondern für pädagogisch wertvoll erachtete? „Schon als Bildungsmittel“, lässt er am 14. September 1810 seine Zuhörer wissen, „ist dieser Unterricht sehr wichtig“ – und er meint militärische Exerzitien. Die Übung in Sinnesgegenwart, fällt ihm dazu ein, „das Befohlene, ohne sich erst hin und her zu bedenken, auf der Stelle mit Präzision auszurichten, ist das direkteste Mittel gegen die Trägheit und Zerstreuung des Geistes, die sich Zeit nimmt, bis sie das Gehörte in den Sinn hineingehen lässt, und noch mehr Zeit, bis sie wieder herausgeht und das halb Gefaßte halb ausrichtet.“

          Jürgen Kaube
          Herausgeber.

          Liegt der Sinn der Schule also nicht nur im Denken, sondern auch im Nichtdenken? Hegels Zuhörer sind die Schüler und Lehrer des Nürnberger Aegidianums, Hegel ist von 1808 bis 1816 sein erster Leiter. Was ein humanistisches Gymnasium sein sollte, war eine von keinem Vorbild schon beantwortete Frage, und wir sehen, dass Hegel sich Mühe gab, sogar den „allerhöchst anbefohlenen Unterricht“ der Oberklasse im Befehleausführen in seine ansonsten mehr dem Geist gewidmete Schulauffassung zu integrieren.

          Schon in seiner späten Jugend schwebte ihm ein Leben als intellektueller Volkserzieher vor. Lessing schien ihm ein Vorbild dafür gewesen zu sein. Das Problem war freilich nicht nur, dass Hegel damals gar keine Schriften vorweisen konnte, die irgendeinen Anspruch auf eine solche Rolle hätten begründen können. Darüber hinaus war er zunächst auch ein langsamer Arbeiter, der sich mit dem Rücken zum Publikum bildete. Hegel war ein Maulwurf. Das Temperament des bewunderten Denis Diderot, der ein Projekt nach dem anderen verfolgte, hier einen Roman schrieb, dort eine öffentliche Auseinandersetzung verfolgte, dazwischen eine ganze Enzyklopädie redigierte und noch Zeit fand, kleine und große Dialoge zu publizieren, war nicht das Temperament Hegels.

          So hatte er sich die Volkserziehung nicht vorgestellt

          Leicht kann außerdem übersehen werden, wie ökonomisch prekär die Positionen Lessings und Diderots waren. Über Diderot gibt es die Anekdote, dass er mitunter das Haus nicht verließ, weil sein einziges Hemd in der Reinigung war. Alle Intellektuellen, die nicht Erben eines Vermögens waren, sahen sich auf die Unterstützung von Mäzenen, auf die Universität, Pfarreien, Theater oder Bibliothekarsstellen oder auf hauptberufliche Tätigkeiten außerhalb des intellektuellen Feldes verwiesen: als Sekretär, Kirchenbeamter, Minister.

          Jürgen Kaube, „Hegels Welt“ (Rowohlt Berlin, 480 Seiten, 28 Euro). Erscheint am 18. August.
          Jürgen Kaube, „Hegels Welt“ (Rowohlt Berlin, 480 Seiten, 28 Euro). Erscheint am 18. August. : Bild: Rowohlt

          Hegel ist achtunddreißig, und er war bis dahin Hofmeister in Bern und in Frankfurt, unbezahlter Privatdozent und außerordentlicher, mithin ebenfalls unbezahlter Professor der Philosophie in Jena, zuletzt, von Juni 1806 an, dort durch Fürsprache Goethes dann doch mit einem Gehalt versehen, und schließlich Redakteur einer Regionalzeitung in Bamberg. So allerdings hatte er sich die Volkserziehung nicht vorgestellt, „denn jede Minute bei meinem Zeitungswesen ist verlornes, verdorbnes Leben.“ Hegel ächzt in der „Zeitungs-Galeere“, in der ihn jeder Artikel, den er ins Blatt nimmt, das Vertrauen der Zeitungsbesitzer kosten kann.

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