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1914 und 1939 : Die Kontinuität der Kriegspartei

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Wie aus den Ideen von 1914 die von 1939 wurden

Als die Hoffnungen auf einen raschen deutschen Sieg sich nicht erfüllten, begann die Jagd auf Sündenböcke. Als solche kamen in erster Linie die Juden in Frage. Der Gießener Chemieprofessor Hans von Liebig, ein Alldeutscher, bezeichnete bereits im Dezember 1915 den als unentschlossen verschrieenen Bethmann Hollweg als „Kanzler des deutschen Judentums“. Knapp drei Jahre später, im Oktober 1918, also kurz vor Kriegsende, rief der Vorsitzende des Alldeutschen Verbandes, der Mainzer Justizrat Ernst Claß, dazu auf, „die Lage zu Fanfaren gegen das Judentum und die Juden als Blitzableiter für alles Unrecht zu benutzen“. Abermals zwei Jahre später nahm der Führer der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei, Adolf Hitler, Verbindung zu Claß auf. Der Führer der Alldeutschen, der wortmächtigste Sprecher der Kriegspartei, hatte einen gelehrigen Schüler gefunden.

Was die Kriegspartei hatte verhindern wollen, war inzwischen eingetreten: Deutschland war im Oktober 1918 zur parlamentarischen Demokratie geworden (zunächst zur parlamentarischen Monarchie, dann, infolge der Revolution vom November 1918, zur parlamentarischen Republik). In weiten Kreisen galt die Demokratie infolgedessen als Begleiterscheinung der Niederlage, als Staatsform der Sieger, als undeutsch. Niemand artikulierte dieses Ressentiment so geschickt wie Hitler.

Am 3. September 1939, sechseinhalb Jahre nachdem Reichspräsident von Hindenburg ihn zum Reichskanzler ernannt hatte und zwei Tage nach dem Beginn des von ihm entfesselten Zweiten Weltkriegs, wandte sich Hitler in einem Aufruf an die „Nationalsozialisten und Nationalsozialistinnen“. Darin hieß es, „unser jüdisch-demokratischer Weltfeind“ habe es fertiggebracht, das englische Volk in den Kriegszustand gegen Deutschland zu hetzen. Die Gründe dafür seien so verlogen und fadenscheinig wie 1914. Nun gelte es, den kapitalistischen Kriegshetzern Englands und seinen Trabanten zu zeigen, „was es heißt, den größten Volksstaat Europas ohne jede Veranlassung angegriffen zu haben“. Aus den Ideen von 1914 waren die Ideen von 1939 geworden. Abermals wurde dem kapitalistischen, ja plutokratischen England das soziale, ja sozialistische Deutschland gegenübergestellt.

Von einer narzisstischen Kränkung befreit

„Hitler war kein Betriebsunfall“: So lautet der Titel einer 1992 erschienenen Aufsatzsammlung des 1999 verstorbenen Hamburger Historikers Fritz Fischer. Er machte damit, nicht zum ersten Mal, Front gegen jene nationalapologetische Deutung der deutschen Geschichte, die vom Anteil der konservativen Eliten an der Zerstörung der ersten deutschen Demokratie, der Weimarer Republik, und an der Machtübertragung an Hitler am 30. Januar 1933 nichts wissen wollte und in Abrede stellte, dass die nationalistische Rechte der Wilhelminischen Ära entscheidend dazu beigetragen hatte, dem Nationalsozialismus den Boden zu bereiten.

Bis heute nicht widerlegt ist Fischers Darstellung der deutschen Politik im Juli 1914, die ganz bewusst das Risiko der Ausweitung eines regionalen, serbisch-österreichischen Konflikts zu einem Weltbrand in Kauf nahm und damit den entscheidenden Anstoß zur „Urkatastrophe“ des zwanzigsten Jahrhunderts gab. Das begeisterte Echo, das der faktische Freispruch Deutschlands von der Hauptschuld am Ersten Weltkrieg in den Büchern von Clark und Münkler gefunden hat, legt jedoch eine Vermutung nahe: Ein überwiegend älteres, konservativ gestimmtes Segment des gebildeten deutschen Publikums fühlt sich durch die revisionistischen Darstellungen von einer narzisstischen Kränkung befreit: dem als verletzend empfundenen Vorwurf, dass Deutschland auch an der Auslösung des ersten der beiden Weltkriege den maßgeblichen Anteil gehabt habe. Es ist mithin die These von der Kontinuität der beiden Kriegsausbrüche, die den Protest hervorruft - ein paradoxer Befund, wenn man bedenkt, dass die Idee historischer Kontinuität zum Kernbestand konservativen Denkens gehört.

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