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1914 und 1939 : Die Kontinuität der Kriegspartei

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Die pseudoreligiöse Aufladung des Soldatentodes – hier ein Gedenkblatt von 1915 – trieb der Erste Weltkrieg ins Extrem. Auch darauf konnte Hitler 1939 zurückgreifen, als er die weltgeschichtliche Mission der Deutschen im neuen Völkerkampf beschwor Bild: picture alliance / ZB

Was 1914 gesät wurde, ging 1939 auf: Über den Zusammenhang der deutschen Politik bei den Weltkriegsausbrüchen und über das historiographische Interesse, ihn zu verschleiern.

          Zu den Merkwürdigkeiten des Gedenkjahrs 2014 in Deutschland gehört eine auffällige Asymmetrie: Der Kriegsausbruch von 1914 findet ungleich mehr Beachtung als der von 1939. Nun sind hundert Jahre ein runderes Datum als 75, aber das allein erklärt das Gefälle des öffentlichen Interesses nicht. Wichtiger ist ein anderer Unterschied: Über 1939 gibt es so gut wie keine Kontroversen mehr. Es war das nationalsozialistische Deutschland, das den Zweiten Weltkrieg entfesselt hat. Über die Kriegsschuldfrage von 1914 wird dagegen immer noch gestritten, und zwar nicht mehr über die These von der deutschen Alleinschuld, die kaum noch ein Historiker verficht, wohl aber darüber, ob Deutschland zusammen mit seinem Verbündeten Österreich-Ungarn die Hauptverantwortung für die Auslösung des Ersten Weltkriegs zukommt oder alle beteiligten Mächte in mehr oder minder gleichem Maß für den fatalen Ausgang der Julikrise von 1914 verantwortlich sind.

          Die zweite Lesart ist in Deutschland die populärere. Das lässt sich auch am großen Erfolg von zwei neuen Werken zum Ersten Weltkrieg ablesen, die diese Sichtweise vertreten: Christopher Clarks „Schlafwandlern“ und Herfried Münklers „Großem Krieg“.

          Eine weitere Auffälligkeit der deutschen Geschichtsdebatte von 2014 besteht darin, dass die Frage einer möglichen Kontinuität zwischen den beiden Weltkriegen kaum gestellt wird. Die pointierteste Form der Kontinuitätsthese stammt von Charles de Gaulle. Am 18. September 1941 ordnete der Chef der „France libre“ in einer Rundfunkrede, die aus London ins besiegte Frankreich gesendet wurde, das aktuelle Kriegsgeschehen in einen großen historischen Zusammenhang ein. „Der Krieg gegen Deutschland hat 1914 begonnen“, sagte er. „Der Vertrag von Versailles hat ihn in der Tat keineswegs beendet. Es hat lediglich einen Waffenstillstand gegeben, in dessen Verlauf der Feind seine Angriffskraft wiederherstellte ... In Wirklichkeit befindet sich die Welt also im Dreißigjährigen Krieg, für oder gegen die Weltherrschaft des Deutschtums (la domination universelle du germanisme).“

          Eine willkommene Entlastung

          Das Wort vom neuen Dreißigjährigen Krieg war ein Mittel der psychologischen Kriegführung, aber nicht ohne historische Substanz. Wie immer man die Kriegsschuldfrage von 1914 beantwortet, es traf zu, dass Deutschland sich nach 1918 mit seiner Niederlage nicht abfand und dass Hitler von Beginn an zur kriegerischen Expansion entschlossen war, wobei er freilich im Gegensatz zum landläufigen Revisionismus niemals daran dachte, sich mit den Grenzen der Vorkriegszeit zu begnügen. Allerdings schloss de Gaulles Verdikt ein hohes Maß an geschichtspolitischer Willkür ein: Es ließ die Machtübertragung an Hitler als zwangsläufig erscheinen, leugnete also, dass das Deutschland der Weimarer Republik auch andere Entwicklungsmöglichkeiten hatte - eine Interpretation, an die man glauben konnte, die sich aber nicht beweisen ließ.

          Es gibt gute Gründe, die These vom zweiten, von Deutschland herbeigeführten Dreißigjährigen Krieg als propagandistische Verzeichnung zurückzuweisen. Doch die Frage nach den Zusammenhängen zwischen den Kriegsausbrüchen von 1914 und 1939 ist dadurch nicht erledigt. Wer sie stellt, der muss freilich mit heftigem Widerspruch rechnen. Aus der Lektüre von Clarks „Schlafwandlern“ haben offenbar viele Deutsche den Schluss gezogen, dass sich eine selbstkritische Betrachtung der deutschen Politik vor dem Ersten Weltkrieg und während der Julikrise von 1914 erübrige. Entsprechend abwehrend fällt das Leserbriefecho aus, wenn deutsche Kollegen des in Cambridge lehrenden australischen Historikers Zweifel an der Stichhaltigkeit seiner Deutschland entlastenden Argumentation äußern oder ihm vorhalten, dass er die innenpolitischen Hintergründe der von ihm geschilderten „Haupt- und Staatsaktionen“ ausblende.

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