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Anne Berest über Leidenschaft : Die deutsche Zunge – und die französische

  • -Aktualisiert am

Die französische Regisseurin und Autorin Anne Berest Bild: Picture-Alliance

Ein Europa ohne Kultur wird immer ein wackeliges, fast künstliches Gebilde sein. Wir brauchen ein Verlangen nach einander – eine wirkliche, tief empfundene Lust, einander frei von ökonomischen Themen ganz nahe kennenzulernen. Ein Plädoyer.

          Kurz nach den Europawahlen macht mir besondere Sorge, dass die Franzosen so wenig Neugier, so wenig Lust auf die Kultur ihrer Nachbarländer, speziell die deutsche, haben. Ich bin keine Historikerin, bin keine Journalistin, keine Soziologin, aber dort, wo ich mich als Schriftstellerin verstehe, also an dem Platz, den ich einzunehmen versuche – und dieser Platz ist meine Sprache, es sind meine Worte –, an diesem kulturellen Ort frage ich mich, ob es möglich ist, ohne Interesse an den „Kulturen“ der verschiedenen Länder, die es bilden, ein Europa aufzubauen. Ein Europa ohne Kultur wird immer ein wackeliges, fast gar künstliches Gebilde sein. Wir brauchen ein Verlangen nach einander, eine wirkliche, tief empfundene Lust, einander frei von ökonomischen Themen ganz nahe kennenzulernen. Ich würde es folgendermaßen zusammenfassen: Um eine europäische Beziehung zu formen, eine feste Beziehung, kommt man nicht umhin, „mit der Zunge zu küssen“.

          Ich gehöre zu der Generation kleiner Franzosen, die von den Eltern angehalten waren, auf dem Gymnasium Deutsch zu lernen. Damals, in den neunziger Jahren, wurde diese Sprache für unsere Zukunft für sehr viel wichtiger erachtet als Englisch. Ich glaube, in der kollektiven Vorstellung der Franzosen fand eine Art Verquickung statt: Da Deutschland die größte Leistungsgesellschaft Europas war, würde uns der Deutschunterricht von Kindesbeinen an den Aufstieg in die „Eliten“ ermöglichen. Unsere Eltern waren der felsenfesten Meinung, Deutsch spiele eine entscheidende Rolle bei der Besetzung „verantwortlicher Stellen“, wie es allgemein hieß. Heute ist nicht nur diese Vorstellung quasi obsolet – auch ist die Zahl der Deutschschüler an höheren Schulen massiv zurückgegangen. 2012 haben sich weniger als 500 Germanistikstudenten für die Zulassungsprüfung fürs Lehramt angemeldet, und in bestimmten Regionen Frankreichs werden fehlende Lehrkräfte schlichtweg nicht mehr ersetzt. Trotz aller Bemühungen, den Unterricht attraktiv zu gestalten, ist nichts zu machen – die Franzosen lernen kein Deutsch mehr.

          Die einzige Sprache, die die Europäer nun eint, ist demnach ein mehr oder weniger „ungefähres“ Englisch, so geruch- und geschmacklos wie ein in Cellophan gehülltes Fertiggericht. Das ist so schade. Seit meiner Kindheit hege ich eine echte Liebe für die deutsche Sprache, auch wenn ich, was ich bedaure, mit der Zeit vieles vergesse. Dennoch tauche ich immer wieder gern in diese Sprache ein, und mir gefällt es, sie wiederzufinden. Wegen meiner Großmutter, die in ihrem Umfeld in Russland Deutsch gelernt hatte, war ich immer schon germanophil. In seinem Roman „Die Verlorenen“ sagt Daniel Mendelsohn von seinen Vorfahren: „Jedenfalls lernten sie Deutsch, Shmiel und seine Brüder und Schwestern, in der Baron-Hirsch-Schule, und in ihren Köpfen blieb Deutsch auch die Sprache, in der man ernste Dinge schrieb.“

          Der Zungenkuss bedeutete, dass man sich wahrhaftig liebt

          Bei mir war das ähnlich. Meine Großmutter war Ende der fünfziger Jahre Deutschlehrerin in Nizza, und durch sie habe ich die deutsche Grammatik, das deutsche Denken lieben gelernt, dank ihr liebe ich die Worte Goethes und Brechts. Meine Großmutter hieß Myriam Rabinovitch, sie war die einzige Überlebende ihrer Familie. Trotz allem hat die verwaiste Myriam Rabinovitch ganzen Generationen von Schülern die Schönheit der deutschen Kultur vermittelt. Und wenn ich daran denke, wenn ich an diese kleine Frau denke, die ich so geliebt habe, diese kleine Frau, die doch so schwer zu lieben war (so wie es den Familien aller Überlebenden der Schoa erging), wenn ich an Myriam Rabinovitch denke – geboren in Russland, verfolgt durch Pogrome –, die den Rest ihres Lebens damit zugebracht hat, französischen Kindern die Schönheit der deutschen Sprache nahezubringen, dann gehören diese naiven und zugleich konkreten Gedanken zu denen, die mir Mut machen, mir ein Europa von morgen vorzustellen.

          Denn es braucht Mut, sich angesichts der Nationalisten auf allen Seiten so ein Europa vorzustellen. Vor allem aber muss man Lust darauf haben. Als Kind stand für mich der „Zungenkuss“ – den unsere englischen Freunde Frenchkiss nennen, und damit wird deutlich, dass es in gewissen Bereichen tatsächlich kulturelle Unterschiede gibt – für die Idee echter Hingabe in der Liebe. Der Zungenkuss bedeutete, dass man sich wirklich und wahrhaftig liebt. Das dachte ich als Kind, und ich denke es wieder beim Anblick des berühmten Händedrucks von François Mitterrand und Helmut Kohl, verewigt auf einem Foto, das um die Welt ging, Symbol für die deutsch-französische Freundschaft. Erinnern wir uns, wie der französische Präsident am 22.September 1984 dem Kanzler in Verdun die Hand reichte. Das stand nicht im Protokoll, das hatte Mitterrand nicht geplant – es entsprang einer enormen Gefühlsanwandlung, einfach so, ganz spontan. Die Geste eines Menschen, der ins kalte Wasser springt, um dem anderen zu zeigen, dass er ihn möchte. So beginnt eine Liebesbeziehung, wenn man darauf brennt, sein Verlangen zu bezeugen, ohne zu wissen, ob es gegenseitig ist. Ein Verhalten, das auf Gefühlen basiert, auf dem Kodex der Liebe und nicht des Kommerzes. Gibt es etwas Bewegenderes als diese beiden großen Männer, die sich an den Händen halten? Doch fünfunddreißig Jahre danach bin ich der Ansicht, dass es weitergehen muss und dass Frankreich und Deutschland, um ein „richtiges Paar“ zu werden, nicht umhin können, tatsächlich „mit der Zunge“ zu küssen.

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