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1914 und 1939 : Die Kontinuität der Kriegspartei

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Die Frage muss umfassender gestellt werden

Der Feuilletonchef der „Zeit“, Jens Jessen, hielt kürzlich in einem Artikel Fritz Fischer vor, dieser habe mit seiner Hauptschuldthese die „eigene Nazi-Nähe“ zu überwinden versucht. Tatsächlich war Fischer 1933 der SA und 1938 der NSDAP beigetreten, und seine kritische Auseinandersetzung mit der Kontinuität der deutschen Geschichte vom Wilhelminismus bis zum Nationalsozialismus war fraglos auch eine - sehr ehrenwerte - Abrechnung mit den eigenen Verirrungen. Den Kritikern Clarks und Münklers gilt Jessens Vorwurf, sie versuchten die Last der nationalsozialistischen Verbrechen auf immer weitere Generationen, auf zahllose Schultern zahlloser Vorväter, zu verteilen, um so die Nachfahren zu entlasten. Sie verkleisterten auf diese Weise den „Epochenbruch von 1933“, indem sie einem „gnädigen Verschwimmen der Naziverbrechen in einem Meer düsteren Unheils“ das Wort redeten, dem man „bequem von der sicheren Küste einer moralisch blütenweißen Gegenwart“ zusehen könne.

Jessen empfiehlt die Rückkehr zu einer Sicht der deutschen Geschichte, wie sie in den fünfziger Jahren in der alten Bundesrepublik en vogue war. Die Schuld an der deutschen Katastrophe wurde damals allein „Hitler und seinen Spießgesellen“ zugeschrieben, während so gut wie keine Rede von den konservativen Eliten war. Der „Epochenbruch von 1933“ erscheint bei Jessen als ein Ereignis ohne deutsche Vorgeschichte, als eine Art politischer Urknall. So verrätselt und verinselt er die Zeit des Nationalsozialismus und nähert sich schließlich jener apologetischen Position, der der Wirtschaftswissenschaftler Wilhelm Röpke in seinem 1945 erschienenen, noch im Schweizer Exil geschriebenen Buch „Die deutsche Frage“ klassischen Ausdruck verliehen hat: „Heute sollte sich jeder klar darüber sein, dass die Deutschen die ersten Opfer der Barbareninvasion gewesen sind, die sich von unten herauf über sie ergoss ...“

Aber durch einfache Formeln lässt sich die Frage nach der Kontinuität der deutschen Geschichte, vor allem der des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts, nicht beiseiteschieben. Diese Kontinuität reicht über die Zusammenhänge zwischen den Kriegsausbrüchen von 1914 und 1939 weit hinaus und umfasst auch die freiheitlichen Traditionen Deutschlands. Wenn die Debatte über 1914 auch eine Reaktion darauf ist, dass lange Zeit nur die Jahre 1933 bis 1945 im Mittelpunkt des öffentlichen und nicht zuletzt des pädagogischen Interesses gestanden haben, kann sie zu einer Erweiterung des allgemeinen Erinnerungshorizonts beitragen und damit etwas Positives bewirken. Wer den geschichtlichen Ort der deutschen Katastrophe bestimmen will, der muss die Kontinuitätsfrage sehr viel umfassender als bisher stellen und sie in größere, europäische und westliche Zusammenhänge einordnen, sich also von nationalstaatlichen Verengungen verabschieden und einer vergleichenden Perspektive zuwenden.

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